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Go na, ja!" Er hielt den Sohn zurück.Wenn Du kannst, so sondire mal," sagte er zögernd.

Wie? Was hinter ihr liegt?"

An die Kinder vertheilte der Großpapa erstdie Spiel­münzen", blanke Markstücke, welche er ihnen gewissenhaft sammelte, dann sah er Line in das ihm freundlich zurück­gewandte Gesicht.

Wenn ich nur auch für das Fräulein Line etwas hätte, immer so gut mit den Kindern und mit alten mürrischen Leuten auch. So'n Andenken, was?"

Da stand, seiner Hand eben erreichbar, eine reizende Pariser Bronce-Spielerei eine Miniaturuhr, eine Amorette trug sie auf den Flügeln, das Fingerchen direct auf die Lippen gelegt, deutete sie an, daß man bedenken sollte, wie den Glücklichen keine Stunde schlüge. Er drückte ihr das kleine Kunstwerk in die Hände.

Das sollte Ihnen nur gute Stunden schl igen nicht wahr, Sie nehmen sie, Sie machen mir die Freude?"

Sie konnte sich nicht sträuben, es lag so viel Herzens­güte in seinem Tone. (Fortsetzung folgt.)

Ans der Seinestadt.

Bon Dr. M. Evers.

II.

Das CabaretLe Neant.

------- (Nachdruck verboten.)

KO: Eine der originellsten Künstlerkneipen des Quartier Montmartre in der Seinestadt ist das CabaretLe Neant (das Nichts).

Ist der Name dieses Cafes schon an und für sich außer­ordentlich bezeichnend für die absolute Religions- und Glaubens- losigkeit des modernen fin de siöole-Parisers, so ist doch der rege Fremdenbesuch, dessen es sich zu erfreuen hat, nicht minder characteristisch für dasselbe.

Das Aeußere des Cabarets ist so unscheinbar und wenig augenfällig, wie dasNichts" eben nur sein kann. Sehen wir von der einzigen Laterne ab, die des Nachts mit grünlich fahlem Lichte, ähnlich unferm Glühlicht, über dem Eingänge flimmert und dem Eingeweihten zum Führer dient, so sind wir sehr geneigt, dasselbe ganz zu übersehen. Aufmerksam werden wir schon, wenn wir die winzige kleine Thüre öffnen und vollends überrascht, wenn wir das Innere des Locals selber betreten.

Haben wir mit deutscher Bescheidenheit die Thür sachte hinter uns ins Schloß gedrückt, so befinden wir uns in einem eigenthümlich dämmerhaft erleuchteten Raum, dessen Wände schwarz gestrichen sind. Haben wir uns an die herrschende, durch den Tabaksqualm noch vermehrte Dunkelheit etwas gewöhnt, so bleiben wir gewöhnlich starr vor Schrecken und keines Wortes mächtig stehen, denn aus allen Ecken und Winkeln grinsen uns man denke! Todtenschädel und nackte Knochengerippe an. Ein Gruseln überläuft uns und steigert sich zu eisigen Schauern, wenn wir den von der Decke herabhängenden Kronleuchter erblicken, der ganz aus Menschenknochen und Schädelstücken hergestellt ist. Wir fangen an zu zittern und kalter Schweiß bricht auf unserer Stirne aus, wenn wir um uns schauen und bemerken, daß Särge als Tische dienen, zwischen welchen Kellner, nicht etwa im üblichen Frack, sondern in der schwarzen Tracht der Pariser officiellen Leichenkutscher den Gästen aufwarten.

Soyez le bien venu ä la mort! ruft uns einer dieser Kellner mit dumpfer Stimme und feierlicher Miene und ladet uns mit gravitätischer Geste ein, an einem der Särge, d. h. Tische, Platz zu nehmen. Wir gehorchen ihm mechanisch und setzen uns. Wir hätten uns so wie so nicht mehr lange auf den schlotternden Knieen-aufrecht halten können.

Damit hat aber auch unser Erstaunen und Schrecken sein Ende erreicht, denn im Uebrigen herrscht unter den anwesenden Gästen die zügelloseste Ausgelassenheit und das

Schwatzen und Lachen, das Johlen und Schreien, das Singeri und Pfeifen läßt uns die grausenerregende Ausstattung des Loeals momentan vergessen.

Wir athmen erleichtert auf, bestellen uns von dem Leichenkutscher, d. h. Kellner, der uns den Platz anwies, ein Glasboc, d. h. Bier, stärken uns nach dem gehabten Schreck durch einige kräftige, deutsche Männerschlucke, zumal das Gebräu gar nicht so übel mundet, zünden eine Cigarette an, fühlen flüchtig unfern Puls, um uns zu vergewissern, daß wir noch leben und warten der Dinge, die da kommen sollen.

Kommen muß nämlich Etwas, denn zu welchem Zweck sollte man sonst das am Ende des Loeals befindliche, kleine Podium errichtet haben, welches durch einen aufrechtstehenden, großen, offenen, den Gästen zugekehrten Sarg ausgefüllt wird? Was soll das große, weiße Tuch, das zur Seite des Sarges über einer Stuhllehne hängt? Wozu dient denn die Orgel, die mit geöffnetem Manual und aufgesetzten Noten gleichsam des Spielers zu harren scheint? Was hat jener langgelockte, glattrasirte Herr, dem man den Schauspieler von Weitem ansieht, so eifrig mit einem der Gäste zu flüstern?

Kommen muß Etwas. Auch der Lärm im Locale ver­stummt allmählig. Man macht nur ab und zu einige halb­laute Bemerkungen, die je nach ihrem Inhalt bestaunt, benickt, belacht oder belächelt werden. Hier und dort erhebt man sich und dreht die Stühle um, so daß man das Podium bequem überschauen kann.

Kommen muß Ewas. Ein wie aus weiter Ferne herüberhallendes Glockengeläute läßt sich hören. Die halb­lauten Bemerkungen erstarren in ein Geflüster und dieses in Stillschweigen. Mdr Augen heften sich auf den Schauspieler, der noch immer eifrig, aber leise, mit dem Gaste verhandelt.

Kommen muß Etwas! Der leibhaftige Teufel halte die Nervenanspannung aus! Die Cigarette verlöscht, dasboc beginnt warm zu werden, unser Puls fängt an, auszusetzen kommen muß Etwas oder!

Aha! Siehe da! Voila! II vient enfin! Schauspieler und Gast erheben sich und treten unter Glockengeläute auf das Podium. Indessen nimmt ein ä la Liszt frisirter Musiker seinen Platz auf der Orgelbank ein, das Glocken­geläute erstirbt und er beginnt leise' zu präludiren.

Der Gast stellt sich in den Sarg mit der Front nach den Zuschauern hinein. Der Schauspieler, als Regisseur der Vorstellung, nimmt das große, weiße Tuch von der Stuhl­lehne und wirft es dem im Sarge Stehenden über, so daß derselbe ganz davon eingehüllt wird. Unter dieser Mani­pulation intonirt der Organist einen feierlichen Trauermarsch mit den sanftesten Registern.

Die Sache fängt also an, interessant zu werden, lieber Leser. Unsere Ausrnerksamkeit wendet sich naturgemäß weniger der gedämpften Musik als vielmehr dem Sarge zu, der soeben einblühendes Menschenleben" verschlungen hat.

Nun aber heißt's, die Zähne zusammenpressen, daß sie nicht zu klappern anfangen und man sich die halbe Zunge abbeißt! Nun gilts, alle Muskelfibern und dito Fibrillen straff gespannt zu halten, daß man nicht wie ein Waschlappen vom Stuhle zur Erde sinkt, denn unfern Augen bietet sich ein gräßlich, entsetzenvolles Schauspiel dar.

Unter den feierlichen Orgeltönen geht nämlich mit dem Eingesargten" eine seltsame Verwandlung vor. Man sieht, wie sein Leib nach und nach einschrumpft und zum Todten­gerippe wird. Dieser grauenvolle Proeeß beginnt zunächst am Kopf. Die Schläfen, die Augen, die Nase, die Wangen und schließlich die Kiefern sinken ein; die Haare, der Bart und das Fleisch schwinden und nur die nackten, gelblich weißen Knochen bleiben übrig und grinsen den Zuschauer mit jenem, dem menschlichen Schädel so charactenstischen, ver­zweiflungsvollen Hohn ins Gesicht. Dann kommt der Hals an die Reihe, dessen Rundung zur nackten Wirbelsäule zusammenschauert, und so geht es fort, immer weiter nach