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Hammer mit einer Zorn - Geberde auf den Fußboden und murmelte eme heftige Verwünschung vor sich hin.

Otto schlich auf der Straße dahin mit der Miene und der Haltung eines Menschen, der eben eine moralische Niederlage erlitten. Wie einem armseligen Schächer war ihm zu Muthe. Er schämte sich vor sich selbst und schalt sich erbärmlich und feig. Warum hatte er seinem Schwieger­vater nicht energischer widersprochen? Warum hatte er nicht rundweg abgelehnt, die Mission an Carl zu übernehmen?

Die Schatten der Vergangenheit verflüchtigten sich mehr und mehr. Otto war so ganz in seine neue Würde als Gatte und Familienvater seine Frau hatte ihm einen reizenden gesunden Knaben nach Jahresfrist geschenkt hineingewachsen, daß er mit dem Otto der früheren Periode wenig oder gar nichts mehr gemein hatte. Er blickte auf seine früheren Lebensjahre zurück, als wären es die eines Anderen. War er verantwortlich für das, was der leicht­sinnige junge Mann einst verschuldet?

War cs nicht die That eines Wahnsinnigen, der nicht Herr seiner geistigen und seelischen Kräfte gewesen, der sich vom Taumel des Augenblicks hatte hinreißen taffen ? Hatte er, der reife Mann nicht die Schuld des leichtfertigen Jünglings längst gesühnt? Auch materiell.

Fort endlich mit der Erinnerung an eine Zeit, die er überhaupt nicht mehr begriff, in die er sich gar nicht mehr hinein versetzen konnte. In der reinen Atmosphäre, in der er athmete, war ihm Reinheit des Handelns, Denkens und Empfindens so zur zweiten Natur geworden, daß er überhaupt nicht mehr verstand, wie das hatte geschehen können, was damals geschehen war.

Mit der Familie seines Bruders hatte er und seine Familie wenig Umgang. Abgesehen davon, daß sie zwei so ganz verschiedenen socialen Schichten angehörten, legte Carl ein so bärbeißiges, abstoßendes Wesen an den Tag, daß es ganz unmöglich war, einen regelmäßigen Verkehr mit ihm zu unterhalten. Wenn er selbst auch seine Schroffheiten geduldig und ergeben hinnahm, durfte er Constanze, der Ahnungslosen, Schuldlosen zumuthen, Carls Tactlosigkeiten über sich ergehen zu lassen? Zudem .... war es ihm zu verdenken, daß er sich nicht gern dem demüthigen, ihn ous's Tiefste darniederdrückenden Gefühl aussetzte, das ihn jedesmal in Carls Nähe überkam? Was hatte Carl davon? Hatte er einen Vorthetl, geschah ihm etwas Gutes, wenn er Otto an seiner Seite im Geheimen mit den quälendsten, marterndsten Empfindungen rang? Seine materielle Hilfe aber wies Carl entschieden nach wie vor zurück und auch sonst legte er seinen und Constanzens Besuchen gegenüber eine Gleichgiltigkeit, ja eine Unfreundlichkeit an den Tag, daß es aufdringlich gewesen wäre, wenn man ihn öfter, als es unumgänglich erschien, hätte aufsuchen wollen. So ge­wöhnte man sich gegenseitig daran, einander nur an den Festtagen der Familie formelle Glückwunschvisiten abzustatten.

Einen desto lebhafteren Verkehr unterhielt das junge Ehepaar mit dem Kammergerichlsrath und deffen Umgangs- kreise. Sie machten in allen dem Kammergerichtsrath be­freundeten Familien ihre Besuche und gaben selbst während der Saison die üblichen großen Gesellschaften. Die Herren von Markwald und Wattenfeld hatten sich rasch den ver­änderten Umständen angepaßt (wenn der Herr Kammer­gerichtsrath dem Köster trotz alledem seine einzige Tochter zur Frau gab, so brauchte man sich auch nicht so disficil zu zeigen) und hatten bei dem jungen Ehepaar ihre Antritts­visite gemacht. Aber Otto hatte die Freunde seiner leicht­sinnigen Jugendzeit so kühl ausgenommen, daß sie ihre Besuche bald wieder einstellten. Der Kammergerichtsrath war trotz der bescheidenen Herkunft Ottos doch stolz auf seinen Schwiegersohn, der einst ein so glänzendes Asseffor- examen gemacht und der sich auch in seinem neuen Beruf als eine hervorragende Kraft bewies. Trotz der materiellen 5

Vortheile, die Ottos Stellung bot, wollte sich Herr Göring mit dem Berufswechsel seines Schwiegersohnes nicht recht befreunden. Er ließ nicht ab, in Otto zu dringen, seine Stellung aufzugeben und wieder in den Staatsdienst zu treten. Auch die Freunde des Hauses, zum größten Theil selbst Juristen, waren derselben Ansicht, daß es für Otto geradezu Pflicht, seine juristischen Kenntniffe im öffentlichen Jnterefse zu verwerthen. Emern jungen Juristen, der be­reits beim Staatsexamen das Jntereffe des Ministers auf sich gelenkt habe, dem könne es gewiß nicht fehlen. Eine An­stellung als Hilfsarbeiter im Ministerium war ihm ja als sogenannterGnaden-Asseffor" von vornherein sicher.

Auf Otto verfehlten diese wiederholten Reden und Er­örterungen ihre Wirkung nicht. Der Ehrgeiz regte sich in ihm und seit ihm ein Kind geboren war, kam noch ein ernstes, drängendes Motiv hinzu, sein Vatergefühl. Schuldete er dem jungen Wesen, für deffen Zukunft er verantwortlich war, nicht eine volle Entfaltung aller ihm innewohnenden Kräfte? War es nicht seine Pflicht, mit Aufbietung der ihm verliehenen Gaben und Kenntniffe das Höchstmögliche zu erreichen, um dereinst seinem Sohn um so wirksamer den Weg ebnen zu können?

Und so reichte er beim eines Tages seine Kündigung ein, um nach Ablauf der contractlich festgesetzten Frist sich wieder in den Staatsdienst zu melden.

Niemand war glücklicher über diesen Entschluß als Ottos Mutter. Nun sah sie sich am Ziel aller ihrer Wünsche. Keine Mutter auf dem ganzen Erdenrund konnte sich glücklicher schätzen als sie.

Nun, Vater, habe ich recht gehabt?" sagte sie freude­strahlend zu ihrem Mann.Bereust Du nun, daß Du für ihn bezahlt hast damals ... Du weißt? Hattest Du Dein Geld beffer anlegen können? Ist er nicht ein be- neidenswerther Mann, unser Otto? Eine vornehme Frau, ein reizendes Kind und nun noch ins Ministerium! Thut Dir's nun leid, daß Du ihn hast studiren lassen und daß Du ihn als Referendar erhalten hast, vier lange Jahre?"

Und Köster widersprach nicht nicht mit einer Silbe. Er reichte seiner treuen, klugen Lebensgefährtin die Hand.

Du hast recht gehabt, Mutter . . .," pflichtete er bei. Du hast weiter gesehen als ich. Wenn's nach mir gegangen wär', dann säße er nun, wenn's hoch gekommen wär', als Bureauvorsteher bei einem Rechtsanwalt. Ja, ja, Dir hat er viel zu danken, Mutter, viel."

Und Otto war sich dieser Dankespflicht wohl bewußt. Oft suchte er in Begleitung Constanzes die Eltern in der Rügenerstraße auf und machte der Mutter liebevolle Vor würfe, daß sie sich so selten sehen ließ. Die Mutter pflegte sich dann mit dem weiten Weg und ihrem zunehmenden Alter zu entschuldigen. Der wahre Grund freilich war ein anderer. Wohl zog sie ihr Herz nach ihrem kleinen Enkel, wohl ver­langte es sie, sich an dem Glück ihres Lieblingssohnes zu weiden, der schon jetzt fast so vornehm wohnte wie ein Minister. Aber sie fürchtete lästig zu fallen und ihrem Sohne und ihrer Schwiegertochter unbequem zu werden. So zog sie es denn vor, sich still in Gedanken von fern au dem Glück ihres Sohnes zu freuen.

Wenn sie aber wirklich einmal die Sehnsucht nach dem Westen trieb, so weilte sie während der ganzen Dauer ihres Besuches, ihrer selbstlosen, bescheidenen Art in dem Kinder­zimmer und kein Reden und Bitten konnte sie bewegen, sich in dem prunkvollen Besuchszimmer niederzulaffen. Ihr größter Genuß war es, den kleinen Eberhard so hieß er nach dem Großvater mütterlicherseits auf dem Schooße zu halten und in den weichen kindlichen Zügen des Enkels nach Aehnlichkeiten mit dem Sohne zu forschen. Und das Resultat, daß er seinem - Vaterwie aus dem Gesicht ge­schnitten sei," erweckte jedesmal wehmuthsvoll süße Erinne­rungen an Ottos Kindheit in ihr.

(Fortsetzung folgt.)