Ausgabe 
14.5.1898
 
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MM.

er Schmerz verschmerzen kann, der trägt Sein Trauerkleid ein Trauerjahr.

Wer höchstes Glück in's Grab gelegt, Geht leidumflort für immerdar.

Denn wenn auch endlich wie im Traum Des Kummers schwerste Zeit verging, Unwandelbar am Lebensbaum

Verbleibt der dunkle Jahresring.

Frieda Schanz.

Das Fräulein

Roman von ffi. Vely.

(Fortsetzung.)

Wo sind die Kinder heute gewesen?" fragte er in Er­mangelung eines jeden anderen Einsalls.

Mit dem Fräulein aus"

Zu Fuß?"

Selbstverständlich!" sagte Ebba,Sie müssen doch Bewegung haben."

Es regnet."

Sie gehen gern unter den Schirmen, für Kinder ist Aller ein Ereigniß," meinte sie, zu dem Arzt gewandt.

Der Consul dachte an Line wer fragte auch darnach, ob es ihr angenehm sei oder nicht Wind, Regen, Schnee, Hitze es war für sie immer das Gleiche. Und, als ob Ebba diesmal seine Gedanken erriethe, setzte sie hinzu: Ueber die Ansichten des Fräuleins habe ich mich allerdings nicht orientirt." Unter den langen Wimpern hervor be­obachtete sie Bruno. Es kam ihr wieder in den Sinn, daß Line Arabin seinen Namen gewußt hatte wenn er sie kannte, über ihre Stellung hier im Hause unterrichtet wäre, dann würden seine Züge nicht ganz so gleichgiltig bei ihrer Erwähnung geblieben sein!

Als man ausgestanden war, beurlaubte sich der Haus­herr gleich.

Es wird dem Vater Freude machen, wenn ich ihm in den Kaffee falle und ich bin so selten mit den Kindern Sie kennen unsere Kinder noch nicht, Herr Doctor. Nein, kein Stammhalter darunter. Ich gestehe, ich besitze auch den Ehrgeiz nicht, mir einen solchen als unentbehrlich zu denken. Ja, die Menschen sind verschiedenartig."

Als er in den Wagen stieg, lachte er noch. Mochte dieser Mustermensch nur ruhig von seinem Dorf, in dem er unzweifelhaft geboren war, erzählen er war dieser nüchternen Viertelstunde entwischt.

Line Arabin saß dem alten Herrn gegenüber, zwischen ihnen die Kinder. Sie fühlte sich wirklich behaglich in den Räumen, die in gediegener Weise ausgestattet waren. Wenn Herr Johann Conrad Lund auch nicht die ersten Schritte auf Smyrnaer Teppichen gemacht hatte, er ging jetzt ganz selbstbehaglich darüber hin. Schwere Plüschgardinen und Thürbehänge in dunklen Tönen, schwarze Möbel und eichene, ein Paar gute Bilder, Harzgegenden darstellend, die er, als geborener Harzer, liebte und sich hatte malen lassen es ließ sich gut in den Räumen hausen, die groß und hell waren.

Auch der Diener Fritze war ein Inventar als Aus­läufer war er bei seinem Herrn eingetreten, hatte gute und böse Tage mitgemacht und war zur Höhe einesKammer­dieners" avancirt, wie ihn scherzweise der alte Lund nannte.

Mein liebes Fräulein," hatte Herr Johann Conrad Lund verschiedene Male gesagt und seine fleischige Rechte ihr über den Tisch hingereicht,gefällt es Ihnen denn nun auch ein Bischen bei mir?" Und wenn sie es bejaht, kam es regelmäßig nach:Das freut mich aber, freut mich ganz außerordentlich."

Ja, ja so alt fühle ich mich auch gar noch nicht", sagte Lund, und seine Augen bekamen ein Zwinkern.Das Bischen Schnee liegt wohl auf dem Kopfe aber, Sie wissen, wenn das Herz nur jung bleibt! Und daS das, Fräulein Line das ist wahrhaftig noch ganz frisch! Giebt sich nicht, absolut nicht, freut sich ganz närrisch über Alles, was hübsch ist!" Und er blinzelte ihr verliebt zu.

Sieh da wahrhaftig umgeben von Jugend und Schönheit, das richtige Recept gegen das heraufsteigende Alter!" rief Herr Conrad Lund, in das Speisezimmer tretend.

Sein Vater hatte ihn nicht kommen sehen, jetzt schob sich die Hand über seine Schulter, und ein ganz klein wenig neigte sich des Sohnes Haupt an daS seine.

Alter Sünder," flüsterte er.Hahaha!"

Hahaha!" lachte Herr Johann Conrad, aber gar nicht so ungemein erfreut.

Melde mich zum Kaffee an Ihr wollt wohl gerade Gesegnete Mahlzeit" sagen?

\Allerdings."