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„Sei mir nicht böse, Mutter," stammelte er, „daß ich t noch nicht früher gekommen bin. Aber . . .
Sie schnitt ihm das Wort ab. „Laß doch, Ottochen!" sagte sie. „Ich weiß ja, wenn Du Zeit gehabt hättest, wärst Du schon gekommen." Sie strahlte über das ganze Gesicht und nahm seine Hand und streichelte sie und drückte sie in der ihren. Und als er nun ein paar Apfelsinen aus der Tasche zog und ihr reichte, sah sie mit triumphirenden Blicken zu Helene Zimmermann hinüber, als wenn sie ihr zurufen wollte: „Hab' ich's nicht gesagt? Ist er nicht ein lieber, guter Sohn?"
Helene Zimmermann war nach Otto in's Zimmer getreten. Sie halte ihm geöffnet und sich ihm auf seinen erstaunten Blick in ihrer Eigenschaft als Krankenpflegerin und Haushälterin bei seinen Eltern vorgestellt. Denn sie hatte ihn gleich erkannt. Seine Mutter hatte ihn ihr nicht nur in seinen geistigen Eigenschaften, sondern auch körperlich mit liebevoller Genauigkeit geschildert.
Otto nahm auf dem Bettrand zu Häupten der Mutter Platz, während sich Helene Zimmermann auf das Geheiß der Kranken auf einen Stuhl am Fußende des Bettes setzen mußte. Und nun mußte Otto berichten, wie er seine freie Zeit hingebracht hatte. Otto ließ sich nicht lange nöthigen. Er erzählte, daß er an einem Abend bei seinem Intimus Markwald gewesen wäre, der eine Anzahl Collegen zu einem kleinen Souper mit darauffolgenden Seat zu sich geladen. Ein riesig feudaler Scherz sei's gewesen und zu dem Angenehmen habe sich das Nützliche gesellt, denn mit fünfzehn Mark Gewinn habe er abgeschnitten. An einem der anderen Abende habe er eine Einladung zum Thee bei Görings gehabt. Rath Göring, unter dem er am Kammergericht arbeitete, sei ein sehr humaner Vorgesetzter, und ihn, Otto, beehre er mit seinem besonderen Wohlwollen. Im geselligen Verkehr sei der Rath von größter Liebenswürdigkeit, und ein heiterer, ungezwungener Ton herrsche in seiner kleinen Familie, die nur aus einer erwachsenen Tochter und einem jüngeren Sohne bestehe.
Mit sichtbarer Genugthuung lauschte Frau Köster ihrem Sohne und ab und zu warf sie einen strahlenden Blick zu Helene Zimmermann hinüber, in dem sich jedes Mal der Stolz und die Helle Freude ihres Mutterherzens malte. Auch Ottos Blicke richteten sich häufig auf das liebliche, frische Antlitz des jungen Mädchens, und so oft sie ihre ernsten, braunen Augen zu ihm erhob, verfehlte er nicht, die Bewunderung, die ihm ihre adrette, hübsche Erscheinung einflößte, in seinen Mienen deutlich wiederzuspiegeln.
Als Carl nach Feierabend in's Zimmer trat, nickte er seinem Bruder freundlich zu, als wenn der heftige Auftritt zwischen ihnen am Tage vorher niemals stattgefunden hätte.
„Na, da bist Du ja, Otto!" begrüßte er ihn freundlich und streckte ihm die Hand entgegen, in die Otto zögernd, mit gemessener Zurückhaltung die seine legte. Wenn auch Carl mit seinen Vorstellungen im Grunde nicht so ganz unrecht gehabt, er hatte doch seine Empfindlichkeit zu gröblich beleidigt, als daß er es ihm so schnell hätte vergessen können.
Es war einer der glücklichsten Abende in Frau Kösters Leben. Ottochen blieb zum Abendessen, und Helene Zimmermann mußte ertrafeineu Aufschnitt vom Fleischer besorgen: Spickgans und andere theuere Raritäten. Als das junge Mädchen in der zehnten Abendstunde aufbrach, erbot sich Otto höflich, sie zu begleiten, obgleich sie einen dem seinen entgegengesetzten Weg hatte.
„O, ich bitte, sich meinetwegen nicht zu bemühen, Herr Referendar," gab sie bescheiden zurück, „ich fürchte mich nicht, ich gehe ja jeden Abend allein."
„Aber ich bitte sehr, mein Fräulein," widersprach Otto galant. „Ich würde mich einer großen Unterlassungssünde schuldig machen, würde ich zugeben, daß Sie sich so spät Abends allein auf die Straße wagen."
Carl erröthete bei diesen Worten, aus denen er einen versteckten Vorwurf für sich heraushörte. Er ärgerte sich
über sich selbst um so mehr, als er seinem Bruder im Stillen völlig recht geben mußte. Freilich, aus Unhöflichkeit war's ja nicht geschehen, daß er dem jungen Mädchen noch niemals seine Begleitung angeboten, sondern nur, weil er überhaupt nicht daran gedacht hatte.
Von da ab lieh Carl Helenen jeden Abend seinen Schutz auf ihrem Nachhausewege, nur wenn Otto zum Besuch erschien — und er kam jetzt merkwürdig oft — verstand es sich von selbst, daß Helene und er zusammen aufbrachen.
Frau Kösters Krankheit nahm van nun an eine entschiedene Wendung zum Guten, wozu die häufigen Besuche ihres Lieblings sicherlich nicht wenig beitrugen. Sie konnte wieder den größten Theil des Tages außerhalb des Bettes zubringen und ihre Kräftigung machte von Tag zu Tag erfreulichere Fortschritte. Helene Zimmermann kam nur noch des Vormittags auf ein paar Stunden, da Frau Köster wieder einen Theil der Haushaltungsgeschäfte selbst übernahm. Diese Veränderung hatte erstens die Folge, daß der Referendar wieder ,wie zuvor ein seltener Gast in der Rügenerstraße wurde und zweitens, daß Carl trübe Mienen und ein stilles, in sich gekehrtes Wesen zu zeigen begann. Er hatte sich so sehr daran gewöhnt, wenn er nach des Tages Last und Mühe nach Hanse kam, dem freundlichen Gesicht Helene Zimmermanns zu begegnen und mit ihr behaglich zu plaudern, daß ihm nun ordentlich etwas fehlte. Sein Leben war bisher ein so einförmiges und in Bezug auf den Einfluß zarter Weiblichkeit so armes gewesen, daß die Erscheinung des frischen jungen Mädchens und der von Tag zu Tag sich vertraulicher gestaltende Verkehr mit ihr einen tiefen, unauslöschlichen Eindruck auf ihn hervorgebracht hatte. Welch ein Unterschied zwischen ihr und den Mädchen, die unter ihm in der Fabrik arbeiteten und die ihn mit ihrem frechen Reden und Gebahren mißtrauisch und vorurtheilsvoll gegen die Berliner Mädchen aus dem Volke gemacht hatten. Nie war ein unschönes Wort aus Helene Zimmermanns Munde gekommen und in allen ihren Gesprächen und in ihrem ganzen Wesen hatte sie neben angeborener Herzensgüte und einer guten jSchulbidung einen echt mädchenhaft reinen Sinn an den Tag gelegt. Und merkmürdig, diese Vorzüge des jungen Mädchens nahmen jetzt in Carls Einbildung in der Entfernung von ihr noch zu und es wollte ihm bedünken, als sei Helene Zimmermann ein Muster ihres Geschlechtes, und als sei es ganz unmöglich, daß ihm noch je im Leben ein Mädchen begegnen könnte, das wie sie gleich ausgezeichnet sei durch Reize des Körpers und der Seele.
Es begann sich etwas Träumerisches, Suchendes in Carls Wesen bemerkbar zu machen, etwas Unruhevolles und Reizbares, das früher gar nicht in seiner Natur gelegen hatte. Er war mürrisch und unzufrieden geworden, es schien ihm in der einfachen Häuslichkeit seiner Eltern nicht mehr zu behagen. Jetzt, da die Lichtgestalt des jungen Mädchens in die armseligen Räume nicht mehr ihren klärenden Schimmer warf, erschien ihm Alles unendlich nüchtern und öde.
Während er sich früher von der Fabrik birect nach Hause begeben hatte, fühlte er jetzt das Bedürfniß, zuvor einen längeren Spaziergang zu machen. Seine Phantasie beschäftigte sich unablässig mit Helene Zimmermann, und es war kein Wunder, daß seine Füße sich nach der Richtung bewegten, die seine Gedanken einzuschlagen pflegten. Was er ihr sagen würde, wußte er nicht, aber mehr und mehr machte sich das Verlangen in ihm geltend, sie zu sehen und zu sprechen. Des Morgens bei seinen Eltern bot sich kaum Gelegenheit zu einem flüchtigen Gruße, und wenn er des Mittags nach Hause kam, war Helene Zimmermann bereits verschwunden.
Eines Abends, als er wieder einmal in der Gegend der Pankstraße umherftreifte, wurde ihm ein unerwarteter Anblick, bei dem er eine jähe Erschütterung fühlte, als sei er plötzlich von einem eleetrischen Strom berührt worden. Drüben auf der anderen Seite der Straße ging Helene Zimmermann


