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Carl schritt auf seinen Bruder zu, der erschreckt zu- ä sammenzuckte und mechanisch in sein Zimmer zurücktrat. Carl folgte. Als er die Thüre hinter sich in's Schloß gezogen hatte, blieb er staunend stehen. Eine große, strahlende Hängelampe und eine Tischlampe erleuchteten das Zimmer bis in die äußersten Winkel. Den ganzen Ranm durchströmte ein feines Parfüm, das von einem auf dem Schreibtisch stehenden geöffneten, zierlichen Flacon herkam. Otto selbst befand sich in vollem Staat, in Frack, weißer Halsbinde und trug glänzende Lackstiefel an den Füßen. Auf dem Sopha lag ein eleganter Chapeau-Claque.
Otto betrachtete stirnrunzelnd seinen Bruder, der in seiner einfachen Kleidung, die noch Spuren der Arbeit aufwies, zu der behäbigen Eleganz der Umgebung in einem grellen Kontrast stand.
„Willst Du mir sagen" — begann er, ohne sich die Mühe zu geben, seinen Verdruß zu verbergen, — „was das bedeuten soll? Warum dieses gewaltsame lärmende Eindringen bei mir?"
Carl stand noch immer in der Nähe der Thür. Er schnupperte mit der Nase nach der Richtung, von wo der Patschuliduft herkam. In seinen zuckenden Mienen spiegelten sich deutlich die Gefühle, die ihn in diesem Augenblick erfüllten.
„Nimm mir nicht übel," sagte er mit beißender Ironie, die ganz gegen seine sonstige Art die Behandlung seitens des Dienstmädchens sowie sein Empfang durch Otto Plötzlich in ihm erweckt hatte, „nimm nur nicht übel, daß ich Dir nicht, wie es bei den vornehmen Seilten ja wohl Mode ist, meine Karte hineingeschickt habe. Ich habe sie zufällig vergessen. — Du bist wohl bei Ministers zur Fste geladen?"
„Laß die dummen Witze?" brauste der Referendar auf.
Carl trat ein paar Schritte in's Zimmer hinein. Ironie und Spottlust schwanden mit einem Male aus seinem Gesicht und machten einem düsteren Ernst Platz.
„Hast Du meine Postkarte erhalten?" fragte er, den ihm Gegenüberstehenden scharf in's Auge fassend. Otto wandte unwillkürlich den Blick ab. Etwas wie Verlegenheit drückte sich in seinem Mienenspiel und der Bewegung aus, mit der er seine Handschuhe vom Tische nahm und sie scheinbar aufmerksam betrachtete.
„Die Postkarte?" fragte er und that, als ob er in seiner Erinnerung suchte, . . „ach so . . . ja . . . Muttern geht's doch hoffentlich besser."
„Nein, schlechter geht ihr's und daran bist Du schuld." „Ich?"
Otto zeigte eine ungläubige Miene und versuchte zu lächeln.
„Ja, Du!" bekräftigte Carl. „Aber das hindert Dich nicht, aus'n Ball zu gehen und Dich zu amüsiren."
Otto zuckte zusammen, seine Hände schloffen und öffneten sich; eine dunkle Röthe ergoß sich über sein ganzes Gesicht bis zur Stirn hinauf. Seine Lippen bewegten sich, aber er brachte kein lautes Wort heraus.
„Weißt Du, warum sie krank ist?" fuhr Carl in demselben lauten, anklagenden Ton fort, in dem er all das Borhergegangene gesagt hatte.
Der Jüngere zuckte die Achseln.
„Weil Du ein schlechter, liebloser Sohn bist," rief ihm Carl ins Gesicht.
Der Referendar fuhr nun doch zornig auf und machte eine hochmüthige Bewegung, dem Bruder Schweigen zu gebieten: „Ich muß Dich doch dringend ersuchen" . . .
„Weil Du ein liebloser, gewissenloser Mensch bist," überschrie ihn der Andere, dem die Zornesader auf der Stirn anschwoll und oem sich das, was schon seit Wochen in ihm gährte, nun einmal über die Lippen drängte: „Wärst Du Deiner Pflicht nachgekommen, hätte die Mutter nicht zu Dir kommen brauchen und hätte sich nicht erkältet. Und wenn Du nicht diese noblen Neigungen hättest und über Deine
Mittel hinaus lebtest, dann brauchte sich die arme alte Frau bei der Nähmaschine vollends nicht zu Schanden arbeiten." (Fortsetzung folgt.)
Gruseliges aus der Lindener Mark.
Von C. D., Gr.-L.
Ich wende nichts dagegen ein.
Es müssen wohl Gespenster sein. (Lessing.)
Ja, die Alten, die haben Mancherlei erlebt, wovon unsere aufgeklärte Zeit wenig Ahnung mehr hat. Daß die Nacht keines Menschen Freund ist, das glaubt man auch jetzt noch und, daß sich in dunkler Nacht die Pforten der geheimen Geisterhorte auch jetzt noch öffnen, um ihre Bewohner in sonderbarlichen Gestalten auf der Oberwelt umher wandeln zu lassen, dieser Glaube dürfte bei Manchen trotz der Aufklärungen ebenfalls noch nicht ausgeschlossen sein. — Zu gewissen Zeiten und an gewiffen Orten erscheinen diese Gestalten, um zaghafte Menschenkinder zu foppen, zu ängstigen, zu quälen oder ihnen auch Unheil zu verkündigen.
Der Alte, der weiß es. Den Mann mit der Leuchte im Brückerfeld, den hat ihm als kleiner Junge seine Mutter gezeigt. Auch Andere haben ihn in der Richtung von Hörnsheim nach Lützellinden zu wandeln sehen, aber Niemand hat ihm ins Antlitz geschaut. Daß es früher am „Woellschloß" und am „Gerichtshaus" nicht geheuer war, das wußte früher,,jed' klan Keind".
Das „Kasserche" im Dorf, das hat Manchen gar oft erschreckt und ihn zu später Nachtstunde von der Straße verscheucht. „Die Obergässer Schäferei" war versammelt, und mein Vater war auch dabei gewesen, so erzählte uns oft die alte Großmutter. „Durch die Wahl eines neuen Salzmeisters hat es etwas lange gedauert. Derselbe mußte erst noch etwas abgeben, darüber war es 12 Uhr geworden. Mein Vater und der neue Salzmeister waren die letzten, welche gingen. Vor der Thüre schlupfte der Nachtwächter an ihnen vorbei, um die Zwölf auf der Pfarrgasse abzurufen. Am Spritzenhäuschen hielten die beiden noch ein Ständchen und dabei einen „Nachschwatz." Da, auf einmal trottet etwas an ihnen vorbei und glotzt sie eine Weile mit seinen glühenden Augen an. Der ebenso plötzlich hinter den Wolken hervortretende Mond beleuchtet ihnen im kleinen Lichtkreis das kleine Wesen. Es war klein und „wusselig", so groß wie ein Spitzhund und kohlschwarz. Sein Haar war „struppig." Das Ding erweckte ein wirkliches Gruseln. Geräuschlos hatte sich meines Vaters Begleiter abgedrückt und war im Dunkel der Nacht verschwunden. Mein Vater aber hatte mehr Courage im Leib und ging dem unheimlichen Wesen nach. Am Todtenthore machte es ein wenig Halt, trottete dann die Junkergasse hinunter, bog dann in den Wächtersgang ein nach der Pfarrgasse zu. Da war es verschwunden! Das war das „Kasserche!"
Aber noch gruseliger klingt eine andere Beigabe eines alten Greises. Er weiß noch Personen zu nennen, die ihn gesehen haben, — „den Reiter ohne Kopf." Einige Spätlinge stehen nach 12 Uhr noch in dem Schatten einer düsteren Ecke und halten noch ein flüsterndes Consilium. „Horcht einmal", spricht einer derselben, „da kommt ja noch ein Reiter." „Aber der Gaul kleppert so awicht an ihnen vorbei. Neugierig, doch zögernd traten sie näher. Da sehen sie, daß sein Teppich auf der Erde schleift. Einer von ihnen will ihn erhaschen, kann ihn aber nicht erreichen, obgleich dies sehr einfach und leicht erscheint. Da machte einer der übrigen darauf aufmerksam, daß der Reiter ja keinen Kopf habe. Grausiges Entsetzen ergreift Alle und treibt sie nach Hause. Noch Andere haben diese grauenhafte Reitergestalt gesehen. Mehrmals ist sie die Hauptstraße auf- und abgeritten, ist zuletzt bei „Gossis Haus" in dem Feldweg nach dem „Luh" verschwunden.


