Ausgabe 
12.6.1898
 
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die Lust verspürte, Pußchen aber zerbrach sich fast den hübschen Kopf über Dinge, die sie wußte und doch nicht wußte.--

Seit jener Episode waren drei Jahre vergangen Welche Wandlungen pflegt im Verlauf dreier Jahre nicht das Schicksal der Menschen im Allgemeinen und des Einzelnen im Besonderen durchzumachen? und doch, es ist nur das urewtge Naturgesetz des Werdens und Vergehens.

Drei Jahre, sie hatten Ina Lentze zum ernsten Mädchen, ihre Schwester Thea zur siechen Dulderin und den Herrn Commerzienrath zum Wittwer gemacht. Frau Lentze war vor einem halben Jahre an den Folgen einer Operation verschieden, und noch stand das der Herrin beraubte Haus im Zeichen der Trauer um die Verewigte.

Wer Ina Lentze im Uebermuth ihrer sechszehn Jahre gekannt, den hätte die nun Neunzehnjährige durch die mit ihr vorgegangene Wandlung nicht wenig in Erstaunen gesetzt.

Das Leben erzieht den Menschen, so sagte sich auch wohl zuweilen der Herr Commerzienrath, wenn er seufzend der Eigenart seiner Töchter gedachte/ das Benehmen und Wesen seiner Aeltesten, die jetzt noch dazu seit Monaten zu den unheilbar Kranken gehörte, überraschte ihn kaum nach den Erfahrungen früherer Jahre; desto mehr aber die Character- entwicklung Pußchens, seines Lieblings. Wo war die reizende Ungezogenheit von einst geblieben? Er vermißte sie ordent­lich, der gute Papa Lentze und getraute sich heute kaum, den beliebten Kosenamen Pußchen aus das energische jüngste Fräulein Tochter anzuwenden. Zwar tröstete sich der alte Herr mit der Selbsttäuschung, Theas Siechthum, deren Leiden, die Trauer um die Mutter bewirkten zum größten Theil diese augenfällige Wandlung bei seinem Liebling/ und noch Eins Ina hatte noch Launen.Gottlob, Launen hat sie noch!" er sagte sich das oft frohlockend, der kleine, behagliche, jeder Anstrengung geistiger Art abholde Commerzienrath, denn ihm wurde es nachgerade zuweilen langweilig und ungemüthlich in der Gesellschaft zweier cor- recter Töchter. Er freute sich denn auch nicht wenig und rieb sich die Hände, wenn Ina einmal dasPußchen" herausbiß, wie er es nannte und ihrem Bräutigam gelegent­lich einmal energisch die Zähne zeigte.

Ja, Ina war Braut! Eine glückliche--? Kaum!

Dazu war sie zu correct, zu selbstbewußt und zu wenig verliebt!

Sie waren nicht einmal öffentlich verlobt, die kleine Ina und der weniger geistvolle, als herzensgute Franz von Steffens. Die Veröffentlichung sollte erst nach Ablauf des Trauerjahres vollzogen werden und in der Bedientenstube wollte man wissen, daß das Fräulein nicht eben mit Ungeduld den Tag, von dem ab sie vor aller Welt die Braut des Herrn von Steffens heißen sollte, entgegensetze.

Und dieses Mal war an dem Bedientenklatsch etwas Wahres.

Die Verlobung und Verheirathung einer ihrer Töchter mit Franz von Steffens war ein besonderer Lieblingsplan der verewigten Commerzienräthin gewesen und da sie bei ihrer Aeltesten auf einen sehr entschiedenen Widerstand ge­stoßen, so hatten sich ihre Wünsche und Hoffnungen auf Ina übertragen.

Vielleicht war es das einzige Mal, daß hier Mutter und Tochter nicht aufeinanderstießen. Ina nahm die Hand des adeligen Bewerbers an, weil ihre erste Liebe eine unglückliche gewesen.

Im Herzen krank, gerührt durch die aufrichtigen, wenn auch zahmen Liebeswerbungen des guten Franz, müde des Kampfes der unermüdlich projectirenden Mutter, gab sie nach. Da starb die Commerzienräthin, noch eine Woche vor der Erfüllung ihres Lieblingsplanes und Inas Verlobter hatte sich den Wünschen der etwas eigenwilligen Braut wohl oder übel zu fügen und den Verlobungstag verschieben müssen. Doch war er ein täglicher Gast in der Villa seines Schwiegervaters in spe und es aller Welt daher kein

Geheimniß mehr, welches Berhältniß zwischen den beiden jungen Leuten bestand.

Ina war keine zärtliche Braut, nicht einmal der Form halber/ darin war sie noch ganz die alte ehrliche Ina. Sie wollte nicht scheinen was sie nicht war. Franz von Steffens, der gute Junge, litt darunter, ohne jedoch den Muth zu haben, eine Aenderung der Verhältnisse durch ein energisches Eingreifen herbeizuführen. Er schloß sich zu Zeiten, wenn der Braut Launen selbst ihm den Gleichmuth wankend zu machen drohten, an die Schwägerin, an Thea an, die ihm ein schwesterliches Verständniß, eine fast mütterliche Neigung bewies. Sie war es auch, die mit kluger Hand oft den Launen der Schwester den bittersten Stachel benahm, die Ina zur Einsicht und Rücksicht ermahnte und deren Wort es vergönnt war, nicht ungehört und ohne Wirkung zu bleiben.

Nach einer solchen Aussprache zwischen den Schwestern war das Bräutchen denn auch jedes Mal voll Rücksicht und Duldsamkeit gegen den, ob ihres Entgegenkommens entzückten Franz und doch entging es den Beobachtenden, selbst dem wenig scharfsinnigen Papa Lentze nicht, daß Inas Benehmen gegen den Bräutigam selbst in solchen Momenten nie ganz frei von einem leisen Hauch der Geringschätzung war.

Thea, aufrichtig besorgt um das Glück des biederen Franz und auch um das der Schwester, stellte Letztere auch darüber einmal zur Rede/ doch erhielt sie nur ein ungeduldiges Achselzucken zur Antwort und als die Aeltere der Jüngeren darauf rieth, das Verlöbniß lieber rückgängig zu machen, da sie aus einem Bund ohne gegenseitige Neigung kein Glück erhoffe, erklärte ihr Ina, mit der sie sich im Uebrigen doch so gut verstand, mit einer scheinbar sehr kaltherzigen Offen­heit, sie gedenke den guten Franz nicht freizugeben/ einen bequemeren Ehemann könne sie kaum bekommen, zudem sei er vermögend und von Adel, vor Allem heirathen müßte sie ja doch einmal, da sie weder Kränklichkeit noch eine unglück­liche Liebe vorschützen könne, um dem gewöhnlichen Loose der Frau zu entgehen. Wozu also der Welt, der ihre Ver­lobung ja längst kein Geheimniß mehr sei, Stoff zu unnöthigem Gerede geben!

Thea war rathlos. Sie besprach sich mit dem Vater. Der war zu bequem, die Sache ernst zu nehmen. Er lachte und meinte:Laß sie nur! Das Prinzeßchen hat Launen! Die werden ihr in der Ehe schon vergehen, wenn der Franz erst die Zähne zeigt!" Beide Hoffnungen des alten Herrn vermochte die Tochter aber nicht mit ihm zu theilen. Armer Franz! dachte sie und noch schwesterlicher nahm sie sich ihres Schützlings an, den sie kraft ihrer Fünfundzwanzigeinhalb gegen seine Vierundzwanzigelfzwölftel bemutterte!

Launen! Es wird so viel und so gern in der Gedanken^ faulheit Mißbrauch mit diesem Wort getrieben!

Hatte Ina Launen? Sie fühlte sich unbefriedigt, un­verstanden und auch ein wenig verbittert. Jung, kaum flügge war sie gewesen, als Amor sie sich zum ersten Male als Opfer ausersehen. Ein Glücksjäger, ein Angestellter ihres Oheims war es gewesen, dessen Bekanntschaft sie gemacht und dessen Aufmerksamkeit sie weniger durch den Reiz ihrer Persönlichkeit als durch den Nimbus des Goldes, der ihren Vater umgab, erregt. Ina liebte bald den jungen kecken Buchhalter zum Theil seines hübschen Aeußeren, zum Theil seines ihr damals imponirendenGeistes" wegen. Erst später erkannte sie, wie wenig Gemüth und Herz sich unter dem angenehmen Aeußeren verbarg. Damals liebte sie und glaubte an Alles, an seine Liebe und Treue, den Adel seiner Gesinnungen, an seinen Geist und doch war der Ritter ihres Herzens nichts weiter als ein Blender. Zu spät sah sie es ein, erst dann, als er sich schon längst ihr Herz ge­sichert. Doch beging der junge Streber einen Fehler. Er nahm Ina nur als Kind, er lebte in dem Wahne, die schlummernde Individualität des Mädchens völlig ersticken, sich ein Weib, ein bequemes geduldiges Ehegesponst, kurz ein Product seiner nüchteren Phantasie heranbilden zu können.