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JWa§ ist so Art gewisser Leute: pW? Man spricht von Dem und Diesem heute, Heißt Das nicht schön und Das nicht gut.
Und unter lauter Kritisiren, Verdammen, Wägen und Censiren Verbirgt man, daß man — selbst nichts thut!
W. Herbert.
Der Amtmann von Rapshagen.
Criminal-Roman von F. Arn efeld.
(Fortsetzung.)
Während Adolf Göbener bereitwillig und nicht ohne stolzes Selbstgefühl Bescheid gab, tauschte er auch einen steifen Gruß und nicht gerade freundlichen Blick mit seinem zukünftigen Schwager aus, der sich in eine Ecke des Saales zurückzog. Er behielt indeß Göbener im Auge und dieser wiederum hatte den Platz, welchen er bei Beginn des Con- certes hinter einer Säule einuahm, wohl nicht absichtslos so gewählt, daß er zu dem Amtsrath und dessen Begleiterinnen hinüberschauen konnte.
Das Concert begann mit Beethovens Frühlings-Sonate, vorgetragen von dem berühmten Geiger und einer einheimischen Dilettantin, welche wohl auf den Namen Künstlerin Anspruch machen durfte, und mit nicht unberechtigtem Localpatriotismus machte man sich leise darauf aufmerksam, daß sie dem Virtuosen ebenbürtig zur Seite stehe.
Ebenso war die Clavierbegleitung zu dem Liederstrauß, der von der Berliner Sängerin jetzt gespendet ward. Auf Susannas Arie aus „Figaros Hochzeit" folgte „Schuberts Wanderer", dem sich das seelenvolle Gedicht „Aennchen von Tharau" anschloß.
Adolf Göbeners Blicke waren zwischen der Sängerin und Carola Münter hin und her gewandert und zuletzt auf dieser haften geblieben, die leicht vorgebeugt saß und, ihrer Umgebung entrückt, völlig in das Gehörte aufzugehen schien. Als aber das dritte Lied in seiner einfachen, ergreifenden Weise erklang, war es ihm, als fasse eine Hand nach seinem Herzen und presse es mit schwerem Druck zusammen. Konnte er noch einstimmen in die Worte: „Aennchen von Tharau ist's, die mir gefällt?"
Wie aus weiter Ferne hörte er den Beifallssturm, der den Saal durchbrauste, dann tiefes, athemloses Schweigen, man hätte das Fallen einer Nadel hören können. Dec Geiger hatte den Bogen angesetzt und spielte die „Phantasie" von Ernst.
Und inmitten dieser weihevollen Stille hatte Adolf Göbener das Gefühl, als nehme die Musik ihn auf ihre Flügel und trage ihn weit, weit fort zu einer von einem strahlenden weißen Lichte erhellten Wiese, auf deren grünem, mit bunten Blumen durchstickten Teppich er sich allein sah mit zwei Frauengestalten: Carola Münter, umflossen von grüner, schillernder Seide und weißen duftigen Spitzen, das reine Oval des Gesichtes umgeben von dem wunderbar glänzenden Haar, das blaue Auge sprühend von Geist und Leben. Daneben aber Anna im schlichten Hauskleide. Das reiche, aber etwas stumpfe Haar glatt gescheitelt und zu einem kunstlosen Flechtenknoten im Nacken verschlungen, die hellbraunen Augen und das sanfte Gesicht mit jenem Ausdruck der Hilflosigkeit und des unbedingten Vertrauens auf ihn gerichtet, der ihn stets so tief gerührt, so unwiderstehlich angezogen hatte!
Schwankend, rathlos schaute er von Einer zur Andern. Leise winkend erhob Carola die schlanke weiße Hand, gleichzeitig streckte aber auch Anna, an welcher deutlich die Spuren der Arbeit wahrzunehmen waren, nach ihm aus, und so leicht und zagend ihr Griff war, er fühlte doch, daß sie ihn festhielt, daß jedes Bemühen, sich loszumachen, vergeblich sei.
Er stieß einen bangen Seufzer aus, strich über die erhitzte Stirn und schaute wirr, erschrocken um sich.
Der Traum war zerronnen gleich einem Nebelgebilde. Da war der menschcngefüllte Saal, da war der Geiger auf dem Podium, der soeben den letzten Bogenstrich that.
Einen Augenblick herrschte noch tiefe Stille, dann brach ein Beifall los, so donnernd, so tosend, wie ihn nur der Zusammenklang vieler aufs Tiefste erregten Herzen und Hände hervorzubringen vermag. Adolf Göbener war es aber, als vernehme er das Brausen eines Sturmes, der über das Land dahinfege und Alles mit fortwehe, was er für sein Leben errichtet und aufgebaut hatte.
Wohin er die Blicke wandte, überall glaubte er Annas Augen auf sich gerichtet zu sehen, jetzt nicht flehend und schüchtern, sondern finster, trotzig.
Er schloß für eine Minute die Augen und blicke wieder auf. Die braunen Augen waren da, nicht in seiner Einbildung, sondern in Wirklichkeit. Sie gehörten Stephan Holten, der sie unverwandt auf ihn gerichtet hielt.


