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ober vielleicht warst Du nicht ganz wohl," entschuldigte sie Ihn jedesmal selbst.
Als er aber einmal zwei Sonntage hintereinander aus- Äieb, gerieth sie in lebhafte Besorgniß. Gewiß war er erkrankt und lag nun einsam und verlassen in seinem Zimmer ohne alle Pflege. Es hätte nicht viel gefehlt, so hätte sie sich noch an demselben Abend auf den Weg nach der Neuenburgerstraße gemacht. Der Vater und Carl mußten sie fast mit Gewalt zuriickhalten. Aber am nächsten Tage, gleich nach dem Mittagbrod, trat sie klopfenden Herzens die weite Reise per Omnibus und Pferdebahn an. Unterwegs malte sie sich aufgeregten Geistes allerlei düstere Phantasie- öilder. Wenn ihm nur nicht irgend ein Unglück passirt war! Q Gott! O Gott!
Endlich langte sie an. Sie war überglücklich, als sie Ihn gesund und munter antraf. Zwei Freunde waren bei ihm: Herr von Markwald und College Wattenseld. Die drei Herren saßen bei einem fröhlichen Seat,- auf den Stühlen neben ihnen standen schäumende Gläser und auf dem Tisch paradirte ein gewaltiger Krug voll dunklen Münchener Bieres.
Die alte Frau platzte wie eine Bombe in die kleine lustige Gesellschaft. Otto machte ein nichts weniger als erfreutes Gesicht. Aber in ihrer Aufregung entging ihr das vollständig. Die hellen Freudenthränen standen ihr in den Angen und sie herzte und küßte ihn, als sei er eben einer schweren Gefahr entronnen oder als hätte sie ihn nach jahrelanger Trennung Plötzlich wiedergefunden.
Wattenfeld und Markwald standen bei Seite. Der Erstere schnitt ein ironisch gerührtes Gesicht, während Herr von Markwald sein Monoele aus dem Ange genommen hatte und angelegentlich mit seinem Taschentuch herumputzte. Auf Ottos Wangen flammte eine glühende Röthe.
Eine peinliche Pause entstand, und der alten Frau drängte sich auf einmal das Bewußtsein auf, daß ihr Besuch von den jungen Leuten am Ende als eine unwillkommene Störung empfunden wurde.
-/Ich gehe schon," sagte sie gleichsam entschuldigend zu Markwald und Wattenseld. „Lassen Sie sich nicht stören! Ich bin ja nur froh, daß Ottochen noch gesund ist."
Sie machte wirklich Miene, sich wieder zu verabschieden. Aber Herr von Markwald protestirte höflich: „Nein, nein, gnädige Frau. Wir wollen Sie gewiß nicht vertreiben. Gestatten Sie, daß wir uns zurückziehen. Habe die Ehre! Adieu, Köster! Also heute Abend . . . . bei . . äh, . . . Dingsda!"
Und ohne ihren weiteren Bitten, zu bleiben, Gehör zu 'schenken, griff er nach Hut, Ueberzieher und Stock, und stampfte, von Wattenfeld gefolgt, davon.
Im Grunde ihres Herzens war Frau Köster eigentlich froh, ^daß die Herren gegangen. Es war das erste Mal, daß sie bei Otto war und es wäre doch sehr ärgerlich gewesen, wenn sie wieder hätte zehen müssen, ohne sich gehörig in seinem Zimmer umgesehen zu haben.
Wie hübsch, wie elegant es bet ihm aussah! Vom Bett sah man gar nichts, das stand im Alkoven, der mit breiten Portisren verdeckt war.
Mehr als bis zur Hälfte war das große Zimmer mit einem weichen Teppich belegt. Divan und Fauteuils waren von dunkelrothem Seidenplüsch. In der Nähe des Fensters stand ein moderner Diplomaten-Schreibtisch. Freilich, so gut hatte er es in der Rügener Straße nicht gehabt und sie konnte ihm eigentlich gar nicht verdenken, daß er sich hier wohler und behaglicher fühlte.
Sie drehte sich lebhaft nach Otto herum, in der Absicht, diesem Gedanken Ausdruck zu geben/ aber das Wort blieb ähr in der Kehle stecken. Was hatte er nur? Seine Stirn war gerunzelt und er blickce finster vor sich hin.
(Fortsetzung folgt.)
Eine cause celebre in der schwedischen Gesellschaft.
Aus Stockholm schreibt man: Eine Tragödie, deren Einzelheiten dem Scharfsinn des erfahrensten Psychologen unlösbare Räthsel darbieten dürften, hat seit einigen Wochen die schwedische Presse in eine ans Hysterische grenzende Aufregung versetzt. Es handelt sich um ein Familiendrama, in dem mehrere Vertreter des angesehensten schwedischen Hochadels eine bedauernswerthe Rolle spielen sollten. Die Vorgeschichte reicht um mehrere Jahre zurück und entwickelt in ihrem Verlauf eine ganze Romanfolge sensationeller Effeete, in der Familienhaß, weibliche Jntrigue, Perversität und Verbrechen um den Vorrang streiten. Es war am 14. De- eember 1895, als auf dem alten Adelssitze Broxvik in Oestergötland der Kgl. Kammerherr Taube von Block nach längerem Krankenlager verstarb. Etwa ein halbes Jahr später tauchten Gerüchte auf, denen zufolge der Verschiedene keineswegs eines natürlichen Todes gestorben, sondern einem heimtückischen Mordanschlage seitens seiner eigenen Gattin, Baronin Betzy Taube, zum Opfer gefallen sei. Die fraglichen Gerüchte wurden durch die bestimmt gehaltenen Aussagen mehrerer Dienstboten sowie eines Fräuleins v. Fägersköld, die als Braut des künftigen Majoratserben im Taube'schen Schlosse weilte, bestätigt. Die Mörderin sollte in der Weise zu Werke gegangen sein, daß sie ihrem kranken Gatten fortlaufende Dosen von Sublimat in die Medicin mischte, deren Einwirkung schließlich den Tod des Barons v. Taube zur Folge hatte. Auf Betreiben feiner Verlobten veranlaßte der junge Majoratsherr Evert v. Taube die nachträgliche Obduetion der Leiche, bei welcher Gelegenheit thatsächlich das Vorhandensein von Arsenik und Sublimat constatirt wurde. Polizei und Gericht nahmen nunmehr die Sache in nähere Untersuchung. Die Verdachtsmomente gegen die Gattin des verstorbenen Kammerherrn, der man neben extremer Bigotterie großen Geiz und ein geradezu- unnnatürliches Haßgefühl gegen ihren Mann und den einzigen Sohn vorwarf, häuften sich derart, daß der Staatsadvocat ihre Verurteilung wegen Giftmordes beantragte. Schon die Voruntersuchung gestaltete sich äußerst sensationell, indem sich einer der Belastungszeugen aus Furcht vor weiteren Aussagen ertränkte und mehrere andere in die verwickeltsten Widersprüche geriethen. Das K. Medicinaleollegium, in der Angelegenheit befragt, gab sein Gutachten dahin ab, daß die Vergiftung nur in der Weise erfolgt sein könne, daß dem kranken Kammerherrn das verderbliche Sublimat erst in den letzten Stadien seiner Krankheit beigebracht wurde/ andernfalls hätte der überwachende Arzt die unverkennbaren Anzeichen des Giftes weit früher wahrnehmen müssen. Neben dem Curialverfahren arrangirten die einander gegenüberstehenden Parteien ein weit angelegtes Jntriguenspiel, das durch geschickt ausgespielte Indizien-Beweise die öffentliche Meinung bald zu Gunsten der angeklagten Baronin Taube, bald zu Gunsten der Hauptbelastungszeugin, Fräulein Helga v. Fägerskjöld, beeinflussen sollte. Thatsächlich fehlte es nicht an Stimmen, die das ganze Gerichtsverfahren als einen gehässigen Feldzug des Fräuleins v. Fägersskjöld bezeichneten. Es wurde bekannt, daß letztere mit dem verstorbenen Kammerherrn vor ihrer Verlobung Beziehungen unterhalten habe, für deren Intimität ein lebender Beweis vorhanden ist. Ueberdies hat sich Fräulein von Fägerskjöld seit Kindesbeinen durch einen krankhaften Hang zur Kabale bemerklich gemacht. Das langwierige Gerichtsverfahren stand bereits vor seinem Abschlüsse, als zu Ende des vorigen Monats ein neues Ereigniß den Dingen eine völlig neue Wendung gab. Fräulein v. Fägerskjöld, die in Stockholm Aufenthalt genommen hatte, erhielt am 29. November, d. h. dem Tage vor der entscheidenden Hauptverhandlung in dem schwebenden Processe, ein anonymes Schreiben, in dem sie zu einem wichtigen Rendezvous nach einer entlegenen Vorstadtstraße Stockholms


