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sich für mich als Comits-Mitglied nicht schicken, wollte ich mich hierher in die ersten Reihen setzen- auch habe ich noch manche Pflichten."
„So wollen wir Sie nicht aufhalten, Herr Göbener, vielen Dank und auf Wiedersehen," sagte die ältere Dame und reichte ihm die Hand.
„Schade, daß die kleine Anna nicht hier ist," bemerkte der Amtsrath, lediglich, um Adolf noch etwas Verbindliches zu sagen, denn von den eigentlichen Beziehungen der jungen Leute zu einander war ihm nichts bekannt, „ich hätte ihr wohl das Vergnügen gegönnt."
Adolf ward plötzlich wie mit Blut übergossen und antwortete so verlegen, daß es dem ganz harmlosen Amts- rath auffiel.
„Ach, nein, das geht nicht gut an. Sie kennen ja die Verhältnisse in Rapshagen."
„Hätten Sie mir nur einen Wink gegeben, so würde ich versucht haben, sie loszueisen," fuhr Wenzel fort und Göbener erwiderte:
„Anna konnte doch nicht allein Herkommen und meine Mutter ist nicht in der Lage, sie zu begleiten."
„Meine Cousine würde sie gern in ihre Ohhut ge- uommen haben," versicherte mit einer beängstigten Hartnäckigkeit der Amtsrath, während er recht steif einen Gruß des Doctor Stephan Holten erwiderte.
Adolf Göbener brach mit einer gewissen Hast das Gespräch ab und verabschiedete sih mit dem Versprechen, die Herrschaften während des Concertes und nach dessen Beendigung wieder aufzusachen und sah sich bald umringt von neuen Ankömmlingen, die ihn begrüßten, sowie von anderen Mitgliedern des Comitäs, welche Anfragen an ihn richteten.
(Fortsetzung folgt.)
Wie große Männer sterben.
Von Dr. Ernst MaaSburg.
------- (Nachdruck verboten)
Niemand denkt gern an den Tod, vor Allem der nicht, dem es gut geht auf der Welt oder der, den sein Gewissen Sei dem Gedanken an das Ende mit Unbehagen erfüllt. So hing Ludwig XIV. von Frankreich so sehr am Leben, daß das Wort „Tod" in seiner Gegenwart nicht einmal genannt werden durfte. Aber auch zahlreiche gute Menschen hören nicht gern vom Sterben sprechen und mögen durchaus keine Leiche sehen. Zu Letzteren gehörte bekanntlich auch Goethe, der sich nicht entschließen konnte, an das Todtenbett eines seiner Freunde zu treten. Die meisten Menschen schieben den Gedanken des Todes von sich, bis der alte Sensenmann sie holt, ein Umstand, der vielleicht mit die Ursache ist, daß wir so wenig über das Sterben selbst wissen und vor A>lem die Frage, ob der Tod schmerzhaft ist oder nicht, bisher «absolut ungelöst gelassen haben.
Ein großes Interesse wird immer die Darstellung der letzten Stunden großer Männer bieten. Wenn anderen
die Furcht vor etwas nach dem Tod,
Das unentdeckbar Land, von deß Bezirk
Kein Wand'rer wiederkehrt, den Willen irrt, so gewährt es Trost und Beruhigung, zu sehen, wie denn eigentlich die geistigen Größen der Menschheit dem unbekannten Jenseits entgegen gegangen sind, ob mit gefaßtem Muth oder mit Furcht, ob gern oder ungern, ob sie schmerzlos oder in Qualen verschieden sind. Freilich ist hierbei nicht unberücksichtigt zu lassen, daß die Ruhe in der Todesstunde manchmal auch nur eine Folge bereits eingetretener Apathie oder großer körperlicher Schwäche oder das Gegentheil die Begleiterscheinung schwerer körperlicher Leiden ist. Rur wenn Jemand mit ungeschwächten Geisteskräften muthvoll und gefaßt dem Tode entgegensieht, ist sein Beispiel für uns von Bedeutung.
Wir wollen heute einmal den Leser an das Sterbebett einer Anzahl unserer besten und bekanntesten Dichter führen, und es ihnen überlassen, ob sie in der Todesart derselben auf die Zweifel und Fragen des eigenen Herzens eine Antwort finden.
Aeußerlich ein starker, robuster Mann, wurde Lessing, wie viele große Geister schon frühzeitig — fünfzehn Jahre vor seinem Tode — von Todesahnungen heimgesucht. Nach dem Ableben seiner Frau, die er nur zwei Jahre sein genannt, stellten sich körperliche Beschwerden ein. Er litt an Brustschmerzen und Athemnoth, häufig überfiel ihn eine unnatürliche Neigung zum Schlafe. Er vermochte nur noch mühsam zu gehen und seine Gedanken zu ordnen. Eines Abends kehrte er krank nach Hause zurück, wollte aber keinen Arzt rufen lassen, sogar sein Diener mußte ihn verlassen und das Zimmer verschließen. Schwerkrank, fiel es ihm eines Morgens ein zu verreisen, und er ließ den Friseur kommen, daß er ihn zurecht mache. Mit Mühe brachte man ihn von dem Gedanken ab und überredete ihn, einen Arzt rufen zu lassen, der ihm zur Ader ließ und Zugpflaster verordnete. Während seiner Krankheit zeigte er sich ruhig und gefaßt, empfing zahlreiche Besuche und ließ sich vorlesen. Manchmal glaubte er seinen Tod sehr nahe, manchmal sehr fern. Er sei auf Leben und Tod gefaßt, sagte er. Eines Tages fühlte er sich außergewöhnlich wohl, als er jedoch Abends sein Lager aufsuchen wollte, trat heftige Athemnoth ein, und wenige Minuten später hauchte der streitbare Denker sein Leben aus.
Wieland entschlummerte im Alter von achtzig Jahren sanft nach kurzem Krankenlager. In den letzten Stunden gingen Bilder aus der klassischen Zeit an seiner Seele vorüber, er murmelte italienische Worte und starb mit Hamlets „Sein oder Nichtsein" auf den Lippen. Auch Goethe schlief ruhig ein, nachdem er mehrere Tage an Fieber und Beklemmungen gelitten hatte. Der Einundachtzigjährige plauderte noch am Morgen seines Todes — den 22. März 1832 — vergnügt mit feiner Schwiegertochter, sprach von dem nahen Frühling und den schönen Tagen/ die frische Luft werde ihn wiederherstellen. Er hatte, wie Lewes erzählt, keine Ahnung, daß sein Ende so nahe sei. Während er im Lehnstuhl saß, begann er plötzlich zu phantasiren: „Seht den schönen, weiblichen Kopf — mit schwarzen Locken — im prächtigen Colorit — auf dunklem Hintergründe!" Dann wies er auf ein Stück Papier auf dem Boden und fragte, warum man Schillers Briefwechsel so nachlässig herumliegen lasse. Seine Sprache wurde immer undeutlicher. Die letzten verständlichen Worte waren: „Mehr Licht!" Zuletzt zog er noch mit dem Zeigefinger Buchstaben in der Luft, und als er matter wurde, auf der Decke. Um die Mittagsstunde legte er sich ruhig in eine Ecke des Lehnstuhls, schlief ein und erwachte nicht wieder.
Einen schweren Todeskampf kämpfte Schiller. Am 1. Mai kündigte sich seine letzte Krankheit an. Schon den ganzen Winter vorher hatte sich eine außerordentliche Milde und Ruhe seines Wesens bemächtigt. In der linken Seite, wo er seit Jahren immer Schmerz gehabt, fühlte er gar nichts mehr; wie sich bei der Sektion heraus stellte, war der linke Lungenflügel total zerstört. Während seiner Krankheit phantasirte er viel, in lichten Stunden führte er Gespräche über Tragödien und philosophische Materien. Am Abend vor seinem Tode antwortete er auf die Frage seiner Schwägerin, wie er sich befinde, indem er ihr die Hand drückte: „Immer besser, immer heiterer." Er verlangte, man sollte den Vorhang öffnen, er wollte die Sonne sehen. Mit heiterem Blicke schaute er, wie seine Schwägerin mit- theilt, in den schönen Abendstrahl, und die Natur empfing seinen Scheidegruß. Einige Male rief er Gott an, ihn vor einem langsamen Hinscheiden zu bewahren. Am 9. Mai früh trat Bewußtlosigkeit ein, er sprach nur unzusammenhängende Worte, meistens Latein. Ungern nahm er ein ihm verordnetes Bad, später trank er zur Hebung der sinkenden


