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Es war später Nachmittag geworden, als Göbener den Untersuchungsrichter wieder um ein Verhör bitten ließ, ■ wozu letzterer, obwohl die Stunde eine ungewöhnliche war, sich sofort bereit finden ließ.
Er erstaunte, als der Amtmann hereingesührt ward. Die wenigen Stunden, welche zwischen dem vorigen Verhör und dem jetzigen lagen, schienen das Werk von Jahren an dem bisher so kräftigen, rüstigen Manne gethan zu haben.
Trotz des Stirnrunzelns seines Protocollführers, der dem alten Sünder gern ein paar der Dante'schen Höllenstrafen zudictirt hätte und jede Schonung für übel angebracht hielt, bot er dem Gefangenen wieder einen Sitz und mit einem dankbaren Blick ließ dieser sich darauf nieder.
„Ich wollte Ihnen für Ihre weiteren Geständmsse Zeit bis morgen lassen," redete er Göbener nicht unfreundlich an, „da Sie aber darum gebeten haben, will ich Sie schon heute vernehmen. Was haben Sie mir zu sagen?"
„Ich danke Ihnen, Herr Amtsrichter. Da es doch einmal gesagt werden muß, möchte ich damit nicht bis morgen warten," antwortete Göbener, schwieg dann aber und schien vergeblich nach einem Eingang zu seinem Be- kenntniß zu suchen. Amtsrichter Kroh kam ihm zu Hilfe und legte ihm zunächst eine Anzahl Fragen vor, auf welche er bisher ungenügend oder gar nicht geantwortet hatte.
„Sie waren mit der Heirath Ihres Sohnes mit Anna Holten anfänglich nicht einverstanden?" fragte er unter Anderem. _
„Wie konnte ich denn das?" entgegnete Göbener, „sie war ein blutarmes Mädchen, das ich aus Barmherzigkeit ausgenommen hatte und paßte in keiner Hinsicht zu meinem Sohn, den ich für schweres Geld hatte studiren lassen und der ganz andere Ansprüche machen durfte."
„Sie gaben aber doch schließlich Ihre Einwilligung."
„Was wollte ich denn machen? Sie kamen ja Alle über mich her- meine Frau, meine Töchter, meine Schwiegersöhne!"
„Sie scheinen mir doch sonst nicht der Mann, der sich Entschlüsse abringen läßt," bemerkte der Amtsrichter.
„Ach, viele Hunde sind des Hasen Tod!" seufzte Göbener und es klang trotz der furchtbar ernsten Situation beinahe drollig, „zuletzt will man auch nicht immer krakehlen und mal Ruhe haben. Ich dachte, versprochen ist noch nicht verlobt und verlobt noch nicht verheirathet und bedang mir Stillschweigen aus."
„So tiefes, daß selbst Doctor Holten, Annas Bruder, nichts davon erfahren durfte," schaltete der Amtsrichter ein.
„Meine Kinder auch nicht. Wollte keine Brautschaft.
Kannte meinen Sohn."
„Sie hofften, er selbst werde des Verhältnisses überdrüssig werden?"
Göbener nickte sehr nachdrücklich. „Ja, und ich habe mich darin auch nicht getäuscht."
schlagen."
„Was heißt das?"
„Meinen Sohn frei zu machen und die Anna nicht umsonst versichert zu haben. Sollte ich, wenn Adolf sie doch nicht nahm, vielleicht viele Jahre die Versicherungsgebühr umsonst für sie zahlen?"
„Schrecklich! schrecklich!" murmelte Ehrenberg, der sich nicht mehr zu bezwingen vermochte, während der Amtsrichter Göbener nur mit weit geöffneten Augen anblickte. Die Zunge war ihm wie gelähmt. Er hatte schon manchen Verbrecher vernommen, glaubte aber Aehnliches doch noch nicht erfahren zu haben.
„Und dennoch versicherten Sie das Leben des jungen Mädchens mit einer so hohen Summe! Sie thaten es also gleich mit der Absicht, durch ein Verbrechen sich in deren Besitz zu setzen?" fragte der Amtsrichter und fühlte ein Frösteln im Rücken.
„Das nun wohl gerade nicht," erwiderte Göbener röqernd. „Es war, als ich in Fuchsberg bei meiner Tochter war, wo sie mich breitschlugen, daß ich in die Verlobung willigen sollte, gerade ein Agent da, der das Blaue vom Himmel schwatzte und uns sammt und wnders für alle mögliche Fälle versichern wollte, und da kam ich auf den Einfall, wenn Adolf die Anna doch hsirathen sollte, könnte ich ihm eine schöne Mitgift verschaffen."
„Im Falle ihres Todes- sie war doch aber jung und 9CfUn,%a, einmal müssen wir Alle sterben, und wie viele junge, gesunde Frauen sterben im ersten Jahr! Sie war es ja auch wohl zufrieden und sehr dankbar, daß ich so titel Geld für sie ausgeben wollte- sie kam sich seitdem ordentlich
hat Recht, sie haben Alle Recht! Ich bin's gewesen! Ich habe Anna in den Paddenteich gestürzt!" ,
Er sank auf den Stuhl zurück und blieb dort in halb liegender Stellung sitzen. Sein Gesicht war verzerrt, die Augen schienen aus den Höhlen hervortreten zu wollen, bis zum Springen angespannt waren die Adern auf der Stirn, am Halse und an den Händen.
, Lassen Sie mich jetzt in mein Gefangmß zuruckführen, Herr Amtsrichter," brachte er mühsam hervor, „jetzt kann ich nicht mehr, später will ich Ihnen Alles bekennen."
Der Untersuchungsrichter klingelte und befahl dem em- tretenden Aufseher, den Gefangenen in seine Zelle zurückzu- sühren, ordnete auch an, daß ihm etwas Stärkendes verabreicht werde. Den Wärter bei Seite nehmend, raunte er ihm noch zu: .
„Ich befehle Ihnen aus's strengste, ihn keinen Augenblick unbeaufsichtigt zu lassen/ Sie sind mir sür seine Ge- sundheik und sein Leben verantwortlich."
XXIV.
e ch „Sie fuhren mit ihr nach Stettin, um die Versicherung ;u bewirken." ~ .. ...
Ja, ich mochte den Leuten in Greifswald nicht die Mäuler aufreißen und es würde auch hier Niemand davon erfahren haben, wäre der Beamte der „Vorsicht nicht hergekommen, um hier herumzuspioniren. Das hat den Doctor Holten stutzig gemacht."
Sagen Sie lieber, es hat die rächende Vergeltung auf die Spur des Verbrechens gelenkt," sagte Amtsrichter Kroh feierlich, „erklären Sie mir jetzt, ob Sie es von An fang an geplant haben oder ob Sie erst spater auf den unglückseligen Gedanken gekommen sind?"
Göbener legte die Hand auf die Stirn und sann nach. Es war todtenstill in dem nach dem Hose des Gerichtsgebäudes gehenden Zimmer, dessen Fenster mit Weinlaub umzogen waren, dessen Schatten die Sonne auf dem weltz gescheuerten Fußboden malte. Auch das Kritzeln der Feder war verstummt, der Protocollführer hielt in seiner Arbeit mne und schaute mit gespanntem Gesichtsausdruck zu dem merkwürdigen Mann hinüber, der während des Verhörs schon wieder viel von seiner Spannkraft gewonnen hatte, so daß sein eigentliches Selbst mehr und mehr zum Vorschein kam.
„Es kann sein," sagte er langsam und bedächtig, „daß ich von Aniang an halb unbewußt mir so etwas vorgenommen habe, denn so viel stand bei mir fest, daß ich Alles daran setzen würde, ehe ich es zuließe, daß mein Sohn die Betteldirne heirathete, wo er doch das reichste Mädchen tm qanzen Kreise haben konnte, aber ich merkte bald, wie die Zäume hingen, es waren keine paar Monate vergangen, da hatte er die Anna satt und ließ nicht viel mehr in Rapshagen sehen."
„Nun, da hatten Sie doch, was Sie haben wollten."
„Oho, noch lange nicht!" Göbener lachte wieder häßlich auf. „Das Mädchen hing wie eine Klette an ihm, er konnte sie nicht abschütteln, mein gesummtes Weibervolk würde ein Zetergeschrei erhoben haben und der Junge wußte sich auch keinen Rath und hätte sie am Ende nun erst recht qeheirathet, bloß um sein Wort zu halten. Da kam ich denn auf den Einfall, zwei Fliegen mit einer Klappe zu


