Ausgabe 
12.7.1898
 
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Heinrich! Es kam so anders!" Sie war wirklich erschrocken.

Richtig," wandte er sich an den Vater,nur störten ja Ihre Berechnungen, es blieb nicht bei der weitherzigen Freundschaft. Wir lieben uns, Ines will mein werden, Alles, was ich bin und besitze, soll sie entschädigen" er mußte innehalten.

Für mich hat sich nichts geändert, lieber, junger Freund. Ich, der Vater, muß für Ines sorgen, und sollte sie wirklich Ihre Frau werden wollen, brauchte sie das ihr zustehende Vermögen erst recht. Denken Sie, bis Sie als Künstler so viel Namen haben, um auf Einnahmen rechnen zu können! Sie staunen, Sie starren vermuthen Sie, ich würde mein Kind auf Ihrem Platten Lande versauern lassen? Sie brauchen doch nur zu wollen, um die Höhen neben Ines zu erreichen."

Ein Schmerz krallte sich um Heinrichs Herz, den er nur jetzt noch nicht aufkommen lassen wollte.

Sie haben recht," rief er heiser,ich brauchte nur zu wollen! Ob ich Ihnen dann aber willkommener wäre? Mein Onkel reiste soeben ab mit dem berechtigten Ausspruch, daß Bauerngüter für Künstlerlaunen nichts übrig haben. Es fehlt mir also nichts zur idealen Laufbahn, nicht einmal die Mittellosigkeit, haha!"

Erder schlug ärgerlich die Hände zusammen.

Mit Ihrer falschen Offenherzigkeit haben Sie sich gleich alle Auswege verlegt!"

Ines wurde roth und blaß. In ihrem reizvollen Putz stand sie vor den Männern wie eine arme Sünderin, man sah ihr die Pein deutlich an.

Armes Kind," sprach Heinrich zu ihr,Du weißt, ich halte Dir mein Wort nur brauchen kannst Du es nicht so recht, nicht wahr? Aber, ich lasse Dir Zeit und muthe Dir nichts zu, was unmöglich ist- bist Du entschieden fest'. Rufe oder verstoße mich. Ich reise nach Hause."

Heinrich, bleib' doch. Sieh, es könnte Alles so heiter, so vergnügt sein"

,Vergnügt?" Jetzt lachte er zornig.

Hoch aufgerichtet trat Erder zwischen Beide.

Ja wohl, Herr Wulffen, Sie thun gut, zu reisen - eine kurze Trennung wird am besten klären und entscheiden. Einer wird dem Anderen entgegen kommen, weder Sie noch Ines werden sich vollkommen opfern. Vorläufig hat Niemand ein Recht zu Vorwürfen, Freunde, die nehmen sich im Grunde nichts übel. Vielleicht gelingt es Ihnen, für Ines etwas zu erreichen. Adieu, Herr Wulffen, auf Wiedersehen, auf Wiedersehen!" , .

An der Thür holte Ines ihn em, umschlang ihn, küßte ihn- sein Gesicht ruhte an ihrem wenig verhüllten Halse, erst der Ruf des Vaters scheuchte sie auf, und Wulffen ging.

Denselben Abend hatte er reisen wollen, er verschob es zum nächsten Tage, vielleicht schickte sie ihm eine Botschaft. Mittags konnte er die Qual nicht länger ertragen, er ging noch einmal hin. Man ließ ihn ein wie stets.

Aus dem Speisezimmer tönte Gläserklirren, Ines' Lachen, ihr Trällern. Betroffen trat er zurück. Und als er einen Blick in die Garderobe that, sah er dort Offiziers-Mützen hängen.

Prinz Dagobert," flüsterte die kleine Zofe.

Da wandte er sich, nun konnte er reisen.

Während seiner Eisenbahnfahrt ging ein tosender Regen nieder, nachdem das Wetter grau und kühl blieb. In ge­drückter Stimmung begrüßte er seine Mutter, trübselig ging er im Hause umher, und er athmete erst auf, als er durch den Garten nach dem Walde schritt.

Da lag die Sphinx, voll lächelnden Ernstes ihr Kopf, voll Macht und Kraft der Leib er stöhnte, während er sie ins Auge faßte. .

Was stierst du? Der Peitschenhieb von damals ist mir vergolten, du kannst zufrieden sein, alter Stein, denn jetzt

Wulffen sah ihn mißtrauisch an. Meinte der Starrkopf etwa, daß die Scholle Land diesem eine Laune erlaube und ihm nicht?

Gemeint hatte Heinrich den Hieb allerdings so, doch ihn auszunutzen, war er nicht gesonnen. Sie sprachen noch eine Weile ohne Wärme über Dies und Das. Dann ging der Onkel.

Onkel Wulffen reiste ab, ohne daß zwischen Beiden noch einmal ihre Meinungsverschiedenheit zur Sprache ge­kommen wäre. Selbstverständlich hielt er Heinrich sein Wort: Frau Wulffen erfuhr nichts über ihren Heine als gesund wäre er, und kommen würde er bald. Das war Alles.

Sie wartete.

Heinrich ging unterdessen zu Erder, da er glaubte, ihm Offenheit schuldig zu sein. Dieser ließ unbemerkt durch die Mädchen jeden weiteren Besuch abweisen, kürzte das Zwiegespräch der Liebenden merklich ab und wurde sogar ungeduldig gegen Ines, als diese sich nicht gleich zurückzog.

Wulffen hat mit mir zu reden "

Laß mich zugegen sein, Papa. Mir ist Angst um thn, bat sie stockend.

Wulffen ergriff ihre feinen Finger.

Vielleicht paßt es nicht für Ihre Ohren, Ines, besänftigte er sie. ,

Doch, ich weiß Alles. Aber ich habe Sie letzt so gut kennen gelernt, Wulffen, Sie werden uns verachten, sicher"

Ich glaube gar," lachte Erder scharf.Die wir waren, bleiben wir, und Du vor allen Dingen behältst Deinen Werth, auch wenn Du mir gehorsam und verschwiegen warst. Außerdem erzählt man nicht jedem Fremden seine Familiengeschichte, sondern läßt ihn erst zur Familie in Beziehung treten."

Was für eine langathmige Entschuldigung, dachte Heinrich, aufmerksam den Sprecher ansehend, der immer selbstgefälliger in seine Rolle hineinwuchs.

Ich bin zufrieden, daß Sie mich Ihres Vertrauens würdigen!" antwortete er.

Schön, schön, lieber junger Freund. Dann erfahren Sie also, wie sehr Sie uns vom ersten Augenblick an ge­fielen, da Sie zu uns in den Eisenbahnwagen stiegen. Als ich Ihren Namen von dem jungen Beamten hörte, da hoffte ich, wir würden gute, sehr gute Freunde werden. Verstehen Sie mich recht ich dachte dabei an die weitherzige Freund­schaft wahrer Künstlernaturen." Er räusperte sich und fuhr dann fort:Wir sind nicht reich, Ines verbraucht Viel­aus besonderen Gründen ging sie bisher sogar ihres mütter­lichen Erbtheiles verlustig." Ihr ritterlicher Character soll sie jetzt unterstützen bei ihrem gesetzlichen Recht, das ich aus Delieatesse nicht verfolgen kann."

Vor Heinrichs Augen sank es nieder. Und es enthüllte sich ihm etwas Widerliches: Geld, durch ihn zu erlangen, träumte er denn?

Möchten Sie mir erklären?" fragte er ohne Bewußtsein, wie schrecklich kalt und spitz sein Aussehen würde.

Ihre Angehörigen standen Ines' Mutter nahe. Deren Familie soll herausgeben, was ihr und ihrem späteren Kinde zukommt."

Er begriff immer noch nicht. Ja, ja, solch ein bäurischer Schädel, dachte Erder, nahm sanft den Arm des Widerstands­losen und führte ihn nach dem Nebenraume, seinem Schlaf­zimmer, das Wulffen noch nicht betreten hatte. Vor dem großen Gemälde einer blendend schönen Dame hielt er inne.

Meine Frau Ines' Mutter."

Tante Tauchlitz," sagte Heinrich.

Ihm war zu Muthe, als ob seine Haare sich hoben und kalte Schauer seine Nerven durchliefen. Dann dehnte ein tiefer Athemzug seine Brust, er erwachte. Erregt trat er Ines näher.

Du, Du wußtest und schwiegst?"