Ausgabe 
12.2.1898
 
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doch nicht zu Allen herumgehen und ihnen die empfangene Einladung zeigen. Hatte sein Vater nicht recht? Gab er der bösen Nachrede nicht immer neue Nahrung, wenn er sich so ängstlich vor jeder Berührung mit seinen nächsten Ver­wandten zurückzog? War es nicht seine Pflicht gegen sich selbst, gegen seine Frau und sein Kind, daß er seine natürliche Scheu und Zaghaftigkeit überwand und wenigstens an den Ehrentagen der Familie theilnahm? Das Ende dieses stillen Kampfes war, daß er beschloß, die Einladung für sich und Helene anzunehmen. Er wollte einmal seinen Verwandten und Bekannten beweisen, daß er keinen Grund habe, sich ängst­lich vor ihnen zu verbergen.

Es war an demselben Tage in der Mittagstunde, als ganz unvermuthet Otto in der Werkstatt erschien. Carl befand sich allein, seine Gehilfen waren zum Essen gegangen. Es war eine eigenthümlich zaghafte Weise, in der sich sein Bruder ihm näherte. In Geberden und Mienen legte er ganz das Wesen eines Menschen an den Tag, der sich einer unangenehmen, peinlichen Mission zu entledigen hat.

Ueber Carl kam bei dem unerwarteten Anblick des Bruders eine so freudige Erregung, daß er nichts davon merkte.

Ich danke Dir," sagte er, dem Bruder entgegeneilend und ihm die Hand bietendich danke Dir und Deinem Schwiegervater für die freundliche Einladung."

Du ... Du kommst?" fuhr es dem Anderen hastig heraus, während er den Blick scheu, in sichtlicher Spannung zu dem ihm Gegenüberstehendeu erhob.

Ja . . jawohl, ich nehme die Einladung mit Dank an für Helene sowohl wie für mich."

Was Otto für ein Gesicht zu dieser Erklärung machte, konnte Carl nicht sehen, denn der Bruder beugte sich eben zu einer Kneifzange herab, die vor ihm auf dem Werktisch lag.

So verstrichen zwei oder drei Minuten in beiderseitigem Schweigen. Endlich nahm Otto zuerst wieder das Wort und seine Blicke prüfend in dem ganzen Raum umher­schweifen lassend, sagte er:Wie geht's Geschäft, Carl?"

Ich kann nicht klagen," entgegnete dieser. Es könnte schlechter stehen. Man muß zufrieden sein. Den Com- merzienrathstraum hate ich freilich aufgegeben. Ich arbeite in einem bescheidenem Maßstabe, man bringt eben seine Familie anständig durch. Das ist vorläufig Alles."

Otto legte dem Bruder seine Rechte auf die Schulter.

Wenn Du nur nicht ein so närrischer Kauz wärest," redete er ihn in einem erzwungenen, munteren Ton an, ich habe Dir's schon einmal angeboten. Wenn Du Deinen Betrieb vergrößern willst, das Geld steht Dir gern zur Verfügung."

Carl machte eine abwehrende Geste mit der Hand, und schüttelte stirnrunzelnd den Kopf.

Laß doch das!" sagte er ablehnend,Du weißt, ich will nichts davon wissen." Und um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, fügte er hinzu:Es wird wohl eine glänzende Hochzeit werden?"

Merkwürdiger Weise veranlaßte diese Frage den Anderen, einen leisen Seufzer hören zu lassen.

Jawohl," sagte er mit einer Miene, als wenn er eine Trauerbotschaft mittheilte,es wird eine ganz große Sache werden. Die ganze Verwandtschaft meines Schwieger­vaters wird vertreten sein, zum großen Theil von außerhalb. Ein Oberst, ein Staatsanwalt, ein Regierungsrath und so weiter. Dazu eine ganze Anzahl von hiesigen Collegen. So gemüthlich, wie's bei Deiner Hochzeit war, wird's nicht werden. Ein bischen förmlich und steif wird's wohl zugehen. Ich weiß, daß Dir dergleichen ein Gräuel ist und deshalb will ich keinen . . . Zwang auf Dich auLüben, Carl, und wenn es Dir kein Vergnügen macht und Du nur . . . nur kommst aus Rücksicht auf mich, so . . . so . . ."

So?" wiederholte Carl fragend und sah seinen Bruder, der in's Stammeln gerathen war, aus weit geöffneten Augen an.

So, na so will ich," fuhr Otto fort, während seine Blicke scheu in der Werkstatt hin- und herhuschten,so will ich eben nicht, daß Dir meinetwegen eine Unbequemlichkeit auferlegst."

(Fortsetzung folgt.)

Ein neuer See in Central-Afrika.

Von Dr. M. Schmidt.

------- sNachdruck verboten.)

KO. Aus Central - Afrika sind wieder einmal Neuig­keiten von großen Entdeckungen herüber gedrungen in das alte Europa. Man hat im Stromgebiet des Kongo einen ziemlich großen See aufgefunden, von dem bereits Stanley in seinen Retseschilderungen berichtete. Durch Vernach­lässigungen mancherlei Art und durch geographische Un- kenntniß gerieth dieses Gewässer völlig in Vergessenheit und nur einem Zufall ist es zu verdanken, daß ein Agent des Congostaates, ein Herr Rossignon, auf einer Geschäftsreise in Central-Afrika den Leopoldsee Nr. 2 wieder auffand, und daß wir dadurch nun in der glücklichen Lage sind, Näheres über dieses Gewässer und über Land und Leute seiner Um­gebung anführen zu können.

Die Länge des Sees beträgt ungefähr 12 Kilometer, seine landschaftliche Umgebung ist Flachland, seine User sind bewaldet. Zur Regenzeit treten die zahlreichen Zuflüsse dieses jSees, unter denen besonders der Msini und der Lukanga zu nennen sind, aus und überschwemmen weite Strecken das Land, so daß jede Annäherung auf dem Wege einer Karawane oder Expedition gänzlich unmöglich wird. Trotz dieser colossalen Ueberschwemmungen soll das Land dennoch eines der gesündesten im ganzen Congo gebiet sein. Die Wasserfarbe des Leopoldsees und seiner Zuflüsse ist stark salzhaltig. Die Tiefe des Sees ist eine sehr geringe. An einigen Stellen nehmen die Ufer einen felsartigen Character an. Die Schiffahrt ist zu jeder Jahreszeit sehr gefahrvoll.

Das ganze umgebende Gebiet des Leopoldsees ist sehr reich an Naturalproducten. Kautschuk ist im Ueberfluß vor­handen. Der Salzexport dürfte aus dem alkalischen Boden der Uferwälder ein sehr beträchtlicher werden- auch bilden sich eigenartige Salzcrhstallisationen an den abgestorbenen Zweigen der Bäume.

Die Einwohner dieses Landstriches sind durchweg Wald­bewohner - ihre Sitten sind roh, ihre Gewohnheiten zum größten Theil noch ganz barbarisch. Nur eine geringe Anzahl von Dörfchen begrenzen die Ufer des Sees. Diese Leute nennen sich selbst Tomba- ihre Nachbarn im Norden sind die Tollos, im Süden die Babuma und Matumba, im Osten die Gundo und im Westen die Buzanko.

Die Tomba sind schlank gewachsen, ihre Gliedmaßen haben einen schlottrigen und übermäßig langen Character. Ihre Hautfarbe ist chocoladenbraun, sie tätowiren sich gern und beschmieren sich den Körper mit einem Gemengsel von Palmöl und rother Thonerde.

Ihre Kopfform ist rund, ihre Stirn hoch, die Augen ein wenig hervortretend, die Nase klein. Sie lieben es, die Augenbrauen und den vorderen Theil der Kopfhaare zu rasiren. Ihre Lippen sind nach Art der Neger stark hervor­tretend, jedoch ihr Kinn klein und wenig nach vorn ge­schoben. An den Schläfen und auf der Slirn lieben sie es, kreisförmige Ringe aus Horn und Elfenbein als Zierrath zu tragen. In ihrem Auftreten sind sie sehr furchtsam. Ueberrascht sie ein Fremder, so geben sie sich gern einen kriegerischen Anstrich, obwohl sie niemals zuerst zum Angriff schreiten. Hat man sie jedoch von friedlichen Absichten über­zeugt, so werden sie leicht zutraulich, kommen näher und lassen sich gern in einen Tauschhandel ein.

Sie sind Menschenfresser, verzehren jedoch nur ihre Kriegsgefangenen. Ihre Religion ist der Fetischismus- sie