Ausgabe 
13.1.1898
 
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geworden. Sein Gesicht hatte sich aufgeheitert, er nickte ihr lustig zu.

Deinen Besuch müssen wir doch begießen, Mutter!" Er deutete auf den Krug, den die Herren von Markwald und Wattenfeld im Stich gelassen.

Echtes Löwenbräu, Mutter! So was giebt's bei Euch da draußen gar nicht."

Er goß die beiden Reste der Freunde in ein Glas zusammen und spülte das leergewordene Glas über seiner Waschtoilette aus. Dann kehrte er zum Tisch zurück, füllte das eben gereinigte Glas und eredenzte es der Mutter, sich auf die Lehne ihres Fauteuils setzend und ihre Schulter mit seinem linken Arm umschlingend. Und nun stieß er mit ihr an.

Auf Dein Wohl, Mutter, Prost!"

Sie wollte nur nippen, aber er drängte sie, ihr Glas zu leeren.Rest, Mutter, Rest! Selbstverständlich!"

Sie schluckte und schluckte, innerlich ganz glückselig über seine Liebenswürdigkeit. Vergessen waren seine unfreundlichen Worte, seine Kälte von vorhin. Im Grunde war er ja doch ein herzensguter Junge.

V.

Trübe Tage waren für die kleine Familie in der Rügenerstraße gekommen. Frau Köster hatte sich bei ihrer Expedition nach der Neuenburgerstraße eine heftige Erkältung zugezogen. Ein starkes Fieber war die Folge, das den ohnedies von dem anhaltenden Maschinennähen und der sonstigen schlechten körperlichen Pflege außerordentlich ge­schwächten Körper sehr mitnahm. Der Arzt verordnete vorläufige Bettruhe, überhaupt längere Schonung und Ent­haltsamkeit von allen häuslichen Arbeiten.

Das erste war, daß Köster ein weibliches Wesen engagirte, das die Kranke pflegte und daneben die Wirthschaft besorgte. Denn er und Carl durften sich durch die Krankheit der Mutter nicht abhalten lassen, pünktlich ihren Pflichten nachzu­kommen. Er fand ein junges Mädchen, das sich in der Zeitung annoncirt hatte. Er hatte sie gewählt, weil sie zu fällig nicht weit ab wohnte und nach Hause schlafen gehen konnte, und weil ihr bescheidenes Wesen und ihre saubere, nette Erscheinung ihm zusagten. Sie war eine Waise, die erst vor Kurzem nach Berlin gekommen war und nun hier bei Verwandten wohnte und irgend eine passende Beschäftigung suchte.

Daß Küsters Wahl eine gute gewesen, erwies sich schon in den ersten Tagen. Die Wirthschaft ging wie am Schnürchen, und Fräulein Helene Zimmermann schaltete in der fremden Umgebung mit einer Umsicht, als ob sie in der Familie groß geworden wäre. Die beiden Männer hatten über nichts zu klagen und daß der Kranken ebensowenig etwas abging, sah man an den zufriedenen Mienen derselben und an dem günstigen Verlauf, den die Krankheit nahm. Helene Zimmer­mann hatte etwas in ihrem Gebühren, das unwillkürlich Achtung abnöthigte. Es lag etwas Bestimmtes und Sicheres in ihrer ganzen Art, obgleich sie wenig Wesens von sich machte, und eher etwas Stilles, in sich Gekehrtes an sich hatte. Vater und Sohn behandelten das Fräulein von allem Anfang an mit einer Rücksicht, die man den beiden rauhen Männern gar nicht zugetraut hätte. Besonders Carl ließ es sich angelegen sein, dem jungen Mädchen gefällig zu sein, wo er nur konnte. Er litt nicht, daß sie die schweren Hausarbeiten, wie das Zerkleinern des Brennholzes und das Heraufschleppen der Preßkohlen aus dem Keller selbst verrichtete.

Das müssen Sie mir schon überlassen, Fräulein," sagte er mit feinem Lächeln.Das hat schon immer zu meinem Ressort gehört." Als das Fieber der Patientin nachgelassen hatte, war es das Erste, daß sie der neuen Hausgenossin von ihrem abwesenden Sohn erzählte. Und da Helene Zimmermann eine aufmerksame Zuhörerin war, die sich immer für das, wovon man ihr gerade sprach, angelegentlich zu interessiren schien, so holte die Erzählende

immer weiter aus, indem sie von der frühesten Kindheit und Jugend ihres Lieblings berichtete. Ein wie kluger, lieber und hübscher Junge er immer gewesen! Und am nächsten Sonntag würde er gewiß kommen.

Aber wer nicht kam, war Otto. Die Kranke war den ganzen Tag über sehr unruhig und richtete sich alle paar Minuten im Bett auf, im stilleu Sehnen nach ihrem Liebling lauschend. Am anderen Tage war das Fieber um einen Grad gestiegen. Sie klagte nicht. Aber daß ihre Gedanken unablässig sich mit ihrem Liebling beschäftigten, sah man an ihren Augen und hörte man an ihren unwillkürlichen Seufzern.

Carl erbot sich, an Otto zu schreiben. Aber sie wehrte heftig ab.

Beileibe nicht! Nächsten Sonntag wird er schon kommen. Bis dahin bin ich wieder gesund. Wozu den armen Jungen beunruhigen."

Doch Carl jammerte es, mitanzusehen, wie sie sich in stillem Sehnen verzehrte. Und so schrieb er heimlich eine Postkarte an Otto, legte ihm dringend ans Herz, sofort nach Empfang zu kommen, da Mutter erkrankt sei und sehnlich nach ihm verlange.

Aber zwei, drei Tage verstrichen, ohne daß sich der Herr Referendar in der Rügenerstraße sehen ließ.

Carl war innerlich empört über Ottos Lieblosigkeit. Am Freitag Abend beschloß er, persönlich bei dem Säumigen vorzusprechen. Er nahm sich nicht einmal die Zeit, seine Kleidung zu wechseln. Nur einen frischen Kragen um und ein paar Bürstenstriche über seinen staubigen Werktagsanzug, der allerlei unvertilgbare Spuren der Arbeit trug, und fort ging es nach der Neuenburgerstraße zu.

Es war schon in der neunten Stunde, als er an seinem Ziele anlangte. Ein Dienstmädchen öffnete ihm, einen^koketten, schmalen, weißen Haubenstreif auf dem Kopfe und vor dem Hauskleid eine zierliche, weiße Latzschürze.

Ist Herr Köster zu Hause?" fragte Carl höflich.

Das Mädchen musterte ihn stirnrunzelnd und entgegnete mit schnippischem Aufwerfen ihrer Lippen und mit deutlich zurechtweisender Betonung:Ja, der Herr Kammergerichts­referendar ist anwesend."

Carl wurde roth, aber er begnügte sich, mit den Achseln zu zucken, während er zugleich Miene machte, einzutreten. Doch das Mädchen stellte sich ostentativ vor den schmalen Spalt, den die nur wenig geöffnete Thür freiließ, und fragte, den vor ihr Stehenden mit Blicken messend, aus denen un- verholen die tiefe Geringschätzung sprach, die seine äußere Erscheinung ihr einzuflößen schien:Was wünschen Sie von dem Herrn Referendar?"

Carl schoß das Blut noch heftiger zu Kopf. Er war schon so wie so wegen des weiten Weges, den ihn Ottos Rücksichtslosigkeit zu machen gezwungen, ärgerlich und unge­duldig.Das werde ich ihm selbst sagen," entgegnete er sehr kräftig und sehr bestimmt und faßte nach dem Knopf der Thür.

Doch das Mädchen ließ sich nicht einschüchtern) mit aller Kraft versuchte sie die Thür noch mehr zuzudrücken, indem sie von oben herab erklärte:

Ohne Anmeldung darf ich Niemand einlassen. Wer sind Sie?"

Carls Geduld war zu Ende. Mit den Worten: Machen Sie doch nicht so viel Umstände!" drückte er die Thür vollends auf und schob das Mädchen bei Seite, in den Corridor eintretend. Ein gellender Schrei tönte aus des Mädchens Munde. Zwei Thüren wurden aufgerissen. In der einen erschien eine ältliche Dame mit erschrecktem, verstörtem Gesicht, in der anderen Otto, der seinen Bruder in dem halbdunklen Raum nicht sofort erkannte.

Was giebt's denn?" riefen zwei Stimmen, die der Wirthtn und die Ottos.

Ach, ich wollte mir nur die Freiheit nehmen, meinen Bruder zu besuchen," gab Carl mit derbem Sarkasmus zurück,aber es scheint, daß man bei Dtr antichambriren muß, als wenn Du schon Minister wärest."