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„Ausverkauft, ja ich darf sagen, so viel verkauft, wie der Saal nur irgend zu fassen vermag," antwortete Adolf mit dem Stolze des Mannes, der das Werk, das er bereitet, sich wohl gestalten sieht, „aber die Herrschaften haben Plätze in der zweiten Reihe. Darf ich um ;Jhren Arm bitten, Fräulein Münter, damit wir Ihrer Frau Mutter und dem Herrn Amtsrath bahnbrechend voraogehen."
„Gern," antwortete die Augeredete und legte die mit einem halblangen weißen Glacehandschuh bekleidete schmale Hand leicht auf den Arm des jungen Mannes.
„Nun denn en avant!" rief gut gelaunt der Amtsrath und folgte mit seiner Begleiterin am Arme dem langsam voranschreitenden jungen Paare, rechts und links Grüße mit den zahlreich im Saale anwesenden Bekannten und Berufsgenossen tauschend.
Das laute Geschwirre und Gesumme im Saale verstummte für einige Minuten wie auf ein gegebenes Zeichen, um alsdann um so lauter und lebhafter einzusetzen. Aller Augen richteten sich auf die „Damen des Amtsraths", von denen man viel gehört, die aber nur ein sehr kleiner Theil der Versammelten schon zu Gesicht bekommen hatte. Es waren in der That Erscheinungen, wohl geeignet, Aufmerksamkeit und Bewunderung zu erregen.
„Die hochgewachsene, sehr stattliche ältere Dame, trug ein schweres scbwarzes Seidenkleid und ein Spitzenhäubchen auf dem silberglänzenden Scheitel- das fein geschnittene Gesicht zeigte Spuren großer Schönheit- die von dunkle« Brauen und Wimpern eingefaßten blauen Augen blickten noch recht lebhaft, dagegen lag um den etwas eingefallenen Mund ein Zug von stiller Entsagung, gleichzeitig aber auch von Wohlwollen und Fürsorglichkeit.
Bei näherer Betrachtung mochten sich zwischen ihr und der jüngeren Dame, ihrer Tochter, mancherlei gemeinschaftliche Züge herausfinden lasten, für den oberflächlichen Beobachter glichen sie einander gar nicht, und war die Jüngere, nicht bloß ihrer Jugend halber, diejenige von Beiden, welche die Blicke am längsten feffelte.
Sie war hoch gewachsen, hatte eine volle Büste und runde Hüften, erschien aber trotzdem schmal durch die bewegliche Länge ihres Oberkörpers, die graziös abfallenden Schultern und den kleinen Kopf mit den winzigen Ohren, der von braunem Haar gekrönt ward, einem Braun, das einem goldenen Gewebe glich, das man gebräunt hat und dessen glänzendes Metallroth nun unter dem Patina hervor-
müssen.
Die Künstler hatten sich Bereit finden lassen, in einem zu Gunsten eines naheliegenden, durch eine Feuersbrunst schwer heimgesuchten Dorfes veranstalten Concert, mitzuwirken, oder besser, den Löwenantheil auf sich zu nehmen.
Trotz der für Greifswald ziemlich hohen Eintrittspreise, war Alles herbeigeströmt, was Kunstsinn zu haben glaubte und darauf Anspruch machte, zur gebildeten Gesellschaft gezählt zu werden. Nicht bloß die Stadt selbst, sondern auch die Umgegend hatte ihre zahlreichen Vertreter gesandt.
Zu den Letzteren gehörte auch der Amtsrath Wenzel, welcher in Begleitung einer älteren und einer jüngeren Dame erschienen war. Am Eingänge erwartete sie Adolf Göbener im tadellosen schwarzen Gesellschaftsanzuge, den Hut unter dem Arm, im Knopfloch des weitausgeschnittenen Rockes eine dunkelrothe Nelke, oberhalb derselben eine kleine weiße Schleife als Abzeichen, denn er gehörte zu den Mitgliedern des Comitös, das sich behufs der Veranstaltung dieses Wohlthätigkeitseoncertes gebildet hatte.
„Ist es Ihnen wirklich gelungen, uns Plätze zu verschaffen, lieber Adolf?" fragte der Amtsrath den jungen Bauführer nach der ersten Begrüßung, „da müssen wir Ihnen sehr dankbar sein, es scheint ja riesig voll zu sein.
' Adolf Göbener empfand mit Stolz den Eindruck, weichen die an seinem Arm hängende junge Dame machte und fand darüber nicht recht den Eingang zu einem Gespräche. Etwas ungeschickt, wie er selbst zu seinem stillen Aerger sich ein- qestand, erkundigte er sich bei ihr, ob sie wahrend der Fahrt nicht stark von der Kälte gelitten habe, denn der Februar hatte, obwohl er sich seinem Ende zuneigte, noch einmal Schnee und starken Frost gebracht.
Nicht doch," erwiderte sie lachend, „ich bin von Rußland her ganz andere Kälte gewöhnt und habe mir von bort Pelze mitgebracht, mit denen man ihr trotzen kann. Dir Schlittenfahrt von Waldhof bis hierher war köstlich.
„Sie sollten sie öfter machen, so lange wir noch so vortreffliche Bahn haben, ich kann Ihnen freilich am Ziel derselben nicht immer solche Kunstgenüsse versprechen, wir Ihrer heute warten." _ Ix .
„£), ich tummele mich auch auf dem See mit den Schlittschuhen," antwortete sie und ihre Augen leuchteten tn der Erinnerung an dieses Vergnügen- „ich sehne mich wirklich gar nicht nach der Stadt."
„Das Concert heute hättest Du Drr aber doch nicht entgehen lasten," scherzte der Amtsrath, denn man hatte inzwischen die vorderen Sitzreihen erreicht. „Das haben Sie aber gut gemacht, Adolf," fügte er, die Platze musternd, hinzu. „Sie selbst können wohl nicht bei uns bleiben?
„Leider nicht," entgegnete der Bauführer, „es würde
ist auch in ihrer Art ein Original," fuhr der heute besonders | redselige Ringleb fort. „Vergeht fast vor Dankbarkeit, weil der Alte ihr Leben versichert. Was sie sich nur dabei denken mag? Ob sie schon mütterliche Vorsorge für ihre demnächst zu erwartende Nachkommenschaft empftnder."
„Das glaube ich nicht. Es imponirt ihr einfach, daß der Alte ihretwegen in den Beutel greift, das ist wahrscheinlich bisher noch niemals geschehen," antwortete Brenner, während er die Feder zur Hand nahm und in seinem Folianten eine Sette umschlug. Er bl ckte jedoch wieder auf und richtete an seinen Gefährten, der ans Fenster getreten war und auf die Straße hinausschaute, die Frage:
„Sagten Sie nicht, der Sohn des Amtmann Göbener sei Bauführer?" ,
„Gewiß. Er hat aus dem Polytechnikum in Berlin studirt und ist jetzt in Greifswald beschäftigt. Was fällt Ihnen denn dabei auf?"
„Daß ein junger Mann, der eine gute Bildung genossen hat und sich doch auch unter Menschen bewegt haben muß, sich so sterblich in die kleine Landpommeranze verliebt hat."
„Aber das Mädchen ist ja allerliebst!" rief Ringleb. Ich -->•
" „Sie sind schon bis über beide Ohren in sie verliebt, lieber Ringleb, will bei Ihnen nicht viel besagen, kommt alle Tage vor," unterbrach ihn Brenner trocken, „wenn ich Sie aber aufs Gewissen frage: möchten Sie Fräulein Anna Holten heirathen?"
Ringleb zuckte die Achseln: „Das bedürfte längerer Erwägung. Ich glaube überhaupt nicht, daß ich zum Ehemann pcädestinirt bin."
„Gut parirt!" lachte Brenner. „Nun überlassen wir die Herren Göbener senior und junior, wie Fräulein Holten, ihrem Schicksal, wir sind nicht verantwortlich dafür und de gustibus non est disputandum."
Er wandte sich jetzt eifrig seiner Arbeit zu und auch Ringleb kehrte zu seinen Briefen zurück.
XI.
Der große Saal des Vogler'schen Locals in Greifswald war bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Herren standen sogar an den Seiten und in dem Mittelgange, so daß Spatkommende Mühe hatten, zu den für sie reservirten Sitzen zu gelangen.
Den Bewohnern der pommerschen Universitätsstadt ward heute der seltene Genuß zu Theil, zwei Sterne der Berliner Oper und einen gerade jetzt in Berlin befindlichen berühmten Geigenspieler zu hören, ohne deshalb eine mehrstündige Eisenbahnfahrt machen und in einem Hotel übernachten zu


