Ausgabe 
14.7.1898
 
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Heinrich," rief er leise.

Du bist neugierig, wen ich sah? Du sollst es er­fahren Tante Tauchlitz wars!"

O!" Franz war wie versteinert.

Ein unglücklicher Zufall, gewiß", fuhr Heinrich fort, aber es liegt, da Ines von Allem wußte, eine Perfidie darin, daß ich es nicht eher erfuhr. Es ist mir das ein Fleck auf ihrem Bilde, es macht mir den Treubruch an Felsgarten und nun auch an Euch rein unmöglich. Nun, ich zu Dir gesprochen habe, weiß ich es klar und ich bin noch rathloser "

Vor Allem laß Dir Zeit, Heine. Ist der Vorhang nun einmal zerrissen, so wirst Du auch nach und nach die ganze volle Wahrheiten erkennen. Ist das Mädchen wirklich Dein Glück, so würden Mama wie Onkel Dir nicht unmensch­liche Opfer zumuthen. Aber erst sieh genauer hin! Du bist ein zart empfindender Mensch Treu und Glauben wiegen bei solchen auf den Effect angewiesenen Leuten viel zu leicht, Du aber kannst ohne Beides nicht bestehen."

Das ift's ja nicht allein," antwortete Heinrich eintönig und matt,auf mich war die ganze Freundsch-ft und Liebe gar nicht einmal gemünzt! Ihr mütterliches Erbtheil soll ich ihr verschaffen, Tauchlitz soll herausgeben, was seine frühere Gattin vor Jahren nicht mitgenommen hatte, was ihr und nun ihnen gesetzlich zukommt."

Franz murmelte einen Fluch unter zornigem Auf- und Abschreiten.

Heinrich stand entschlossen auf.

Ich muß ihr mein Wort halten, und es muß auch hier einen Weg geben. Onkel Tauchlitz hat uns von jeher als Philosoph gegolten, vielleicht beweißt er es jetzt."

Du willst diese Dame heirathen, falls sie die Aussteuer von Tauchlitz erhält?" fragte Franz athemlos.

Heinrich lachte.

Keinen Pfennig darf sie mir anrühren, dem Herrn Papa allein kommt solch' Entgelt zu. Hätte ich sie aus diesen Verhältnissen heraus! Ihre Kunst freilich"

Franz zuckte die Achseln, unterdrückte jedoch die dazu gehörigen Bemerkungen, desto eifriger griff er den ersten Gedanken auf.

Zu Onkel Tauchlitz zu reisen, das ist kein übler Gedanke, Heine. Obwohl wir ihn kaum noch kennen. Zur Einsegnung der Töchter wie zu Irmgards Hochzeit ist ja Mama allerdings gefahren, aber allein."

Desto besser," sagte Heinrich,er braucht mich gar nicht zu kennen, um Erders Sache richtig zu entscheiden."

Willst Du Dich ihm so weit anvertrauen?"

Ich will Zeit gewinnen. In ihr soll sich auch Ines' Beständigkeit erweisen, an der ich zumeist zweifle."

Er sprach mit knirschenden Zähnen. Franz empfand Mitleid mit solchem Schmerz, deshalb brach er die Unter­redung ab.

Zu Frau Wulffen äußerte er:Heine hat allerlei Sorgen, die für eine Frau nicht taugen, Muttchen- laß ihn zu Onkel Tauchlitz fahren, ihn verlangt danach."

So wurde der Einfall beschlossene Sache. Heinrich kündigte sich bei dem pensionirten Landrath an, bekam eine freundliche Entgegnung und dampfte ab zur Genugthuung Frau Wulffens, die fest überzeugt war, wenn Einer rathen könne, sei es Tauchlitz, und zur Erleichterung Franzens, dem ein Kummer in seiner Nähe ärgstes Mißbehagen verursachte.

Ungeachtet seines Grames konnte Heinrich sich nicht verleugnen. Er schrieb an Erder, daß er in seinem Interesse zu Tauchlitz reise. Für Ines fügte er ein Briefchen zärtlicher Grüße bei.

Erder antwortete ihm, hocherfreut über seine Ritterlichkeit, die für ein schutzloses Mädchen eintrete, von Ines dagegen traf kein Wort ein. Briefe seien ihr entsetzlich, solch' papiernes Surrogat für das Leben mache sie nur traurig, bestellte der Vater von ihr.

Heinrich schwieg von jetzt an.

Seine Ankunft in G., der hübschen Stadt vieler Pensionäre, rüttelte Wulffen, der sich gefaßt und niedergedrückt zugleich fühlte, ein wenig auf. Draußen an der parkähnlichen, romantischen Promenade vor einem kleinen Landhause hielt seine Droschke. Aus der Balkonthür, deren zierliche Frei­treppe sich einladend bis zum Gitter des Vorgärtchens er­streckte, trat ihm der Onkel entgegen. Grau, ganz grau geworden die schlanke Gestalt gebeugt und die großen, klugen Augen im verschlossenen, ruhigen Gesicht mit nach innen gerichtetem Blick.

Ein seltsamer Gegensatz zu Erder, der das Leben m;t seinen Genüssen an sich zwang mußten echte, ganze Menschen in dieser Welt aussehen wie der Onkel? Ich will nichts von ihr, sie lasse mich in Ruhe das sprach jede Miene, jede seiner Bewegungen.

Guten Tag, Heinrich," sagte er.Eben will ich Deiner Mutter dankbar nachreden, daß sie Dich schickt, da merke ich, daß Du nicht aussiehst wie Einer, der sich noch schicken läßt."

Diese Rede wurde von einem stetigen Blick begleitet, den Heinrich als durchdringend empfand. Sofort fühlte er, hier durfte er nichts verheimlichen, volle Wahrheit war er diesem Manne in erster Stunde schuldig."

Sei mir indeß vor allen Dingen willkommen," fuhr Tauchlitz fort, da Heinrich nicht gleich ein Wort der Enr gegnung fand.Hier hinein, bitte. So, nun mach' es Dir bequem- ich wollte Dich zuerst für mich allein haben, geben erst die Mädchen ihre Neugierde dazu, giebt es bloß Teuselsspuk."

Mama befindet sich wohl? Und Onkel Wulffen auch? Die Beiden halten sich in der steten Sehnsucht zum Anderen ewig jung das heißt, ich meine die Mutter nach Deinem Vater und Onkel Wulffen nach ihr, Du verstehst mich. Man wird alt, verläßt die Sehnsucht Einen. Das siehst Du an mir, Heine."

Du machst jetzt ein Gesicht, als könntest Du mir mein jähes Altwerden nachfühlen - hast Du darin Erfahrung ?" fragte Tauchlitz.

Ja, Onkel. Erfahrungen, den Deinen ähnlich, so ähnlich, daß ich eben zu Dir kam," sagte er, nur von der Nothwendigkeit des Mittheilens vor diesem Frager gedrängt.

Sprich nur," antwortete Tauchlitz ruhig.

Er saß vornüber geneigt, Heinrich konnte unbeobachtet erzählen. Nicht leidenschaftlich wie vor Franz, .kalt sachlich berichtete er die Erlebnisse des letzten halben Jahres, nur halb fühlend, wie sehr sein zurückgedrängtes Empfinden den Hörer ergreifen mußte. Er verschwieg nichts, obwohl er sich innerlich wand unter der Qual, die Gattin dieses Mannes erwähnen zu müssen. Der rührte sich nicht, als es ge­schehen war.

Wieder sie!" sagte er bloß.

Still hörte er das Ende mit an.

Höre, Heinrich," versetzte er darauf,in Deinem Leben wird sich dasselbe abspielen, wie in meinem. Das Weib wird Dich ebenfalls vernichten, denn unsere Gesinnung ist etwas, was ihre Tigernaturen reizt genug."

Daß ich nicht reich bin, weißt Du- daß ich das Ver­mögen meiner Tochter die Aelteste besitzt das ihrige schon nicht ohne Grund schmälern lasse, wird Dir verständlich ein. Bleibe daher, bis ich mich entschieden habe, Du ver­lierst draußen nicht viel/

So denke ich ebenfalls," gab der junge Mann zu. Kaum wußte er, was er sprach.

Der Aeltere mußte ihm Aehnliches ablesen, er lenkte das Gespräch wieder in die ruhigere Bahn durch Fragen nach der Familie, nach seinen Studien.

Darf ich denn nun endlich guten Tag sagen, Papa?" fragte da eine weiche Altstimme von der Thür her.

Nur näher, Hilde. Wenn zwei ernste Männer im