Ausgabe 
12.2.1898
 
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Muttersohn.

Roman von Arthur Zapp.

(Fortsetzung.)

Seinen aufmerksam beobachtenden Augen entging es nicht, daß Constanze zusammenzuckte und daß ihre Stimme leise zitterte, als sie jetzt sagte:

Glaubst Du, Papa, daß er dann kommen wird?"

Gewiß!" gab er zurück.Wenn er sieht, daß ihm das Unglück, das seine Familie betroffen, in unseren Augen nichts geschadet hat, daß er uns heute nicht minder ange­nehm ist als früher."

Constanze Göring hatte ihre Hände gefaltet, ihre Augen strahlten, als sie jetzt den Blick zu ihrem Vater erhob. Das, was in diesem Moment ihre hochathmende Brust erfüllte, drückte sich in dem Ausruf aus:Du bist doch herzensgut, Papa!"

Der Gelobte lächelte.

Das Compliment kann ich Dir zurückgeben" sagte er neckendDu bist es ja, die mich darauf gebracht hat, und Dein Herz scheint bei der Aussicht, Herrn Köster bald wieder als Gast bei uns zu sehen, eine mindestens ebenso freudige Genugthuung zu finden als das meine."

Constanze Göring bückte sich mit einer hastigen Be­wegung zu ihrer Stickerei hinab, über und über erglühend.

* * »

Es war ein aus Freude und Wehmuth gemischtes Gefühl, das Otto Köster empfand, als er Constanzens Brief erhielt. Sie schrieb im Auftrage ihres Vaters. Nach den liebenswürdigen Vorwürfen, die sie ihm über sein langes Ausbleiben machte, gab sie der Hoffnung Ausdruck, ihn am nächsten Jourfix bei sich begrüßen zu können.

Ein heftiger Kampf entspann sich in des jungen Mannes Brust. Den ganzen Tag sann er über die Frage nach: durfte er das gastliche Haus des Kammergerichtsraths je

Samstag dm 12. Aebmar

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Ithubii!

em ein Helles Äug' und Herz gegeben, Dem wird der beste Theil im Leben: Der echte Frohsinn im Gemüthe Ist eines guten Herzens Blüthe!

Fr. Bodenstedt.

wieder betreten, durfte er sich in die Gesellschaft ehren- werther Menschen mischen und an ihren geselligen Freuden theilnehmen, durfte er seine befleckte Hand in die des reinen jungen Mädchens legen?

Nein, nein! Ein instinctives Gefühl hatte ihn während der letzten Monate abgehalten, den Kreis seiner Bekannten aufzusuchen. Sollte er diesem Gefühl Trotz bieten, weil ihm Constanze Göring in ihrer Ahnungslosigkeit ein paar freundliche Zeilen geschrieben? Würde sie ihm nicht voll Entsetzen und Abscheu den Rücken kehren, wüßte sie, wie eS in Wahrheit um ihn stand?

Nein, nein, er durfte nicht gehen.

Doch trotz dieses Entschlusses begann er am zweiten Tage die Frage noch einmal von allen Seiten zu überdenken. Sollte er sein ganzes Leben als menschenscheuer Einsiedler vegetiren? War es nicht inconsequent, weiter zu leben und in seinem Berufe mit ehrenhaften Leuten Verkehr zu Pflegen, sich aber geschfäftlich zu isoliren und von aller Berührung sich ängstlich zurückzuziehen.

Am dritten Tage entschloß er sich zu gehen.

Kammergerichtsrath Göring sowie die älteren Herren begrüßten ihn mit ostentativer Freundlichkeit, und wenn sie es auch mit keiner Silbe aussprachen, er las es doch in ihren Mienen und fühlte es an ihrem herzhaften Händedruck, daß sie ihm sagen wollten:Du irrst Dich, wenn Du geglaubt hast, wir achten Dich jetzt weniger als früher. Für uns bist Du der Alte."

Nur seine speciellen Freunde, die Herren von Markwald und Wattenfeld, legten eine auffallende Veränderung ihres Benehmens ihm gegenüber an den Tag. Sie begrüßten ihn kalt, mit förmlicher Verbeugung, als wäre ihre Bekannt­schaft mit ihm immer nur eine oberflächliche gewesen und als wollten sie von vornherein jeder intimeren Annäherung vorbeugen.

Otto hatte Mühe, sich die zornige Empörung, die in ihm glühte, nicht anmerken zu lassen. Er hätte vorstürzen und den blasirten Gecken mit dem Einglas in das hoch- müthige Gesicht schlagen mögen. War Markwald nicht schuld an Allem, was geschehen? War er nicht der Ver­sucher gewesen, der ihn mit listigen Reden auf die abschüssige Bahn gelenkt? Das, was der Vater einst beim ersten Abschied aus dem Vaterhause zu ihm gesprochen, kam ihm ins Gedächtniß:Ichuldenmachen kommt gleich nach dem Stehlen." Ein wahres, nur zu wahres Wort war es gewesen, das er leider leichtsinnig in den Wind geschlagen hatte! Ja, Herr von Markwald, der ihn zu der ersten