Muttersohn.
Roman von Arthur Zapp.
(Fortsetzung.)
Der Sprechende sah sich mit ironisch bewundernden Blicken im Zimmer um.
„Das muß man Dir lassen, Du hast 'nen feinen Geschmack und es sieht ja bei Dir wie beim Baron aus. Aber ich an Deiner Stelle, ich könnte mich in dem Luxus nicht wohl fühlen, weil ich mir sagen müßte, daß ist Alles vom Schweiße meiner alten Mutter. Auch das da!" Er deutete nach dem Flacon auf dem Schreibtisch und machte eine höhnisch schnuppernde Bewegung mit der Nase, während er mit derbem Spotte hinzufügte: „Freilich, Du hast es nöthig, Dich mit aller Gewalt in einen guten Geruch zu bringen."
„Unverschämt!" brauste der Referendar auf und reckte sich in die Höhe und sah seinen Bruder von oben herab mit Blicken an, die ihm die Verachtung, die er seiner niedrigen, socialen Stellung entgegenbrachte, ausdrücken sollten: „Wie kannst Du Dich unterstehen, Du . . . ."
„Ich?" unterbrach ihn der Andere und trat dicht an den Jüngeren heran und hielt dessen hochmüthigen Blick mit funkelnden, zornsprühenden Augen aus „Ich? Na, sag's doch, wer ich bin! Nur ein einfacher Werkmeister, ein ordinärer Handwerker. Aber meine Groschen waren Dir nicht zu ordinär, Du feiner Herr Referendar. Weißt Du, was ich noch bin? Ich bin auch Dein älterer Bruder und darum nehm' ich mir die Freiheit, Dir einmnl gründlich die Wahrheit zu sagen. Und weil ich's nicht mitansehen kann, wie sich die Mutter für Dich quält und sorgt und erntet doch
st 1898. - Nr. ?.
Samstag dm 15. Jamm.
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nichts als schnöden Undank von Dir. Und wenn Du auch hundertmal Minister wirst, tauschen möcht' ich doch nicht mit Dir. Denn wer 'n schlechter Sohn ist, der ist auch j'n schlechter Mensch!" '
Er sah dem Jüngeren noch immer herausfordernd in's Gesicht, während er eine Weile stumm verharrte, als erwarte er eine Antwort. Aber der Andere war ganz still geworden,- aus seinem Gesicht, das er zu Boden gekehrt hatte, war mit einem Male alle Farbe gewichen.
Carl nickte kurz, schnellte herum und schritt zur Thür. Man hörte seine kräftigen, energischen Schritte über den Corridor schallen. Dann war es still.
Otto stand wie regungslos mitten im Zimmer und starrte zur Decke, heftig an der Unterlippe nagend. Plötzlich blickte er auf und sah mit wirren, verstörten Blicken um sich, als erwache er aus einem bösen, quälenden Traum. Und nun faßte er mit jähem, nervösem Griff nach seinem Frackaufschlag, in dessen Knopfloch eine weiße duftende Tubarose stak. Die riß er mit kräftigem Ruck heraus und schleuderte sie weit von sich in's Zimmer hinein. Dann trat er ungestüm zum Sopha und warf sich der Länge nach darauf und drückte die Hände gegen Augen und Stirn.
So lag er lange, lange und rang mit den Gewissensbissen und Selbstvorwürfen, die die rücksichtslosen Worte des Bruders in ihm wachgerüttelt hatten.
Es mochte eine Stunde und mehr verstrichen sein, als er sich endlich aufrichtete und erhob. Wieder staud er geraume Zeit, mit sinnenden Augen in's Leere starrend. Seine träumende Phantasie trug ihn zu einem fernen Ort. Lockende, heitere Tanzmusik hörte er und vor seinem geistigen Auge bewegten sich tanzende Paare mit fröhlichen, lustersüllten Mienen. Die chönste von allen schönen Tänzerinnen war Constanze Göring, )ie Tochter des Kammergerichtsraths.
.... Ein schwerer Seufzer rang sich aus der Brust >es mit offenen Augen vor sich Hinträumenden. Endlich wg er mit einer entschlossenen Geberde seinen Frack aus md warf ihn auf das Sopha. Dann löschte er die Lampe ms und entzündete das auf seinem Nachttisch stehende Stearin- icht. Die Lust nach Spiel und Tanz war ihm nun doch ergangen.
VI.
eklage Dich nicht auf Deinem Pfad, IT Daß Dir's an Raum zum Handeln fehle;
Ein jeder Klang aus voller Seele Ist eine wirkungsvolle That.
Emanuel Geibel.
Geh' des Weges sonder Trübe, Führet er auch wirr und kraus, Deines Gottes ew'ge Liebe Leitet sicher Dich nach Haus.
Anna Nitschke.
Am anderen Tage, in einer Nachmittagsstunde, erschien o in der Rügenerstraße. Er konnte in seinen Mienen Geberden doch nicht ganz sein böses Gewissen unterdrücken, er sich der Kranken näherte.


