424
Men, an welchen saft ununterbrochen ein mit Meerwasser geschwängerter, mehr als frischer Wind weht, aufsuchen und sogar Bäder in dem ewig bewegten Meere nehmen, dessen heftiger Wellenschlag aus die Haut und das gesammte Nervensystem solcher Leidenden oft einen so heftigen Reiz ausüben, daß andauernde Schlaflosigkeit auftritt, welche nicht eher weicht, als bis der Ort mit einem anderen von milderen klimatischen Bedingungen vertauscht wird. Als solche empfehlen sich namentlich die sanfteren Ostseebäder und die in waldreicher Gegend liegenden Sommerfrischen des Mtttel- gebirges.
Auch für mäßige Grade von Nervosität, sofern sie mcht eben auf Blutarmuth beruhen, ist der Meeresstrand empfehlens- werth und merkwürdiger Weise, obwohl die Verhältnisse fo durchaus entgegengesetzte sind, auch der Aufenthalt im Hochgebirge. Ebenso eignen sich beide in gleichem Grade für Personen von sitzender Lebensweise- was die Muskulatur des Herzens und die Lungen durch einen Aufenthalt und Bewegung im Hochgebirge gewinnen, wird am Meeresstrande durch die überaus gesteigerte Nahrungsaufnahme und den Ozongehalt der Luft ersetzt, welche den ganzen Organismus in hohem Grade stärken.
Personen, welche an schweren Graden von Neurasthenie leiden, s llen das Hochgebirge ebensowenig aufsuchen wie die Seeküste, sondern in die klimatisch milden Curorte und Sommerfrischen des Mittelgebirges und Hügellandes gehen und sich hier der möglichsten Ruhe befleißigen. Der Neurastheniker ist oft in viel höherem Grade bedauernswerth als ein organisch Kranker. Er bedarf vor Allem der Ruhe, welche er nur dann mit Zerstreuung und abwechslungsreicherer Lebensweise vertauschen darf, wenn er selbst das Bedürfniß dazu empfindet. In seiner Familienumgcbung, welche seine Klagen leider meist für maßlose Uebertreibung hält, findet er diese Ruhe aber nicht- man nimmt nicht die genügende Rücksicht auf ihn, und obendrein zwingen ihn unverständige, schablonenhaft arbeitende Aerzte und Laien, welche die Formeln einfach nachbeten, zu reichlicher Bewegung und Anstrengungen, welche seinen Zustand nur verschlimmern. Solche Neurastheniker werden ebenso wie blutarme oder nervenschwache Damen zweckmäßig mit einem mindestens einmonatlichen Ausenthalt in einer waldreichen, stillen Sommerfrische beginnen und ebenfalls, wenn sich das Befinden genügend gehoben hat, als abhärtende Nachkur einen zwei- bis dreiwöchigen Aufenthalt an der Ostsee nehmen können.
Schwächliche oder zur Skrophulose neigende Kinder, welche in der Stadt dahinwelken und verkümmern, gleichen in mehr als einer Beziehung jenen wachsbleichen Blumen, denen man Licht und Luft entzieht. Für sie wird im Allgemeinen jede Sommerfrische vortheilhaft sein, in welcher sie jene beiden Grundbedingungen aller Gesundheit in reichem Maße genießen können. Kurze Hosen, Röckchen und Aermel, welche Beine und Arme freilassen, sind die beste Tracht, in welcher unsere Kinderwelt sich in den Mußestunden der schönen Jahreszeit in Licht und Sonne herumtummeln soll. Während man aber den Knaben diese Freiheit jetzt ziemlich allgemein vergönnt, girbt es noch so manche Mutter, welche es entweder für anstößig findet, ihr Töchterchen in diesem Costüm Herumspielen zu lassen oder den zarten Teint der zukünftigen Ballkönigin dadurch conserviren zu müssen glaubt, daß jedes Stückchen Haut unter Stoff und Handschuhen vor den Einwirkungen der Sonnenstrahlen geschützt wird. Daß man den Kopf des Kindes, welcher leicht unter Ueberhitzung leidet und mit fieberhaften Zuständen reagirt, durch schattenspendende Hüte vor direkter Besonnung schützt, ist zu selbstverständlich, um noch besonders hervorgehoben werden zu müssen.
In den letzten Jahren ist eine einseitige Ueberschätzung der Heilwirkung deS Hochgebirges eingeriffen, welche sich auf die an sich richtige Beobachtung stützt, daß in hochgelegenen Orten von 1500 Meter Meereshöhe und darüber die Zahl
der Blutkörperchen im Blute Desjenigen sprunghaft zunimmt, welcher aus der Ebene dorthin kommt. Leider hält diese Steigerung der Zahl der Blutkörperchen, von welcher die Leistungsfähigkeit unseres Blutes abhängt, nicht in vollem Umfa-'ge an, sobald die Sommerfrischler ins Flachland zurückkehren, und nur eine theilweise Blutverbefferung bleibt ihnen als dauernder Gewinn des Aufenthaltes, der für Viele wegen der weiten Reise und der exorbitanten Preise des Aufenthaltes selbst fast unerschwinglich ist. Ihnen zum Tröste sei gesagt, daß auch in den Sommerfrischen des deutschen Mittelgebirges, welche auch für Leute mit kleinerem Portemonnaie erreichbar sind, ja selbst bei einem Land-Aufenthalt in der Tiefebene eine bedeutende Regeneration und Verbesserung der Blutbe chaffenheit eintritt, sobald nur Licht und Luft, Wald und frisches Wasser und eine kräftige Ernährung ihre Wirksamkeit entfalten können.
Wir schließen unsere Betrachtungen mit der Beantwortung einer oft ventilirten Frage, ob man nämlich eine zu bestimmten Heilzwecken verordnete Brunnenkur auch an einem anderen Orte mit Erfolg brauchen kann, als gerade dort, wo die Quellennymphe das gesundheitspendende Naß aus der Erde rinnen läßt. Diese Frage kann für eine Familie oft sehr wichtig werden, deren Oberhaupt vielleicht eine am Biertisch erworbene Leberanschwellung durch eine Karlsbader Kur zu bekämpfen hat, während die durch Kinderpflege oder lebhaftes Gesellschaftsleben nervös gewordene Frau des Hauses vor Allem Ruhe braucht, das bleiche Töchterlein zweckmäßig eine Stahlquelle trinken würde und der emsig studirende Sohn am besten am Wanderstabe über Berg und Thal marschiren würde, um dann seine Studien mit ungeschwächten Kräften fortsetzen zu können.
Die Frage ist unbedingt zu bejahen, wo Willenskraft genug vorhanden ist, um auch an einem anderen Ort die Lebensweise und Diät zu erzwingen, wie sie der Gebrauch der betreffenden Quelle erheischt. Wo dies zutrifft, kann eine Brunnenkur selbst am Orte des ständigen Aufenthalts Erfolg haben. Leider treffen diese Voraussetzungen nur selten zu. Wo man ständig lebt, löst man sich fast nie von den Sorgen des Alltagslebens in dem Maße los, wie in dem Badeort, welchen man zu dem ausgesprochenen Zweck aufsucht, gesund zu werden. Die für die Dauer der Kur verbotenen Lieblingsgerichte, welche die Gattin so schmackhaft zu bereiten versteht, duften zu verführerisch, um nicht auch eine große Standhaftigkeit zu erschüttern, und die lieben Bekannten thun das Uebrige dazu, um den zu Hause die Kur Gebrauchenden zu allen möglichen Seitensprüngen zu verlocken. Wo das Alles nicht zu befürchten ist, trinke man seinen Karlsbader, Kissinger, Emser, Gießhübler rc. getrost zu Hause oder schließe, wenn die Gesundheit eines Familiengliedes, den Kuraufenthalt wo anders nöthig erscheinen läßt, ein Kompromiß, welches Allen nützt und Keinem schadet.
Auch schwächliche und zu allerhand Krankheiten neigende Personen können bei angemessener Lebensweise und wenn sie die reichlich vorhandenen Heilkräfte der uns umgebenden Natur richtig ausnützen, gesund und kräftig werden, und wir können dem Leser, der in der Sommerfrische Erholung sucht, nichts Besseres wünschen, als daß er aus dem unter Beobachtung aller Umstände gewählten Sommeraufenthalt, mit einem reichlichen Vorrath an Kraft und Gesundheit wieder zurückkehren möge.
Humoristisches.
Ein Wink. Zimmerherr: „Wissen Sie, Frau Müller, ich bewundere immer, wie Sie mit allen Arbeiten so schnell fertig werden!" — Vermietherin (geschmeichel): „Wirklich? Zimmerherr: „Ja, besonders morgens mit dem Kaffeemahlen !"
Utiection: r. Burkhardt. — Druck und Lerla, der Brühl'schen Unwerfitiita-Buch- und Steinbruderti (Pietsch Erben) in Ließen.


