Ausgabe 
12.6.1898
 
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schlummert jetzt! Auf den Zehenspitzen huschte Frau Paulina davon, um bald nachher am Arme ihres Gatten die Treppe niederzurauschen zum harrenden Wagen.

*

Als unser Paar an der Theatercasse vorüberkam, fluchte dort ein alter Cavalier. Fünfzig Gulden hatte er für einen Platz geboten und der Cassenwart hatte, den Schalter schließend, für dieses schöne Angebot nichts als ein be­dauerndes Achselzucken gehabt.

Drinnen rauschte schon die Musik. Als der Dichter in der Loge erschien, erhob sich ein mächtiger Applaus. Bald ging der Vorhang auf. Lautlose Stille, schon die ersten Scenen fesselten. Fräulein Rosa, auch genannt das Rosen­fräulein, liebt einen Lieutenant und verlobt sich mit einem braven Kausmanne. Der Lieutenant ist arm und will sie entführen, der Kaufmann ist reich und drängt zur Hochzeit. Fräulein Rosa fleht den Geliebten um Geduld an, um nur so viel Geduld, daß sie ruhig den Kaufmann heirathen könne. Man ist entzückt über die liebenswürdige Schalkheit, mit der sie den Galan foppt, und das Rothhöselein, der dummver­schmitzte Bursche des Lieutenants, besorgt die Heiterkeit. Schon nach dem ersten und zweiten Acte wird der Dichter stürmisch gerufen, er verneigt sich in seiner Loge. Frau Paulina ist selig. Nach dem dritten Acte wächst der Beifalls­sturm so gewaltig an, daß der Director den Dichter holt und auf die Bühne führt. Da fliegen Blumen, bunte Bänder und Kränze durch die Lüfte, das Freudengeschrei ist groß­artig und Frau Paulina, die glückliche Gattin des Gefeierten, schluchzt vor Wonne, als sie steht, wie er, der als dünnes schwarzes Gestaltlein auf der Bühne steht und sich nach allen Seiten mit der nöthigen Ungeschicktheit eines Dichters ver­neigt, von Blumen und Rosen fast eingemauert wird. Die Logenthür geht lachte auf. Der Director kommt, um auch mich auf die Bühne zu führen, das ist ihr erster Gedanke, statt dessen ist es aber ihr Stubenmädchen, welches aus vieles Suchen nach der Loge die Nachricht bringt, das Rickerl habe wieder die heftigen Krampfanfälle.

Armes Stnb !" sagte Frau Paulina,die Kindesfrau soll ihm nur Honigseim reichen, ich komme bald, um nach­zusehen. Das Stück ist in einer halben Stunde zu Ende."

Das Stubenmädchen entfernt sich wieder. Solche Tage wie der heutige, kommen selten, dachte Frau Paulina, man muß sie genießen, das Kind werde ich noch pflegen und lieb­haben genug.

Herr Rauschart kam nicht mehr in die Loge, blieb, schäumenden Sect schlürfend, hinter den Coulissen, damit er am Schluffe sofort wieder auf die Bühne treten könne. Der letzte Act begann. Die junge Kaufmannsfrau Rosa nimmt die Casse ihres Mannes und entflieht mit derselben in Be­gleitung ihres Lieutenants. Unter einer frivolen Verhöhnung des Kaufmannes schließt das Stück. Während dieser Vor­gänge waren im Publikum verschiedenartige Meinungsäuße­rungen laut geworden, als der Vorhang fiel, Hub ein Hände­klatschen an, das aber sofort durch lebhaftes Zischen stumm gemacht wurde, um nun einem schrecklichen Spectakel Platz zu machen. Man zischte, man pfiff, man trampelte, man trommelte mit Fäusten auf den Brüstungen, man rief: Dummes Stück! Nichtswürdige Comödie! Man untersteht sich, uns so etwas zu bieten!" Das Geschrei war ohrenzer­reißend, daß von der Gasse Feuerwehrmänner hereineilten, in der Meinung, es sei ein Brand zu löschen. Frau Paulina war zur Thüre hinausgestürzt und irrte in den Gängen umher. Als die Leute aus dem Theater drängten, wandte sie ihr Gesicht der Wand zu, daß man sie nicht erkenne. Endlich fand sie eine Nebenpforte, nur für Feuers­gefahr hergerichtet, durch die sie entkommen konnte. Wie ein gehetztes Wild huschte sie hinter das Theatergebäude in finsterer Nacht, um ihrem Mann zu begegnen, sie fand ihn nicht, so eilte sie endlich laut weinend ihrer Wohnung zu.

Die Thüren derselben standen offen, in dem Zimmer hörte sie eine männliche Stimme, eS war die des Haus­arztes. Das Stubenmädchen kam der Frau schluchzend ent­gegen und mit dem Ausrufe:Ach gnädige Frau! ach gnädige Frau!" rang sie die Hände.

Wißt ihrs schon?" rief Frau Paulina,ach, es ist eine schändliche Niederträchtigkeit!"

Gehen Sie nur herein, gnädige Frau. Wie sie schön daliegt, gleich einem Engelein! Oh weh, das liebe Kind!"

Was ist denn geschehen?" fragte jetzt Frau Paulina.

Man führte sie vor das Bett des Kindes und hier lag, wie süß schlummernd, nimmer hustend und nimmer lachend, das weiße Leichlein.

Frau Paulina schrie nicht auf, fiel auch nicht in eine Ohnmacht, einen Seufzerhauch that sie uud eilte dann durch die lange Flucht der Zimmer. Im letzten, wo sie nicht mehr weiter kannte, sank sie händeringend zu Boden.

Das einzige Kind tobt! das Mißgeschick im Theater war ausgelöscht, nach ihrem Manne schickte sie, daß er schnell nach Hause komme. Der Bote kehrte mit der Nachricht zurück, Herr Rauschart sei nirgends zu finden, und das Fest­bankett wäre abgesagt worden.

Frau Paulina warf ihren Mantel um und ging hinaus auf die Straßen und Plätze, das erste Mal in ihrem Leben bei eitler Nacht allein. Sie dachte an nichts, als ihren Mann zu suchen, zu begegnen- was sie zu ihm sagen würde, das wußte sie nicht in ihrer Brust wüthete es arg. Ein Bekannter begegnete ihr der Friseur, der wußte zu sagen, daß Herr Rauschart die Niedergasse entlang geeilt sei und auf Zurufe von Freunden keine Antwort gegeben habe. Die Niedergasse führte hinab zum Flusse.

Frau Paulina lief nun ebenfalls diese Gasse entlang - die Gegend wurde immer öder und düsterer und die wenigen Gaslaternen zeigten ähnliche Häuser mit ein paar Brotläden und Branntweinschänken. Durch die Glasthür einer solchen forschte sie ganz unwillkürlich hinein, zerlumpte Männer und freche Dirnen trieben ihr Wesen im Dunstqualm, und im dunklen Winkel kauerte er, Glas um Glas in die Gurgel schüttend. Frau Paulina stürzte hinein und stand vor ihrem Manne.

Er wehrte ab:Laß' mich, ich will nichts mehr. Ich kann nicht mehr leben, ich kann nicht mehr! Die Schmach ist unerträglich. Sie sind meine Feinde, alle, alle, die ganze Stadt! Morgen Schadenfreude, Hohn, Schimpf in allen Blättern, in aller Leute Mund, oh, gräßlich, gräßlich!" Die beiden Fäuste schlug er sich ins Gesicht.

Frau Paulina beugte sich auf den Kauernden nieder, legte auf seine Achsel ihre Hand und sagte saft ruhig: Fritz, das alles ist nichts, das ist ein Spiel, der Erfolg wäre ein Spiel gewesen und der Mißerfolg ist eines. Das vergeht wie Theaterschminke. Fritz, ich weiß etwas anderes! Unser Rickerl ist gestorben."

Herr Rauschart ist nicht hinausgegangen zum Flusse. Der Schmerz hatte die Verzweiflung überwunden. Seinem Heim zu wandelte still und ernst das Ehepaar. Auf diesem kurzen Wege ging in dem ruhmsüchtigen Dichter eine Ver­änderung vor, zu der Andere eines halben enttäuschungsvollen Menschenlebens bedürfen. Mit allen Leidenschaften des Herzens nach Rauschgold gerungen und dieweilen, das liebe Kind ver­loren . . .

Als sie in die Wohnung kamen, war diese belebt von Menschen. Aus derselben Stadt, welche vorher erbarmungs­los wie ein Henker das Lustspiel gerichtet, waren nun Menschen gekommen, welche treue Theilnahme hatten für das schwere Familienunglück, das hier eingekehrt. Das schöne blasse Rickerl hatte die kleinen Händchen gekreuzt auf der Brust und war bedeckt mit weißen und rothen Rosen.

Herr Rauschart, als er so seinen Liebling wiedersah, that er einen dumpfen Schrei und unheimlich gellend lachte er auf:Das Rosenfräulein!"

Redaction: E. Burkhardt. Druck uud Verlag der Brühl'schen UniversitätS-Bnch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.