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Hatte er ihn beobachtet? Hatte er in seiner Seele gelesen?
Adolf erschrak heftig, dann richtete er sich entschlossen auf.
„Sind wir verantwortlich für die Träume, die uns im Schlaf umgaukeln oder für die, welche sich im Wachen auf uns niedersenken? Einzustehen haben wir nur sür unsere Handlungen, und sie sollen mich da nicht ins Unrecht setzen können, mein Herr Doctor Holten," murmelte er und verließ seinen Platz, denn die Pause hatte begonnen.
Er suchte den Amtsrath und seine Damen wieder auf und blieb auch, wie um dem Doctor Holten Trotz zu bieten, den seine Augen dennoch immer wieder suchen mußten, während des zweiten Theils des Concertes, das Schumanns „Traumeswirren", die „Polonaise F-dur" von Chopin und des „Wanderers Nachtlied" von Rubinstein, wie „An den Abendstern" von Schumann brachte, an ihrer Seite.
Nach Beendigung des letzteren wollte der Amtsrath ausbrechen, aber ein flehender Blick von Carola bannte ihn wieder auf seinen Sitz. Dem allgemeinen Bitten und Rufen nachgebend, hatte der Geiger noch einmal zum Instrumente gegriffen, und schenkte den dankbar lauschenden Zuhörern noch die Polonaise von Vieuxtemps.
„Ein herrlicher Genuß!" flüsterte Frau Münter, als man sich endlich erhob, Adolf zu, „ich hätte kaum geglaubt, daß ein solcher uns in Greifswald zu Theil werden könnte."
„Er ist auch selten genug," fügte der Amtsrath hinzu, während Carola schwieg und noch völlig unter dem Eindruck des soeben Gehörten zu stehen schien. „Wir sind Ihnen vielen Dank schuldig, lieber Göbener."
„Der gebührt in erster Linie' den Künstlern," erwiderte dieser und fragte, zu Carola gewendet: „Sie sind befriedigt?"
„Befriedigt?" wiederholte sie mit einem leuchtenden Blick, „das Wort ist recht arm. Aber ich besitze keins, das meine Empfindungen genügend ausdrückt und hätte ich es, ich würde es nicht anwenden. Der beste Dank scheint mir tiefes, andachtsvolles Schweigen- es wäre mir unmöglich gewesen, einzustimmen in das Beifallklatschen und Rufen der Menge."
„Ich glaube doch kaum, daß die Künstler mit diesem stummen Beifall zufrieden sein würden," lachte der Amtsrath, „den Luxus dürfen sich nur einzelne Auserwählte gleich Dir gestatten, Carola. Was bringen Sie den Herrschaften sonst noch für Ovationen, Adolf?" wandte er sich fragend an den Letzteren.
„Wir Haben sie zu einem Festmahl eingeladen- es wäre sehr hübsch, wenn Sie sich daran betheiligen wollten," antwortete dieser und schaute bittend von den Damen auf den Amtsrath. . Ehe Letzterer zu antworten vermochte, rief Carola mit einer unnachahmlich reizenden Bewegung der Schultern:
„O nein, nein, wenn ich bitten darf. Ich möchte nicht uumittelbar, nachdem die Künstler mich so hoch über mich selbst hinausgehoben, in ihnen die Menschen sehen, die Gefallen finden an Speise und Trank, möchte nicht möglicherweise triviale Redensarten aus ihrem Munde hören."
„Eine Würde, eine Höhe entfernte die Vertraulichkeit," spottete der Amtsrath gutmüthig. „Dein Wunsch trifft übrigens mit dem meinigen zusammen, wenn auch aus anderen Gründen, ich möchte mit meinen jungen Pferden keine späte Nachtfahrt machen. Wenn Du also an dem Souper theil- nehmen möchtest, so bist Du überstimmt, Felicitas."
Frau Münter erklärte lächelnd, daß sie sich dem Majoritätsbeschluß füge.
Man hatte den AuSgang des Saales erreicht- Adolf begleitete die Damen in die Garderobe und war ihnen beim Anlegen der Pelze und Mäntel behilflich, aus deren Umrahmung Carolas Gesicht ihm fremdartig, aber mit einem ganzen neuen Reiz entgegenschaute, und ließ es sich auch nicht nehmen, mit ihnen zu dem ihrer bereits harrenden Schlitten zu gehen, obwohl der Amtsrath ihn wiederholt mahnte,
keine Pflicht zu versäumen und zu der Gesellschaft zurückzukehren.
Während er die Damen in den Schlitten hob, lud ihn der Amtsrath ein, doch recht bald wieder nach Waldhof zu kommen und Carola fügte hinzu:
„Kommen Sie, so lange wir noch die schöne Eisbahn auf dem See haben, wir wollen einen Wettlauf anstellen, auch habe ich eine wahre Sehnsucht, mit Ihnen zu musiciren. Nach dem heutigen Concert hat der Löwe Blut geleckt."
Einen Augenblick zögerte Adolf mit der Antwort. Er sah die hellbraunen Augen seiner Braut, sür die er jetzt recht selten Zeit hatte, mit leisem Flehen auf sich gerichtet, nun aber wandte ihm Carola voll das vom Mondlicht beleuchtete, von der Pelzkappe eingerahmte schöne, bleiche Antlitz zu und schnell versprach er:
„Ich komme in den nächsten Tagen."
Noch ein Händedruck und neidisch verhüllte der dichte Schleier ihr Gesicht. Der Amtsrath, welcher selbst den Schlitten lenkte, knallte mit der Peitsche und der Schlitten fuhr schnell über den mondbegiänzten alterthümlichen Marktplatz. Adolf Goebener schaute ihm nach, bis er um die Ecke verschwunden war.
XII.
Seit jenen Octobertagen, in welchen Amtsrath Wenzel die Werbung des Doctor Holten so entschieden znrückgewiesen und den Entschluß gefaßt hatte, seine Tochter nach der Riviera zu senden und wo Amtmann Göbener mit Anna Holten in (Stettin gewesen war, um deren Leben bei der „Vorsicht" zu versichern, waren jetzt vier Monate vergangen.
Sie hatten auf Waldhof, wie auf Rapshagen mancherlei Veränderungen gebracht.
Auf den Brief, welchen Amtsrath Wenzel an seine Cousinen nach Stettin geschrieben hatte, war beinahe umgehend eine Antwort eingegangen. Sie hatte von Elisabeth Wenzel unbedingt zusagend gelautet und Vater und Tochter sehr wohlthuend angemuthet durch die sich darin unverhohlen und unverstellt kundgebende Freude über die Aussicht, in Metas Gesellschaft einen Winter im Süden zubringen zu dürfen.
Auch Frau Professor Münter zeigte sich sehr angenehm berührt von dem Gedanken, in dem schönen stillen Waldhof einen Winter verleben und sich ihrem Vetter nützlich machen zu können. Allerdings äußerte sie noch ein Bedenken dabei.
Ihre Tochter Carola war nach mehrjähriger Abwesenheit vor einigen Wochen aus Rußland zurückgekehrt. Sie fühlte sich etwas ermüdet und wollte, bevor sie in Deutschland eine neue Thätigkeit begann, sich einige Monate bei der Mutter ausruhen. Gern war sie bereit, die letztere nach Waldhof zu begleiten. Würde sie dem Amtsrath daselbst als Gast genehm sein?
Wenzelte willigte mit Freuden in diesen Vorschlag und schon nach Verlauf einer Woche trafen die Damen in Waldhof ein. Sic hatten die einstweilige Auflösung ihres Haushaltes mit einer Schnelligkeit bewirkt, die bei dem Amtsrath ein sehr günstiges Vorurtheil sür ihre Tüchtigkeit erweckte.
Meta, welche Carola nie und die älteren Damen nur flüchtig und vor Jahren gesehen hatte, empfing durch das liebevolle, mütterliche Wesen der Frau Professor Münter den besten Eindruck und war mit der einnehmenden Persönlichkeit ihrer Reisegefährtin und Beschützerin wohl zufrieden, wenn sie auch nichts mit ihrer Entfernung von Waldhof auszusöhnen vermochte.
Nicht ganz so leicht wurde es ihr, die rechte Fühlung mit der um einige Jahre älteren schönen, weltgewandten Carola zu gewinnen, so liebenswürdig diese ihr auch entgegenkam, unö sie hatte es vorgezogen, ihr übervolles Herz an dem Busen der Frau Professor Münter auszuweinen, statt, was doch eigentlich näher gelegen hätte, deren jugendliche Tochter zur Vertrauten ihrer Liebe und ihres Kummers zu machen.
Trotz des Verbotes und der Wachsamkeit des Vaters


