1898.
Nr. Mi.
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Wil
W
er felt’ne Mann will seltenes Vertrauen, gebt ihm den Raum, daS Ziel wird er sich setzen.
Schiller.
Felsgarten.
Roman von Clara Bucker.
(Forti etzung.)
Obwohl Heinrich wenig schrieb, las Frau Wulffen den kurzen Zeilen trotzdem ab, daß eine Last auf ihm lag.
Nun, bloß nicht seinen Heldenmuth durch Mitleid entfachen, dann war er im Stande, Ungemach für sein ganzes Leben auf sich zu nehmen.
Er wollte nach Ostern kommen- verschlug es eigentlich Onkel Wulffen etwas, wenn er seine Frühjahrsreise nach Berlin jetzt schon unternahm, damit er nachsehe, ob. Heine krank war oder vor einem verantwortungsvollen Schritte stand ?
Onkel Wulffen ließ sich zu der Reise schon jetzt bereit finden und fuhr nach Berlin. Heinrich schien nicht sehr erstaunt darüber — wie konnten sie da oben wissen, daß- er an ganz andere Wunder gewöhnt war!
Sie sprachen von ihren Angelegenheiten wie früher, gleichwohl fühlte der Onkel sich nicht zufrieden mit dem erhabenen und im Grunde doch zerfahrenen Ernst Heines. Was, der Bengel lacht nicht und erzählt keine Witze wie sonst? Wart', Dir will ich kommen I
„Onkel," sagte Heinrich mitten in dessen landwirthschaft- liche Auseinandersetzungen hinein, „Sinn werde ich immer dafür behalten, aber die Musik hat mich zu sehr in der Gewalt. Ich habe vor, umzusatteln "
„Kiek eens!" entgegnete Onkel Wulffen bloß.
„Die Pläne der letzten sechzehn Jahre, oder sind es mehr, fallen dabei zusammen, ich weiß es wohl- Mama, auch Du und Franz, Ihr werdet arg enttäuscht sein und Sorge haben, wo nun die berufsmäßigen Hände herbekommen, denen Ihr Euer Besitzthümer anvertraut."
„Ich frage nicht nach den berufsmäßigen Händen, die finden sich, denn Leute, die etwas gelernt und erfahren haben, werden ja wohl für Geld zu haben sein. Ich denke dabei aber an Deine Mutter. Sie ist die Einzigste, die mich rührt, Du weißt das wohl, und die spricht immer das
schöne Wort: „Deine lieben Hände." Das hat so was an sich, wenn eine Pfote, die das Zugreifen gewöhnt ist, von einer Frau, wie Deine Mutter, lieb genannt wird. In liebe Hände würden nun Felsgarten und Hohenried nicht kommen. Das wäre vorbei."
Er saß breitbeinig, ließ die dicken Hände gefaltet zwischen den Knieen hängen und guckte sich die Dielen an.
Heinrich hatte, am Tisch stehend, nervös mit dem Notenpapier geknittert, jetzt trat er zurück, die Arme fest über der Brust gekreuzt.
„Ihr werdet doch jedenfalls lieber mein Leben in guten Händen sehen, als Euer Fleckchen Erde."
Der Onkel nickte und knurrte.
„Dein Leben in guten Fingern — will ich gewiß. Doch was nennst Du so, Heine? Daß es Deine Musik nicht allein war, wußte ich wohl, die hat Deine Landwirth- schaft nie gekränkt, die vertrugen sich doch allemal."
Heinrich wurde glühroth. Dann erblaßte er und sagte eintönig: „Man muß mit der Wirklichkeit rechnen, nicht mit Märchen. In diesem Falle bin ich hochbeglückt durch die Hand, wie sie ist."
„Jung!"
Das war ein Ton aus aufwallendem Herzen, doch der derbe Mecklenburger drückte es noch einmal nieder.
„Also sie kann den Bauer nicht vertragen, sie muß einen Kunstbeflissenen haben. Dann ist sie wohl auch sehr reich? Denn daß wir keine Reichthümer aus den Gütern ziehen können für so'n Comödiantenleben, mußt Du mit Deinen Kenntnissen von unserer heutigen Landwirthschast selbst wissen."
„Wir wollen nicht weiterreden, Onkel. Bitte, behalte die Angelegenheit für Dich, bis ich der Mutter selbst Mit- theilung mache. Du hast gesehen, ich verstecke nichts und habe Dir sofort Vertrauen geschenkt, jetzt wollen wir es ruhen lassen. Franz hat sich ein Rennnpferd gekauft?"
„Habe es gesehen, Heine. Ein vollendetes Thier, Abstammung leider unbekannt. Jedenfalls ist es vierjährig, und eine Hinterhand, sag' ich Dir —" Wulffen schnalzte mit der Zunge.
„Wird er es dies Jahr laufen lassen?"
„Der übermüthige Mensch will nach England mit ihm, denke, Und dann will er das Polospiel studiren — wird wohl mit 'ner Ponyheerde wiederkommen."
„Zwar auch kein billiges Vergnügen nach meiner Auffassung, warf Heinrich hin, ihm ging jetzt das Interesse für den Sport ab.


