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unb neben ihr schritt in seiner affectirt würdebollen Haltung sein Bruder Otto. Die Beiden führten eine lebhafte Unterhaltung miteinander. So oft sie an einer der Straßenlaternen vorüberkamen, sah er es deutlich, wie sie ihrem Begleiter ihr Gesicht zukehrte und mit Interesse an seinen Lippen zu hängen schien.
Eine ungestüme Bewegung ergriff den Ueberraschten, Schmerz, Zorn, Wuth und Enttäuschung in einem wunderbaren Gemisch. Daneben glühte etwas wie ein Gefühl von Angst und Bangigkeit und einer unsagbaren Trauer in ihm auf.
Er hielt gleichen Schritt mit den auf dem anderen Trottoir ahnungslos Dahinwandelndrn, auf die Gefahr hin, von ihnen bemerkt zu werden. Erst als sie vor dem Hause, in welchem Helene Zimmermann wohnte, angelangt waren, hielt er sich vorsichtig zurück. Er sah, wie sie Otto zum Gruß die Hand reichte und wie sie dann in dem Hause verschwand. Eine ganze Weile stand er noch wie betäubt und starrte immer zu dem Hause hinüber und zu den Fenstern des obersten Stockwerkes hinauf, in welchem sich, wie er wußte, die Wohnung voll Helenens Verwandten befand-
Endlich raffte er sich auf und das Verlangen, Otto zu sprechen und von ihm eine Erklärung zu fordern, packte ihn mit Ungestüm. Lag hier nur der Zufall vor, der die Beiden hatte einander auf der Straße begegnen lassen.
Er eilte nach der anderen Seite hinüber, aber von Otto keine Spur mehr. Ein grenzenloses Erstaunen erfaßte den Heimkchrenden, als er auch zu Hause den Bruder nicht vorfand. Die heftig schmerzenden, aufstachelnden Empfindungen, die ihn schon vorher auf der Straße bestürmt hatten, kehrten in verstärktem Maße zurück, und er mußte alle seine Selbstbeherrschung aufbieten, um nicht zu verrathen, was innerlich in ihm vorging.
Jeden Abend eilte nun Carl nach Fabrikschluß mit fiebernder Unruhe nach der Pankstraße. Schon am dritten Abend wurde ihm derselbe Anblick wie neulich: Otto und Helene miteinander plaudernd und lächelnd. Nun war kein Zweifel mehr möglich: nicht ein Zufall lag diesen Begegnungen zu Grunde, sondern eine bestimmte Verabredung.
Ein so heißer Schmerz durchfuhr den heftig Erregten, daß er hätte laut aufschreien können. Kaum hatten Otto und Helene sich getrennt, als Carl in zitternder Aufregung zu dem Bruder hinüberstürzte.
„Was hast Du mit Fräulein Zimmermann?" fragte er ihn ohne Weiteres.
„Ich?" Otto blickte ein wenig verlegen. „Nichts. Ich bin ihr zufällig begegnet."
„Zufällig!" Der Aeltere lachte bitter. „Und vor
drei Tagen?"
Otto sah seinen Bruder erstaunt an. „Also Du spionirst!" bemerkte er spöttisch. „Sieh' 'mal an! Du bist doch nicht etwa eifersüchtig?"
Eine flammende Röthe ergoß sich über das ehrliche Gesicht des Anderen.
„Unsinn!" brauste er auf und sah seinem Brudex zornig in die listig blinzelnden Augen. „Aber ich achte Fräulein Zimmermann, der wir Alle zu Dank verpflichtet sind, und ich werde nicht dulden, daß Du sie ins Gerede bringst.^
„Ins Gerede? Lächerlich! Wer achtet denn auf uns? Wer kümmert sich denn darum? Ueberhaupt, was ist denn da weiter? Sie hat mir erzählt, daß sie des Nachmittags über in der Badstraße beschäftigt ist, und da hole ich sie manchmal des Abends ab, wenn ich gerade nichts Besseres vorhabe. Sie ist doch ein ganz nettes Mädchen."
Dem Anderen strömte alles Blut zu Herzen. Er zitterte vor Aufregung und er hatte das Gefühl, als stieße ihm Jemand ein Messer in die Brust. Also Helene selbst — ! Freilich, Otto- hatte ein hübsches, glattes Gesicht, besaß feine Manieren und war Referendar!
„Du liebst sie?" fragte er und seine verstörten Blicke hingen in angstvoller Spannung an dem Gesicht des Bruders.
(Fortsetzung folgt.)
Damensport im Winter.
Von M. Kossak.
------- (Nachdruck verboten.)
Auf den Bäumen liegt feiner glitzernder Reif, unter den Füßen knirscht der Schnee — ein kalter Wintertag! Doch, was thuts! Wenn man sich tüchtig regt, erwärmt man sich schon. Wer die Kälte scheut, der kann ja im Zimmer am prasselnden Ofenfeuer bleiben. All die jungen Mädchen, die da plaudernd und lachend daher kommen, die Riemen mit den Schlittschuhen über den Arm gehängt, sehnen sich nicht nach seiner Wärme, im Geist befinden sie sich schon auf der spiegelnden Eisfläche, nach dem Tact der Musik dahinschwebend, — wie das lockt! Die Freundinnen rufen und nicken, die Herren schwenken grüßend die Hüte, man eilt sich, zu ihnen zu kommen, denn schade um jeden Augenblick, der verloren geht. Rasch werden die Stahlschuhe an den Füßen befestigt und dann gehts vorwärts.
Welch' ein reizendes Bild ist doch solch' eine fröhlich belebte Eisbahn, auf der alles Kraft, Jugendmuth und Lebenslust athmet! Wie hübsch die Damen aussehen in ihren knappen pelzverbrämten Tuchcostüms, die kleinen flachen Mützen keck auf die Seite gerückt, die zierlichen Muffs auf die Hände gestreift. Nie kommen die weichen Linien ihrer Gestalt so zur Geltung, wie bei diesem Hin- und Herwiegen, nie sind ihre Augen so blitzend, ihre Farben so rosig, als wenn die rasche Bewegung in frischer Luft das Blut schneller in Umlauf setzt. Sie wissen das auch recht gut und freuen sich darüber — wer wollte es ihnen verdenken? Frauen sollen ja bis zu einem gewissen Grade eitel sein, und jener Schminke, welche Gesundheit und Frohsinn auf die Wangen zaubert, braucht sich keine zu schämen.
Ja, die Mädchen von heute haben es im Grunde doch besser als ihre Mütter und mehr noch ihre Großmütter in ihrer Jugend! Denn die letzteren wußten nichts von dem fröhlichen Sport, mit dem ihre Enkelinnen sich nach Herzenslust vergnügen dürfen, sie mußten hübsch daheim bleiben und im Hause schaffen; wenn das Roth, in welches das Herdfeuer die Gesichter getaucht, verblichen war und sie wieder am Stickrahmen oder Webstuhl saßen, dann sahen die Züge so fahl aus, und die Haltung wurde so schlaff! „Ihr müßt Eisen nehmen", hieß es, aber daß es ein anderes wirksameres Mittel gegen die Bleichsucht gab, ein Mittel, das so angenehm war zu gebrauchen, daran dachte Niemand. Eine junge Dame auf Schlittschuhen! Schrecklicher Gedanke! Dergleichen schickte sich für halbwüchsige Jungen, die mochten auf ihren ungefügigen Holzkufen, die Arme weit von sich gespreizt, dahin schlenkern, ein sittsames, wohlerzogenes Fräulein aber — dem erlaubte man so etwas nicht.
Und heute? Da vermag man es kaum zu erwarten, bis man die Kleinen in diesem oder jenem Sport sich üben läßt. Kaum können sie auf dem Eis auf eigenen Füßen stehen, so schnallt man ihnen die Stahlschuhe an. „Nun sieh, wie Du Dir forthilsst", wird ihnen zugerufen. „Fällst Du, so stehst Du wieder auf, nur sieh Dich vor, daß Du nicht zu oft fä'ist, denn dann wirst Du ausgelacht." Ob es die Kinder nicht besser auf den Kampf ums Dasein vorbereitet, wenn man sie früh im Spiel schon auf ihre eigene Kraft verweist, als wenn man diese immer nur schont?
„Ja, aber sie können sich doch gar leicht beim Fallen schaden thun", denken die überzärtlichen Mütter. Gewiß ist das nicht ausgeschlossen, indessen — vermag ein Kind das nicht auch, selbst wenn es noch so ängstlich behütet wird? Körperliche Gewandtheit ist entschieden der beste Schutz gegen Unglücksfälle. Uebrigens giebt es auch allerhand Schutzvorrichtungen, die man beim Erlernen des Schlittschuhlaufens anwenden kann — Laufkörbe — die nämlichen, welche für die ersten Gehversuche der Babies benutzt werden — harkenartige Instrumente, breitfüßige Stühle und dergleichen mehrt
Keine — wenigstens nennenswerthen — Gefahren biete, dagegen das Schneeschuhlaufen, welches in den letzten Jahren


