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Wechselanleihe verführt hatte, war der intellectuelle Urheber seines Verbrechens.
Constanze Göring war die Einzige, die den nach langer Pause wieder erschienenen Gast genau ebenso empfing wie früher. Das feinfühlige junge Mädchen wollte ihn auch nicht einmal durch eine merklichere Freundlichkeit an das Unangenehme erinnern, das hinter ihm lag. Sie plauderte mit ihm so unbefangen, als wäre nichts geschehen und als wäre in ihrem gesellschaftlichen Verkehr nicht die mindeste Stockung gewesen. Freilich, hin und wieder stahl sich, ohne daß sie sich dessen so recht bewußt gewesen wäre, ein warmer Blick zu ihm hinüber, der ihrer Genugthuung, ihn wieder zu haben, und ihrer Sympathie für ihn deutlich Ausdruck gab.
Ihrem tactvollen und zugleich warmblütigen Wesen war es zu danken, daß Otto die peinliche Befangenheit, die ihn Anfangs in ihren Banden gehalten, endlich überwand und ein paar schöne, reine Stunden verlebte, wie seit langer Zeit nicht.
Von da ab wurde Otto Köster wieder ein regelmäßiger Gast im Hause des Kammergerichtsraths. In der Nähe Constanzens wich Alles von ihm, wrs seine Seele bisher gequält und bedrückt hatte. Ihm war zu Muthe wie dem Wüstenwanderer, der nach unsäglichen Mühsalen und Entbehrungen, die grünende, labende Oase erreicht hat. Vergessen waren alle überstandenen Leiden und die Lust und Freude am Leben regte sich wieder in ihm. Ihm war, als sei er durch eine gute Fee von einer bösen Verzauberung befreit worden. Die bösen Geister hatten in ihrer Nähe keine Macht über ihn. Sobald ihre Worte an sein Ohr tömen, ihre Hand die seine berührte, verflog Alles, was ihm das Leben zur Marter gemacht hatte, wie ein böser Spuk vor dem anbrcchenden Tageslicht. Seine Seele spann sich in einen süßen, berückenden Traum ein, in seinem Herzen sproßte und blühte es, die Ahnung einer köstlichen, an der Seite einer geliebten Frau in Harmonie und Reinheit dahinfließenden Zukunft zog beseligend durch seine Brust.
Auch außerhalb des Hauses traf Otto häufig mit Constanze Göring zusammen, so auf den großstädtischen Bällen, auf dem Juristenball und auf dem Presseball. Viel ungezwungener und herzlicher aber als hier im hellen Saale, im Gewühl einer lebhaft durcheinander schwatzenden und lachenden, sich drängenden Menge konnte man auf der Eisbahn plaudern. Da konnte man sich unbeobachtet in die Augen schauen, die Hände drücken und den Empfindungen Äaum geben, die Herz zu Herzen zog.
Und hier war es auch, wo eines Tages das Gefühl in dem jungen Manne überfloß und wo er von Constanze Göring das Geständniß der Liebe erhielt.
Dem jungen Brautpaar verflossen die Tage in ungetrübtem Glück. Wohl regte sich in Otto, wenn er allein war, zuweilen ein leises Gefühl von Bangigkeit und eine warnende Stimme rief ihm zu: „Darfst Du das Schicksal dieses schuldlosen, reinen Geschöpfes an dein schuldbeladenes Leben ketten?" Aber die Selbstliebe und das Sehnen seines Herzens nach Glück und Freude gab ihm eine ganze Anzahl von Gründen ein, mit denen er sich selbst zu entschuldigen wußte. War nicht jede Schuld auf Erden sühnbar? Hatte er nicht zum Theil schon gesühnt durch die Beschränkung, die er sich in der Wahl seines Berufes auferlegt, durch ein exemplarisch sittenstrenges Leben? Hatten ihn nicht gerade die furchtbaren Seelenkämpfe, die er durch- rungen, sittlich geläutert? Hatte sich nicht erst in der letzten Zeit sein ursprünglich auf rein äußerlichen Motiven beruhendes Interesse für Constanze Göring zu einer tiefen, wahren Herzensneigung entwickelt? Ja, er fühlte die Fähigkeit und Kraft in sich, Constanze glücklich zu machen, jetzt, da er innerlich ein Anderer geworden, jetzt, da die Irrungen und Verschuldungen seiner Jugend hinter ihm lagen wie Krankheiten, gegen die man, wenn man sie einmal überstanden, für immer gefeit ist. Hatte ihm Constanze
nicht gestanden, daß sie sich schon längst im Stillen zu ihm hingezogen gefühlt hatte und daß sie sich ihm eine Zukunft ohne seine Liebe nicht denken könne? Wenn er sich von ihr zurückgezogen hätte, würde er sie dann nicht ebenso sehr beraubt haben wie sich selbst?
Mit diesen und ähnlichen Reflexionen lullte er die Gewissensregungen ein, die hie und da seinen Glücksrausch störend unterbrachen.
Eines Sonntags Vormittags fuhr Otto mit seiner Braut nach der Rügenerstraße hinaus, um sie mit seinen Eltern bekannt zu machen. Der alte Köster empfing seine Schwiegertochter mit einer aus respectvoller Bewunderung und väterlichem Wohlwollen gemischten Empfindung und er konnte auch während der ganzen Dauer des Besuchs eine gewisse Zurückhaltung nicht überwinden. Frau Köster aber kam sehr rasch mit ihrer Schwiegertochter in ein herzliches, zwangloses Plaudern. Sie hatten ja einen Berührungspunkt, in dem sich ihre Herzen fanden und eins wußten: in der zärtlichen Liebe zu Otto. Seine Jugend war ein Thema, das Beide gleich interessirte und das die Eine zu unerschöpflichen Mittheilungen, die Andere zu angespanntester Aufmerksamkeit anregte. Eine Stunde verschwand im Fluge, und als sie sich trennten, war Frau Köster überzeugt, daß Otto die rechte Wahl getroffen und daß Constanze Göring des Geschenkes seiner Liebe nicht unwerth war.
Die Empfindungen, die in der jungen Braut der Besuch bei den Ettern ihres Bräutigams zurückgelassen, drückten sich, während sie neben Otto die Treppe hinabschritt, in dem Ausruf aus: „Du mußt ja ein wahrer Mustersohn gewesen sein, Otto!"
„Sage lieber," wehrte er ab, ,;daß sie, die so liebevoll beredt mein Lob singt, ein Juwel von einer Mutter ist."
„Ja, das ist sie," sümmte Constanze mit wahrem Gefühl bei, „das ist sie und deshalb habe ich sie auch schon jetzt von Herzen lieb."
Vom Gesundbrunnen aus begab sich das Brautpaar nach der Bergmannstraße. Hier gestaltete sich der Verlauf des Besuches wesentlich anders. Das Gespräch schleppte sich mühsam hin. Worte und Mienen der um den Sopha- tisch Herumsttzenden athmeten eine gezwungene Freundlichkeit. Frau Helene war wortkarg und befangen. Carl hatte sich zu einem Stuhl am Fenster zurückgezogen und brütete stumm vor sich hin, als gehörte er nicht zur Gesellschaft. Sein Herz war mit Bitterkeit gefüllt. Er hatte es wohl bemerkt, mit einem wie scheuen Ausdruck Ottos Braut ihre Blicke auf ihn gerichtet und wie ihre Hand unwillkürlich einen Moment gezögert hatte, bevor sie sich ihm entgenstreckte ...
Drei Monate später wurde ihm Hause des Kammergerichtsraths die Hochzeit bereitet. An die ganze beiderseitige Verwandtschaft und an eine größere Anzahl von Freunden und Bekannten der Familie der Braut wurden Einladungen verschickt. Carl Köster konnte sich eines Gefühls freudiger Genugthuung nicht wehren, als er die elegant ausgestattete, goldberänderte Karte empfing, die die formelle Einladung des Kammergerichtsraths Göring zur Theilnahme an der Hochzeit seiner Tochter enthielt. In seiner grämlichen Verbitterung hatte er es nicht für unmöglich gehalten, daß man ihn einfach überging. Nun freute und rührte ihn dieser Beweis der Achtung um so mehr. Dennoch war sein erster Entschluß, unter irgend einem Vorwand abzuschreiben. Er war in seinen Unglückstagen so menschenscheu und unsicher geworden, daß ihm der bloße Gedanke, sich inmitten einer großen und noch dazu vornehmen Gesellschaft bewegen zu sollen, den Angstschweiß auf die Stirn trieb. In den folgenden Tagen aber fing er an, die Sache von einer anderen Seite zu betrachten. Wenn er bei der Hochzeit seines einzigen Bruders fehlte, würde das nicht unter seinen Bekannten und Verwandten auffallen? Würde man das nicht in einer für ihn kränkenden Weise auslegen? Er sah schon die höhnischen, schadenfrohen Gesichter, hörte die hämischen Anspielungen und Stichelreden. Er konnte


