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Kraft und Blut und Geister schwinden, Äug' und Feuer löschen aus. Und des Leibes schwache Säulen tragen kaum ihr morsches Haus. Also schließ' ich meinen Tod aus den innerlichen Zeichen, Und so mach' ich mich gefaßt, ihm getrost die Hand zu reichen , und in dem ergreifend herrlichen Gedicht„Bußgedanken" heißt es:
Die Geister sind erwacht, die Nerven leer und trocken, Die Lust will in der Brust, das Blut in Adern stocken, Das Auge thränt und zieht die scharfen Strahlen ein. Das Ohr klingt fort und fort und läutet mir zu Grabe, Und da ich überall viel Todeszeichen, habe, So zagt dabei mein Herz in ungemeiner Pein.
tragen/ wie der neue Wirth ihn auszunehmcn. Der bisherige Wlrth mochte jedoch auch den Sterbenden nicht behalten, da die Vortheilhafte Weitervermiethung des Zimmers durch den Todesfall verhindert werden könnte. Vergeblich waren die Vorstellungen der Freunde des Sterbenden, bie Polizei selbst mußte sich einmischen und während man noch hin- vnd herstritt, löste Seume selbst den Knoten, brach seine morsche Hütte ab und vertauschte die irdische Wohnung mit der himmlischen. So erfüllte fich sonderbarer Weise an ihm eine Weissagung, die er in seinen Gedichten lange vorher gethan:
„Und weigert« man mir auch Sarg und Decke, Was liegt mir dran?
Flaum oder Stein ist Eins; an welchem Flecke, Geht mich nichts an."
resp. achtzigsten Geburtstages bereitete.
Hölderlin und Lenau starben in geister Umnachtun g, Ewald Christiati v. Kleist und Theodor Körner auf dem Schlachtfelde. Heinrich von Kleist, der geniale Verfasser der „Hermannsschlacht," endete durch Selbstmord. Ein Opfer der unglücklichen politischen Verhältnisse der damaligen Zeit und als erbittet Feind Napoleons, an der Wiedergeburt des Vaterlandes wie an seiner Anerkennung als Dichter verzweifelnd, erschien ihm durch Selbstmord als einzige Rettung. Nur zögerte er, den dunklen Schritt allein zu thun. Da führte ihm das Schicksal die unglückliche Henriette Vogel entgegen, der er das Ehrenwort gab, ihr jeden, selbst den größten Freundschaftsdienst zu leisten. Als sie ihm eines Tages auf dem Clavier vorspielte, sagte der Dichter: „Das ist zum Erschießen schön". Darauf fragte die Frau, ob er ihr den Freundschaftsdienst, sie zu tödten, erweisen würde? Wahrscheinlich werde er ihren Wunsch nicht erfüllen, denn es gebe keine Männer mehr. Kleist erwiderte: „Ich werde es thun, ich bin ein Mann, der sein Wort hält." Am 20. November 1811 fuhr er mit ihr nach dem am Wannsee gelegenen Wirthshaus „Zum Stimming," wo er mit ihr noch einen schönen Tag verlebte und am Nachmittag des 21. November die Freundin durch einen Schuß ins Herz, sich selbst durch einen solchen in den Mund töbtete. Ein Jahr früher schloß in Teplitz ein anderer deutscher Dichter die Augen, dem es ebenfalls nicht bestimmt war, die MorgenrRhe deutscher Freiheit noch zu schauen: Johann Gottfried Seume (gestorben 13. Juni 1810). Der schwerkranke Dichter stand gerade im Begriff, sem Quartier zu wechseln, als der Tod an ihn, herantrat. Alle Sachen waren schon eingepackt, um sie in die neue Wohnung zu schaffen, als die Sänftenträger bei der unerwarteten Beschleunigung feiner Auflösung ebensowenig Lust bezeugten, einen schon halb zur Leiche gewordenen Menschen fortzu-
Der Arme schließt seine „Bußgedanken" mit den Worten: Oft ist ein guter Tod der beste Lebenslauf" — nun, wenn äuch ein guter Tod einen guten Lebenslauf nicht ersetzen i kann, so ist auch für den besten Lebenslauf cm guter Tod jedenfalls eine wünschenswertste Zugabe!
Kräfte ein Glas Champagner. Gegen 3 Uhr fing der Athem zu stocken an; Plötzlich fuhr es wie ein eleetrischer Schlag über seine Züge, sein Haupt sank zurück und die vell- kommeuste Ruhe verklärte sein Antlitz, seine Züge waren die eines sanft Schlafenden.
Jean Jacques Rousseau, der berühmte Genfer, ver schied in dem Anblick der untergeheuden Sonne verloren. Nach den schweren Jahren der Verfolgung kehrte der Unglückliche, vom Verfolgungswahnsimr erfaßt, nach Parts zurück, um sich mit Nolenichreiben zu ernähren und seine „Confessions" zu vollenden. Im Mai 1778 folgte er einer Einladung des Marguis von Girardin nach Ermenon- ; Ville, wo er noch einen schönen und friedlichen Monat verlebte. Eines Abends kehrte er von einem Spaziergang heim und sank ermüdet in einen Lehnstuhl. Dann bat er feine Frau, das Feaster zu öffnen, daß er die Sonne sehe. Entzückt in die Pracht des Bildes versenkt, schied sein müder Geist von der Erde; wie Manche behaupten, habe er durch Vergiftung das Ende herbeigesührt. Noch am selben Tage erfolgte seine Bestattung auf der dortigen Pappelinsel. Er war sechsundsechzig Jahr alt.
Sein Mitkämpfer, aber persönlicher Widerwcher Voltaire, der im selben Jahre starb, wurde das Opfer seiner Triumphe. Den zahlreichen Aufforderungen der Pariser folgend, entschloß er sich, als vierundachtzigjähriger Greis nach dreißigjähriger Abwesenheit noch einmal nach Paris zu gehen. Seine R-ise dahin glich einem Triumphzug, aber es war ein Triumphzug zum Grabe. Die Pariser, Hof, Gelehrte, Dictter, Publikum, überschütteten ihn mit Lorbeeren, sodoß er ermattet äußerte: „Ich wurde erstickt, aber mit Rosen." Die Ausregungen erschöpften seine Kräfte, er konnte soviel Freuden nicht ertragen, erkrankte und sta^b. Auch die deutschen Dichter Ernst Moritz Arndt und Grillparzer erlagen den Ehrungen, welche ihnen das dankbare Vaterland aus Anlaß der Feier ihres neunzigsten
Ludwig Borne bewährte feinen sarkastischen Humor auch noch auf dem Sterbelager. Bon ihm wird erzählt, daß der Arzt, als er am Morgen seines Todes zu ihm ins Zimmer trat, die Bemerkung gemacht habe: „Sie husten heute viel besser, Herr Börne." Der Sterbende habe darauf lächelnd geantwortet: „Ich habe mich ja auch die ganze Nacht darin geübt." Bei dieser Gelegenheit sei auch der lakonisch-naiven Aenßerung einer Dichtermutter während ihres Hinscheidens gedacht. Wir meinen die Mutter Goethes^ welche am 13. September 1808 zu Frankfurt starb. W'.e erzählt wird, wurde die Frau Rath an ihrem Sterbetage zu Freunden zum Kränzchen gebeten, worauf sie in ihrer kernigen Weise den Bescheid gab: „Die Frau Riithin könne nicht'kommen, die müsse alleweile sterben."
Der portugiesische Dichter Camoöns, der Versasser der „Lusiaden,"'verschied im Jahre 1579 im größten Elend im Hospital. Er besaß nicht einmal ein Sinnen, mit dem er sich hätte bedecken können. Edgar Allan Poe ward ein Opfer seiner unglücklichen Neigung zum Trinken. Man fand ihn besinnungslos in den Straßen von Baltimore, da ihn Niemand kannte, trug matt ihn ins Hospital, wo er, 40 Jahre «(t, am 7. October 1849 an Gehirnentzündung starb, ohne wieder zum Bewußtsein gekommen zu sein. Von deutschen Dichtern erlitt ein ähnliches tragisches Schickial der bedauerns- werthe Johann Christian Günther. Auch ibn stürzte der Hang zu geistigen Getränken ins frühe Grab. Dte Bemühungen feiner Freunde, dem hochbegabten Jüngling eine Existenz zu gründen, scheiterten an seiner Zügellosigkeit. Er erschien betrunken vor dem Kurfürst von Sachsen, als er sich behufs feiner Anstellung diesem vorstellte; und bei seiner Vorstellung vor dem Grasen Schaffgotsch, dem er als Er- rifber vorgeschlagen war, wiederholte fich der Vorgang von Dresden. So ereilte ihn (15. März 1723 in Jena) der Tod in der Vlüthe seiner Jugend, 27 Jahr alt. Der unglückliche Mann sah und verkündete sein frühes Ende in erschütternden Versen voraus, in Tönen bitterster Reue und sckmerzlicher Seelengual. So ruft er klagend in dem „Letzten Gedanken":
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