Ausgabe 
14.7.1898
 
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Austausch ihres Denkens fütb, ift der Störenfried immer am nächsten," entgegnete Tauchlitz.

Wulfsen sah die Fragerin eintreten.

Vorher hätte er beinahe den Ausdruck des Onkels be- Lächelt, er als vom Tcufelsspuk der Mädchen sprach, denn die Zauber, an welche er gewöhnt war, ahnte der gute Landrath nicht einmal. Das schlichte Haus, dies bürgerliche Arbeitszimmer hier würden den Rahmen bilden zu einer Vetterschaft, wie sie sich gehörte aber Teufelsspuk?

(Fortsetzung folgt.)

Singen ist gesund!

Von Dr. Hans Fröhlich.

------- (Nachdruck verboten.)

Singen übt auf den menschlichen Körper einen durchaus »günstigen Einfluß aus, der von größerer Bedeutung ist, als Man wohl allgemein annimmt. Namentlich die Alhmung und das dieselbe bewirkende höchst wichtige Organ, die Lunge, wird in sehr segenreicher Weise beeinflußt. Das läßt sich sogar zahlenmäßig beweisen. Beim gewöhnlichen Ein- und Äusathmen wird immer nur ein ganz geringer Theil, un­gefähr V7, der in den Lungen vorhandenen Luft erneuert; erst angestrengte recht tiefe Athmung z. B. beim Bergsteigen, bewirkt einen ausgiebigeren Luftwechsel. Man kann die Lungen­ventilation gewissermaßen mit der Lüftung eines Zimmers ver­gleichen. Lüftet man nur ganz oberflächlich, indem man viel­leicht nur einen Fensterflügel ein wenig öffnet, dann wird die schlechte Binnenluft nie so vollständig und schnell durch reine Außenluft ersetzt, als wenn man alle Fenster öffnet. Die in der Lunge verbleibende Luft ist aber mit giftigen Gasen (Kohlensäure) vermengt und daher für den Organismus sehr schädlich, während eine recht ausgiebige Lungenventilation bei tiefem Vollathmen den Geweben den so nöthigen Sauer­stoff in reichlichem Maße zuführt. Durch wiederholte Uebung recht tiefer Ein- und Ausathmung kann man auch die Fassungskraft der Lungen, also die Luftmenge vermehren, welche die Lungen beim Athmen aufzunehmen vermögen. In dieser Beziehung dürfte es aber kaum ein zweckmäßigeres Verfahren geben, als methodische Gesangsübungen, durch welche nicht nur die Fassungskraft der Lungen vergrößert wird, sondern durch welche auch gleichzeitig für die aus­giebigste Entleerung der schlechten Luft aus den Lungen ge­sorgt ist. Bei richtigem Singen wird nicht eher von Neuem geathmet, als bis der alte Luftvorrath auch gehörig ver­braucht ist. Eine wie große Bedeutung die Wissenschaft dem Fassungsvermögen der Lungen zuerkennt, geht daraus hervor, daß sie derselben die Bezeichnungvitale", d. h. zum Leben »nothwendige, gegeben hat. Sie beträgt bei den meisten Menschen ungefähr 3200 Cubikcentimeter; Sänger dagegen vermögen nach Dr. Barth durchschnittlich über 5000, Sänge­rinnen über 4000 Cubikcentimeter Luft mit einem Athem- zuge zu entleeren. Der Tenorist Dr. Gunz war sogar im Stande, ein ganzes Lied aus Schumanns Dichterliebe:Die Mose, die Lilie" in einem Athem zu singen.

Den größten Nachtheil bei der gewöhnlichen oberfläch­lichen Athmung haben die Lungenspitzen. Wie bei einer nur oberflächlichen Zimmerventilation, um bei dem vorigen Vergleiche zu bleiben, die alte schlechte Luft hauptsächlich in den Ecken und unter Möbeln sich halten wird, so tritt auch in den äußersten Lungenspitzen die geringste Lufterneu­erung ein, allmählich wird nur noch wenig oder gar kein mährender und kräftigender Sauerstoff mehr zugeführt, die Gewebe werden gegen Krankheitskeime widerstandslos. Daher haben gerade dort die meisten Erkrankungen der Lunge ihren Ursprung, vom einfachsten Spitzenkatarrh bis zur schwersten Tuberkulose. Nur tiefe Athemzüge schaffen auch eine gründ­liche Lüftung der Lungenspitzen, der gefährlichsten Brutstätte der Tuberkelbazillen. Hiernach müßten also Berufssänger Hegen tuberkulöse Erkrankungen so gut wie gefeit sein. Und

in der Thai haben dies die bedeutendsten und erfahrensten Specialärzte, wie Professor B. Fränkel, Moritz Schmidt, Felix Semon, auf briefliche Anfrage dem vorhin erwähnten Dr. Barth versichert. Durch das tiefe Athmen beim Singen wird den Lungen auch bedeutend mehr Blut zugeführt, und die gesteigerte Blutfüllung eines Organes ist eins der wirk­samsten Schutz- und Heilmittel der Tuberkulose."

Wenn die Lungen durch tiefere Athmung mehr Sauer­stoff in sich aufnehmen, so wird natürlich auch das Blut be­deutend verbessert. Für wen aber wäre dies von größerem Vortheil als für die vielen blutarmen und bleichsüchtigen Mädchen? Daher ist gerade diesen ein regelrechter Gesangs­unterricht sehr zu empfehlen und namentlich dem vielen Clavierspielcn bedeutend vorzuziehen. Freilich darf die Brust nie durch beengende Kleidung in der vollen freien Athmung behindert werden.

Da durch vertieftes Athmen der Kreislauf beschleunigt und die Blutbahnen erweitert werden, so bildet Singen auch ein besonderes Kräftigungsmittel des Herzmuskels. Professor Kronecker und Henricius erklären diese regelmäßige tiefe Athmung birect alseine heilvolle Massage des Herzens".

Die gesteigerte Lungenventilation hat Sanitätsrath Niemeyer als dieSchürerin der Säftekochung" bezeichnet. Sie bewirkt eben eine Beschleunigung des Blutstromes, Er­höhung des gesammten Stoffwechsels, und somit Steigerung des Nahrungsbedürfnisses. Daher befinden sich fast alle Sänger und Sängerinnen in gutem Ernährungszustände, und jeder Sängw bestätigt, daß mit dem Beginne consequent durchgeführter und andauernder Gesangsübungen auch der Appetit zunimmt. Dr. Niemeyer sagt:Vom Singen wird man nicht nur stark, sogar dick", und illnstrirt dies durch folgendes Beispiel:Vor nunmehr zehn Jahren verkehrte bei mir unter Anderen die zwanzigjährige Sängerin Fräulein M., jetzt eine auf zweiten Großstadt- und ersten Provinzstadt­bühnen angesehene Sopranistin, damals aber noch unbeachtet, stellenlos und offenbar in dürftigsten Verhältnissen lebend. Ohne ihr sonst irgend wie nahezutreten, konnte man ihren damaligen Habitus dreist alshalbverhungert" bezeichnen und ihr Gewicht auf höchstens 90 Pfund an chlagen, wogegen ihre Kehle wohlgemuth die reinsten Töne perlte. Rascher auch, als sie damals gehofft, verwirklichte sich die Vorher­sage, mit welcher ich sie bei gutem Muthe zu erhalten suchte, daß der Klang ihrer Stimmbänder ihr bald auch Metallklang landesüblicher Münze in den Schooß werfen würde, und als ich sie letzthin, nach etwa fünfjähriger Panse, erst auf einem hiesigen Operntheaterzettel und nachher persönlich wieder entdeckte, würde ich sie unvorbereitet schwerlich wieder erkannt haben: eine geradezu junonische Figur von der Formenfülle unserer Germania-Statuen und darum auf der Bühne statt­liche Elsa im Lohengrin!Das hat mit ihrem Singen" die mittlerweile zu sorgenfreier Lage und besserer Verpflegung gelangte Lebensgewohnheit derSelbstventilation" gethan, die allerdings, so lange man so gut wie nichtszu beißen und zu brechen" hat, nicht augenfällig anschlagen kann. Der Gewichtsunterschied zwischen jetzt und damals dürfte, schlecht gerechnet, volle 100 Pfund betragen!"

Die mit dem Singen verbundenen ausgiebigen Zwerch­fell- und Bauchwandbewegungen üben rein mechanisch auch einen we entlichen Einfluß auf die Thätigkeit der Verdauungs­organe ans. Sie bilden gewissermaßen eine natürliche Massage. Vorwiegend leidet nun das weibliche Geschlecht an Verdauungsstörungen, da bei ihm die Zwerchfellathmung an und für sich schwächer ist, und was von natürlicher Be­wegungsfähigkeit übrig geblieben, noch durch ein beengendes Corfett lahm gelegt wird. Aber auch bei Männern mit sitzender Lebensweise werden die Verdauungsorgane in ihrer Thätigkeit behindert, woraus sich leicht Blut- und Gallen­stauungen entwickeln. In allen diesen Fällen ist zur Vor­beugung und Heilung regelmäßiges Singen sehr vor- theilhaft.

Uebung der Athmung bildet zugleich Uebung der