Ausgabe 
15.2.1898
 
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Die Thür öffnete sich gerade soweit, daß Jacques ein­treten konnte- als er sich im Speisesaal befand, setzte Herr Rigal sich und forderte den Besucher auf, dasselbe zu thun.

Na! sprich!" begann der alte Herr.Aber ich sage Dir im Voraus: mein Entschluß hat sich seit neulich nicht geändert, wenn Du Dir die fünfzigtausend Francs nicht ver­schafft hast, die ich verlange . . ."

Aber Sie wissen doch, Herr Rigal, daß das bei dreißigtaulend Francs, die ich in meiner Stellung monatlich verdiene, nicht möglich ist . .

In diesem Fall, mein Freund . . ."

Rigal erhob sich bereits, um Jacques zu verabschieden - doch dieser blieb trotzdem sitzen und sagte in bittendem Tone:

Haben Sie wenigstens die Güte mich anzuhören ... Wenn Sie wüßten, Herr Rigal, wie unglücklich ich bin!

Der Alte unterbrach ihn:

Geschwätz! Du liebst meine Tochter, sagst Du . . . Das st Dein Recht . . . Sie liebt Dich auch, sagt sie . . . Sie daran zu hindern, habe ich nicht mehr die Macht . . . Doch in Eure Heirath willigen, das ist etwas anderes . . . Das wäre wahrhaftig sehr bequem, wenn man keinen Pfennig besitzt, die Tochter eines braven Mannes zu heirathen, der sich dreißig Jahre lang gequält hat, um sich etwas zurück­zulegen! ... Ich gebe Emma fünfzigtausend Francs Mitgift, bringe Du dieselbe Summe mit in die Ehe, und alles ist erledigt ... im anderen Falle . . ."

Aber, Herr Rigal . . ."

Es giebt keinAber . . ." Die Mitgabe der beiden Gatten soll im Contract gleich sein . . . So, ich habe gesyrochen, und wenn Du mir jetzt das Vergnügen machen willst . . ."

Jacques mußte sich als besiegt erklären. Bevor er sich entfernte, konnte er doch nicht umhin, einen letzten Blick auf dieses Zimmer zu werfen, das er nicht mehr betreten zu dürfen glaubte. Wie viel glückliche Stunden hatte er darin verlebt! Schon in seiner Kindheit hatte er hier als Flur­nachbar mit Emma gespielt. Daun waren die kleinen Kameraden große Freunde geworden- ein zartes Gefühl hatte sich in ihr Herz eingeschlichen . . . endlich hatten sie sich verstanden und sich eines Abends, als sie einen Augenblick allein waren, ihre gegenseitige Liebe erklärt.

Allerdings hatten sie die Schwierigkeiten vorausgesehen, die sich ihrer Liebe entgegenstellen würde. Sie kannten recht wohl die Ansichten des Alten und seine unerbittliche Härte in Geldangelegenheiten- aber sie hatten gehofft, seinen Widerstand schließlich besiegen zu können.

Nun mein Freund, wenn Du so gut sein willst" sagte Rigal noch einmal . . .

Ich gehe, Herr Rigal, ich gehe, versetzte Jacques, gleichsam wie aus einem Traume auffahrend, wandte sich aber irrthümlich dem Comptoir des Alten zu.

Na, wo willst Du denn hin? Hier gehts doch nicht hinaus?"

Ach, Pardon!"

Na, geh' nur, das macht nichts, Du kommst hier auch hinaus!"

Und Rigal fügte, ein höhnisches Lachen ausstoßend, hinzu:

Das ist der Weg für die Kunden, die ich hinaus- begleite."

<^> Das Zimmer, das Jacques jetzt durchschritt, war mit

einem Schreibtisch, über dem sich Cartons mit Scripturen befanden, einem Geldschrank und einigen Stühlen aus­gestattet. Als der junge Mann den Geldschrank beim Vor­übergehen unwillkürlich mit den Blicken streifte, bemerkte der Alte kichernd:

Siehst Du, so was mußt Du Dir anschaffen, aber mit guten Werthpapieren ausgefüllt!"

Dann schloß er die Thür hinter dem armen Jacques, stopfte sich seine Pfeife und blies, vergnügt vor sich hin­schmunzelnd, große Rauchwolken in die Luft.

* * *

*

Es war Jacques nicht gelungen, Emma einmal wiederzu­sehen. Tagtäglich wanderte er an dem Hause auf und ab, indem er auf eine zufällige Begegnung mit dem jungen Mädchen hoffte, doch vergebens.

Schließlich suchte er seinen Freund Jean Bernau auf und bat ihn um Rath, was er thun sollte.

Ach sieh da! welcher Zufall führt Dich denn her? fragte Bernau, als er Jacques erblickte . . . tritt nur näher! Du triffst es gerade gut! Wir sind eben mit einigen Kameraden dabei, den Tisch klopfen zu lassen."

Aber . . ."

Komm nur! komm!"

Jacques trat in ein fast ganz dunkles Zimmer, in dem ein halbes Dutzend junger Leute auf das Erscheinen des Geistes zu warten schien.

Du beschäftigst Dich also ernsthaft mit diesen Dingen? fragte Jacques seinen Freund.

Allerdings . . . Sehr ernsthaft ... Du weißt, ich glaube an diese Wissenschaft . . ."

Nun ich will Dich bei Deinen Experimenten nicht stören ... Ich werde wiederkommen, denn ich habe mit Dir zu sprechen . . ."

Das thut nichts . . . Sage, was Du wünschest, die Herren werden die Sitzung ohne mich fortsetzen . . ."

Bernau führte seinen Freund in ein anderes Zimmer, um ungestört mit ihm reden zu können.

Nun! was soll ich thun?" fragte ihn Jacques, nach­dem er ihm seinen Liebesroman eingehend erzählt hatte.

Dir die fünfzigtausend Francs verschaffen, die Dir fehlen?"

Wenn Du mir weiter nichts zu sagen hast ... Da war cs wahrhaftig nicht der Mühe werth, Dir erst etwas zu erzählen? . . . Und für den Augenblick handelt es sich für mich nicht einmal darum, Emma zu heirathen, sondern von ihr Nachricht zu erhalten ... Ist sie überhaupt noch in Paris? hat ihr Vater sie nicht, um jede Annäherung zwischen uns zu verhindern, zu irgend einer Verwandten in die Provinz geschickt?"

Nun, ich verspreche Dir, ich werde das Alles er­fahren ... ich werde mein Möglichstes thun . . . und einen Schlachtplan entwerfen. Fasse Dich inzwischen in Geduld. Sobald ich Dir etwas Interessantes mitzutheilen habe, werde ich Dich benachrichtigen . . ."

Und wie gedenkst Du zu Werke zu gehen!"

Bernau nahm die Miene eines Jnspirirten an, deutete mit dem Finger nach dem Zimmer, in dem die spiritistischen Experimente abgehrlten wurden, und sagte:

Ich werde den Geist befragen!"

Wenn Du Dich über mich lustig machen willst . .

Ich mich über Dich lustig machen! . . . Nun Du sollst sehen!"

* *

*

Zwei Monate waren seit jenem Tage vergangen, und Jacques hatte nichts weiter von seinem Freunde gehört. Vergeblich hatte er oftmals an dessen Thür geklopft. Der Portier wiederholte ihm stets dasselbe:

Herr Bernau ist nicht zu Hause!"

Er hatte ihm auch wenigstens zehnmal geschrieben, und zwar dringendere Briefe, ohne jedoch eine Antwort zu erhalten.

Ich kann mir schon denken, wie es steht", dachte der arme Kerl,meine Sache langweilte ihn, und er hat mich aufgegeben . . . Das ist der Lohn für die Freundschaft, die ich für ihn hegte ... Ich hätte mir das Nöthigste ab­gedarbt, um ihm zu helfen! . . . Auch von der Freundschaft habe ich nicht mehr zu erwarten, als von der Liebe!

Nun kehrte sich sein Groll gegen Emma, denn auch über sie hatte er sich zu beklagen. So überwacht sie auch war, konnte sie nicht wenigstens die Zeit finden, ihm einmal zu schreiben? Mußte er Angesichts dieses andauernden