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das Brautpaar entgegen. Sie gingen Arm in Arm- Ina gleichgültig, Franz verliebt. „Wie rührend!" spöttelte die Cousine. „Aber wie unvorsichtig!" und schelmisch drohend erhob sie. den Finger. „Man vergißt wohl, Herr Vetter, man ist bisher noch immer heimlich verlobt."
Der Ermahnte bekam einen rothen Kopf und der Boshaften wurde ein böser Blick.
„Kinder, es ist hier wirklich schrecklich heiß! Kommt in den Wintergarten!" drängte der alte Herr, dann fragte er nach der kranken Tochter.
„Sie hat sich zurückgezogen," berichtete Ina, die sich zu Teßas Verdruß vollkommen unberührt von den auf sie abgezielten Wortpfeilen zeigte. —
„Gehen wir also." Teßa schob die Hand unter des Vetters Arm. „Es ist doch erlaubt? Doch nicht eifersüchtig?" fragte sie über die Schulter Ina.
Die hob wortlos die Achsel und nahm des Vaters Arm. „Pußchen, Pußchen!" murmelte dieser und streichelte begütigend die schlanken Finger, die einen Mazurkatact auf seinem Arm nachahmten.
„Ein Wagen! Das sind Gebhardts!" Teßa gab den erleichtert aufathmenden Franz frei und flog, Anmuth in jeder Bewegung, zur Treppe.
„Schwester Lore!"
„Wahrhaftig, die Lore und ihr Mann auch!" und Franz erklärte Braut und Schwiegerpapa in aller Eile, daß das die erwarteten Gäste, Teßas Schwester und Schwager seien.
Ina kniff die Lippen- ihr schien nicht besonders viel an dem Besuch zu liegen, im Commerzienrath aber erwachte der bei ihm besonders ausgeprägte Geist der Gastlichkeit.
Ina hatte wenig bisher über die Leute gehört.
Teßa hatte etwas wegwerfend von dem Selfmademan berichtet, dem die verwöhnte, schöne Schwester die Hand gereicht Nach ihren Worten schien der Schwager viel zu gering für die „süße Lore" und gerade gut genug, dem Edelstein die angemessene Goldfassung zu geben. Ina hatte den Eindruck gewonnen, daß Frau Lore ein gefallsüchtiges Geschöpf und der Gatte ein verliebter plumper Tropf sein müßte.
Jetzt fand sie ihre Voraussetzungen bestätigt und sich doch auch wieder darin enttäuscht. —
Frau Lore stand sich bald als würdige Schwester einer Teßa abgeurtheilt, anders ihr Gatte. —
Ina hatte sich den ersten Augenblick verblüfft und abgestoßen gefühlt von seiner Häßlichkeit, die ihr Teßas abfälliges Urtheil verständlich machte- aber bald schämte sie sich dieser ersten Regung. Zwar blieb Hunold Gebhardts Aeußeres nach wie vor jeden Ansprüchen der Aesthetik nicht gewachsen- dazu war der Körper zu mäßig, die Schultern zu hoch, der Nacken, die Bewegungen zu steif, die Nase zu lang, der Mund zu groß, und selbst das große Auge blickte zu starr und leblos, wie versteinert tut seelischen Schmerz, dachte Ina- Gebhardt sprach gut, jedes Wort, das er sprach, war abgeklärt, voll Inhalt und Gedankentiefe. —
Ina ertappte sich bald, daß sich ihre ganze Aufmerksamkeit auf diesem Mann concentirte, wenn er sprach und obwohl sie gewahrte, daß Gebhardt die Unterhaltung gerne an sich riß, so versöhnte sie das, was er ihr bot, schnell genug mit seiner augenscheinlichen hohen Selbstschätzung.
Als sie sich endlich bewußt wurde, daß sie über dem Interesse, das ihr dieser Mann für sich selbst aufzwang, fast ihre hausfraulichen Pflichten verabsäumte, suchte sie durch doppelte Liebenswürdigkeit gegen ihre Gäste ihren Fehler wieder auszuwetzen und ihre Aufmerksamkeit gewaltsam den beiden Damen und dem Verlobten zuzuwenden.
Doch bald ließ ihr Eifer nach. Mit einer Auflehnung und einem gewissen hochmüthigen Mitleid constatirte sie heute wieder einmal, daß Franz von Steffens in Wahrheit nichts anderes war, als der gute Junge, der außer seinem Namen und seinem (Selbe nichts Hervorragendes besaß, sie aber zu wenig Krämerseele, um diese Vorzüge ihres Bräutigams
über die ihm mangelnden zu stellen. Eine geradezu feind--- liche Stimmung aber bemächtigte sich im Laufe des vor-, rückenden Abends ihrer, gegen das Schwesternpaar.
Teßa theilte ihre Aufmerksamkeit zwischen Vetter Franz,, dem sie nach wie vor gluthverheißende Blicke zuwarf, und der Schwester, der sie offenbar wenig schmeichelhafte Schilderungen von ihrer Wirthin, zwar im Flüsterton,, entwarf.
Inas Antipathie gegen die Cousine des Verlobten wuchs mehr und mehr. Sie sah mit Recht ihre persönliche Feindin in ihr. Nur zu gut kannte sie den Grund der so augenfälligen Liebenswürdigkeit dieses Mädchens gegen ihren Verlobten.
Teßa und Lore waren von Haus aus arm. Die Aeltere heirathete bett reichen Fabrikanten nur, um aus ber Misäre des Elternhauses zu flüchten, die Jüngere hatte auf bett, reichen Vetter gehofft unb that bies, wie ihre Handlungs- weise bewies, noch jetzt. Ina wunderte sich nur über Eins-^ daß der gute Franz dieser gefährlichen, berechnenden Kette trotz seiner Unbedeutenheit nicht in's Garn gegangen.
Hatte die schöne Teßa etwa nicht an die Möglichkeit, seines Verlustes gedacht? Und begann jetzt erst der Kampf um die entschlüpfende gute Partie?
Ina hätte, wenn nicht das Weib, das sich mehr auf ihren Jnstinct, ihren Gefützlssinn, als auf das Resultat längerer Beobachtungen verläßt, sich in ihr geregt hätte, die ältere Schwester nicht gerade von vornherein ebenso scharf berurtheilen können.
Frau Lore war gemäßigter. Sie blieb kühl und nur der kalte Blick der hellgrauen Augen zeugte von einer gewissen Kaltherzigkeit. Das Profil zeigte einen ausgeprägten Zug von Hochmuth und die blassen, schmalen Lippen schienen jedes warmen Wortes unfähig.
Wortkarg bis zur Unfreundlichkeit, reservirt, selbst in der Haltung, mehr ablehnende Aristokratin als Gattin eines Selfmademan.
Ina mußte unwillkürlich denken: blonde Bestie, obgleich sie den Roman niemals gelesen- doch gerade diese kalte Frau schien ihr zu Allem fähig und zugleich gestand ihr Gerechtigkeitsgefühl sich heimlich, daß sie selten Gelegenheit gesunden, eine solche vornehme kalte Schönheit zu bewundern. —
Weniger hochblond als Teßas, war Frau Lores Haarschmuck reicher, ihr Gestalt entbehrte der Ueberfülle, ihre Züge waren edler als die der Schwester und die kalten, grauen Augen größer und langbewimpert, was ihnen etwas Verschleiertes gab und sogar zuweilen ihren harten Glanz zu mildern vermochte. —
Der Besuch des Ehepaares währte weit über die sonst übliche Zeit des ersten Besuches hinaus. Hunold Gebhardt willfahrte der Einladung des Hausherrn, zum Nachtmahl zu bleiben, augenscheinlich gerne, und auch seine Gattin schloß, wenn auch, wie Ina sehr wohl bemerkte, sich innerlich über die seltsame Laune des Mannes mokirend, ihm an.
Dem guten Franz schien das Verbleiben der Gäste nicht sonderlich zu behagen, er mochte auf ein minniges Plauderstündchen mit der Braut gehofft und auch dieser gegenüber eine Aeußerung solcher Art fallen gelassen haben, denn Fräulein Teßa überraschte die Verlobten „zufällig" in einem Augenblick des Alleinseins während eines augenscheinlich von Inas Seite nicht allzu ruhig geführen Gedankenaustausches, bei welcher Gelegenheit die junge Dame die bezeichnenden, sie allerdings etwas in Erstaunen setzenden Worte erhaschte: „Mein bester Franz, das ist Kleinigkeitskrämerei und ich möchte gerade diesen Mann nicht mit Anderen gemessen wissen!" worauf sich das Paar beim Anblick der ungebetenen Zuhörerin trennte und Ina, eine Wolke des Unmuths auf der Stirn, ins Haus ging, um selbst nach dem Rechten zu sehen, während Franz zu den Anderen zurückkehrte. —
(Fortsetzung folgt.)


