Ausgabe 
15.2.1898
 
Einzelbild herunterladen

98

Möglich," entgegnete Carl gleichgiltig,es mögen außer unserer Familie noch mehr Köster in Berlin wohnen."

Ganz recht," fiel jetzt Herr Holzapfel ein mit der freudigen Gegnugthuung eines Menschen, der endlich gefunden hat, wonach er suchte,ganz recht! Jetzt erinnere ich mich: er war ein junger Mann, der seinen Familiennamen genau so schrieb wie Sie den Ihren,- ein junger Jurist, ein Referendar, der am Kammergericht arbeitete."

Carl blickte unangenehm überrascht auf. Das konnte nur Otto gewesen sein. Na ja, der machte ja damals allenthalben Schulden. Er war noch mit sich im Unklaren, ob er sich als Bruder des leichtsinnigen Schuldenmachers bekennen sollte oder nicht, als der Geldmann schon wieder das Wort nahm.

Mit dem eitlen Vergnügen eines Schwätzers, der sich etwas auf sein gutes Gedächtniß einbildet, fuhr er fort: Ja, ja, ich erinnere mich genau, obgleich es mindestens drei Jahre her sind. Es war ein schmächtiger, junger Mann, einen halben Kopf größer als Sie. Ein leichtsinniges Tuch und ein schlechter Zahler. Dreimal habe ich prolongiren müssen. Ich gab wahrhaftig das Geld schon verloren. Da ... am letzten . . . kurz vor seinem Assessorexamen, kommt der Mensch auf mein Bureau gestürzt und zählte mir Sie können sich meine Freude denken . . . vier . . . oder es waren es drei . . . nein, es waren doch viertausend Mark, baar auf den Tisch."

Viertausend Mark?" wiederholt Carl mechanisch und sicht den Geldmann aus weitgeöffneten Augen an.

Der Mann, der den starren, großen Blick seines Be­suchers für einen Ausdruck des Zweifels hält, entgegnet mit heftiger Bestimmtheit:Viertausend Mark! Wenn ich Ihnen sage .... ich kann mich doch auf mein Ge­dächtniß verlassen. Sie glauben mir nicht? Ich werd's Ihnen schwarz auf weiß beweisen." Der Mann wendet sich zu seinem Schreibtisch und zieht ein Schubfach heraus, aus oem er ein großes Geschäftsbuch hervorlangt. Carl folgt allen seinen Bewegungen mit Blicken, die ein starkes Inter­esse widerspiegeln. In seinem Hirn überstürzen sich die Gedanken. Sollte es wirklich Otto gewesen sein! Vier­tausend Mark! Wie hatte er die bezahlen können? Oder handelte es sich um jene dreitausend Mark Wechselschulden, von denen der Vater die Hälfte bezahlt hat, während die andere Hälfte von Herrn von Markwald, Ottos Freund, beigesteuert worden ist?

Er nimmt den Geldmann fest in's Auge und strengt sein Gedächtniß an. Auf den Namen des Wucherers, der damals im elterlichen Hause erschien, kann er sich freilich nicht mehr besinnen, doch soviel er sich zu erinnern vermag, hat der Mann da vor ihm nicht die geringste Aehnlichkeit mit dem Geldverleiher von damals.

Herr Holzapfel läßt einen freudigen Ausruf hören, dem die Wort folgen:

//Ich sagt' es Ihnen ja: viertausend Mark. Otto Köster, Kammergerichtsreferendar, Hollmannstraße 21, zahlte mir am vierten April achtzehnhundert . . ." Eine heftige Bewegung seines Besuchers veranlaßt Herrn Holzapfel, sich zu unterbrechen.

Carl ist auf seine Füße gesprungen,- in der vorüber­gebeugten Haltung seines Oberkörpers, in der alle Muskeln gespannt sind, in dem Funkeln seiner Augen und in dem Vibriren seiner Mienen malt sich die tiefste innere !Be- wegung.Am vierten April!" Das Datum hat sich fest in sein Gedächtniß gegraben. Wie oft ist nicht von diesem Tage die Rede gewesen während jenes Prozesses, den er als Angeklagter-über sich hat ergehen lassen müssen.

Wie sagen Sie," stößt er mit einer eigenthümlichen, heiseren, fast versagenden Stimme heraus,am vierten April achtzehnhundertneunzig hat Ihnen mein Bruder viertausend Mark gezahlt?"

Der Gefragte sieht mit einem kurzen Seitenblick von

dem Blatte auf, auf dem sein Finger noch immer die in Rede stehende Stelle festhält.

Also doch Ihr Bruder," sagt er freundlich lächelnd, nein, sehen Sie mal an! Uebrigens Ihr Vater muß ein famoser alter Herr gewesen sein, daß er Ihrem Bruder damals die viertausend Mark so auf einen Ruck gegeben hat. Warum wenden Sie sich denn nicht an Ihren Herrn Vater?"

Carl lehnt sich weit über den Zahltisch herüber, seine glühenden Augen heften sich fest auf das Buch vor dem Geldverleiher, können jedoch bestimmte Zahlen nicht unter­scheiden. Seine Brust athmet hörbar, seine Finger zucken, in seinem ganzen Wesen prägt sich eine ungestüme Er­regung aus.

Am 4. April 1890. Das war der Tag des Diebstahls, der ihm ... zur Last gelegt worden. Und an diesem Tage zahlte Otto viertausend Mark! Wo hatte Otto das Geld her, wo?

Ein Gedanke durchblitzt den wie im Fieberdelirium Zusammenschauernden, ein Gedanke, bet dem ihm fast der Herzschlag stockt.

Viertausend Mark fehlten aus Vaters Geldtasche! Viertausend Mark betrug Ottos Schuld, die an demselben vierten April bezahlt worden ist.

Die Gedanken und Vorstellungen durchkreuzen sich in tollem Durcheinander in seinem Hirn. Ist er denn wahn­sinnig geworden? Er greift sich mit den beiden Händen an die Stirn, als möchte er seine Gedanken zusammenhalten.

Herr Holzapfel, den das lange Stillschweigen seines Besuchers befremdet, erhebt forschend sein Gesicht.Aber was haben Sie denn?" ruft er erstaunt.Sie sind ja leichenblaß! Sie zittern ja am ganzen Körper! Ist Ihnen denn nicht wohl?"

Carl macht nur eine abwehrende Bewegung mit der Hand.?

Sind Sie ganz sicher," stößt er hervor,daß mein Bruder Ihnen am vierten April viertausend Mark be­zahlt hat?"

Aber natürlich," antwortet der 'Geldverleiher beleidigt und pocht mit der Hand auf das vor ihm liegende Buch, denken Sie denn, man führt seine Geschäftsbücher zum Spaß?"

Carl greift nach seinem Hut. Der Boden brennt ihm unter den Füßen. Er will volle Gewißheit haben. Herrn Holzapfels Erstaunen wächst.

Ja, wo wollen Sie denn nun hin?" sagt er.Was haben Sie denn? Wie steht es denn mit unserem Geschäft?"

Carl sieht den Geldmann betroffen, verständnißlos an. Den Grund seines Hierseins scheint er total vergessen zu haben. Was will der Mann von ihm? Ja so! Er er­innert sich.

Ich komme wieder," giebt er hastig, gurgelnden Tones zurück. Damit stürmt er in unaufhaltsamer Eile davon.

(Fortsetzung folgt.)

Die Mitgift.

Novelette von Michel Triveley.

- (Nachdruck verboten.)

Jacques Morel, der sich mit allem ihm innewohnenden Muthe gewappnet hatte, klingelte an der Thür des Vater Rigal.

Der alte Herr öffnete selbst.

Sobald er Jacques bemerkt, ließ er eine Art Knurren vernehmen, seine Augenbrauen zogen sich zusammen, und sein kleines Auge schleuderte einen Zornesblick.

Wie! Du bists schon wieder?"

Aber . . . Herr Rigal ..."

Ich glaube Dir doch bereits gesagt zu haben, daß ich Dich nicht mehr empfangen will . . . Doch da Du nun ein­mal hier bist, so komm nur herein.