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Ines, an ganz andere Huldigungen gewöhnt, schmiegte sich in einen der rothen Sessel, zupfte am perlglitzernden Tüll ihres Kleides und hörte vorerst dem Gespräche der beiden Herren zu.
Diese beschäftigte natürlich das vorgestrige Eoncert. Als indeß Beider Weisheit immer systematischer wurde, sprang sie empor, riß eine Thür auf, die zu einem vollendet eingerichteten Musikzimmer führte, präludirte auf dem Flügel und sang unvermittelt mit eigener Begleitung das Gebet aus dem Freischütz: „Leise, leise, fromme Weise", das ihrer jugendlich schmelzenden, vollen Stimme allerdings bezaubernd lag.
Stumm waren ihr die Männer gefolgt. Im Geiste kniete Heinrich vor ihr, küßte er ihren Kleidersaum. Doch kaum verhauchte der letzte Ton, so fuhr sie auch schon herum: „Das, meine Herren, ist Kunst, und ziemt sich unter Künstlern zum Gruße. Alle trockene Rederei bleibe dem tiftelnden Kritiker, für den frei Schaffenden und frei Fühlenden ist sie ungehörig. En avant, Herr Wulfsen. Papa neulich, die Tochter jetzt eben, nun dürfen auch sie nicht länger zögern. Pst, kein Wort! Violine? Natürlich. Dort im Schrank finden Sie Auswahl, warten Sie!"
Dabei sprang sie auf einen Rohrstuhl, den sie vorher an jenen Schrank geschoben, und reichte ihm mehrere werthvolle Geigen zu, kleine Geschichten von ihnen mit süßester Stimme plappernd und ziemlich energisch die eben geprüfte in ihr Fach zurückschiebend.
„Sie gehen achtlos mit so kostbarem Material um, gnädiges Fräulein," sagte Wulffen endlich.
„Bewahre!" sagte sie kalt.
„So haben Sie wenig Herz für Ihre Instrumente," wagte er nochmals zu tadeln, während er den klingendreinen Ton einer Amati prüfte.
„Bah, ein hölzerner Kasten, gut genug, des Künstlers Seele nachzuzittern. Mein Sclave, sonst nichts."
Wulffen hätte kein Mann sein müssen, um diesem glitzernden, verführerischen Mädchen auf solche Worte hin nicht rücksichtslos ins Auge zn sehen: „Sclave? Du, hüte Dich.
Ines zitterte unter dem dunklen Blick, indeß Wulffen, von aller Benommenheit befreit — er betete nicht mehr an, er herrschte — sich gefaßt an Erder wandte.
„Sie müssen sehr reich sein, Herr Erder, daß Sie solche Schätze häufen können."
„Ich nicht," erklärte der Angeredete. „Alles, was Sie hier sehen, rührt von einem begeisterten Kunstkenner her, der mich von Jugend auf gern hatte und in wahnsinniger Vorliebe für mein Künstlerleben überall hin begleitete. Selbst meine Verheirathung konnte ihn nicht verscheuchen, er übertrug im Gegentheil seine Anhänglichkeit auf Ines. Vor zwei Jahren starb er, bald nach meiner Frau, sein Vermögen hatte er wohl selbst überschätzt. Der Rest gehörte Ines — nun, sie ist ihrem alten Großpapa, wie sie den Freund nannte, in der Verschwendung ähnlich geworden. Ehe sie als Künstlerin festen Fuß faßt, wird sie reinen Tisch gemacht haben."
„Laß doch die alten Geschichten, Papa, hin ist hin."
Damit schüttelte sie ungeduldig ihre Armbänder zurück.
„Herr Wulffen soll spielen. In seinem Gesicht liegt viel Musik, die Eure kalten Daten und Erklärungen verschlingen. Bitte."
Aehnlich einem verzogenen Kinde schlug sie die Augen bei gesenktem Kopfe zu ihm auf, zog sie das bittende Wort schmollend in die Länge, daß Wulffen bezwungen den Bogen ergriff und sich leicht verneigte.
„Ich bin aber kein Künstler, vergessen Sie das nicht."
Nachdem der Bogen gestrichen und die verzogenen Saiten gestimmt waren, spielte er eine ernsthafte Suite von Wieniaswski; voll und edel wurde er dem Componisten gerecht, als ihm die Idee kam, der zauberischen, tollen, launischen Ines eins aufzuspielen.
Hell klirrten die Saiten, indem er dem Einfall folgte; wie electrtsirt horchten die beiden Hörer auf. Dann ward es ein Jauchzen und Girren, von einem trotzigen Ton durchschnitten, ein erhabenes Einschreiten, von jähen, glänzenden Triolen unterbrochen, ein betäubendes Schmachten, dem sich ein Hymnus auf die Schönheit anschloß, wobei der Träumer sich eigentlich allein fühlte und sein machtvolles Empfinden gleichsam als die Gabe eines Eroberten der Gefeierten zu Füßen legte.
Ines schlug die Hände zusammen, als er geendet, und frohlockte laut: „Was sind Sie für ein großer Künstler, Wulffen!"
„Sie müßten mir aufs Podium," rief Erder, ihm beide Hände bietend. „Das war die Eingebung eines Genies, nicht wahr? Und hieß?"
„Ines," sagte er wie im Traum.
Er erschrak so wenig über die Dreistigkeit, wie die beiden Anderen. Hier galt das Enthüllen tiefer Innerlichkeiten für Recht, und Ines' schnellerer Herzschlag entstammte allein dem Triumph, derart gesiegt zu haben.
Einige erwartete Gäste kamen herzu, man ließ Wulffen nicht Weggehen.
Nach Tisch wurde musicirt, dann war die Zeit der Oper, ihr folgte der Thee. —Stunden, Tage und Wochen rauschten mit solchem allfarbigen Glitzern über diese Künstler dahin.
Kam ihnen das plötzliche Besinnen, das Bewußtsein eines Wehs, so schöpften sie daraus den erneuten Gestaltungsdrang und rasten weiter bis zur nächsten Schmerzensstunde.
Für Heinrich kamen diese nun täglich, für ihn hießen sie Liebessehnen. So trotzig faßte ihn die Leidenschaft oftmals, daß er rang, als sei ein körperlicher Gegner zu besiegen, aber das Feld behauptete sie immer; zwar ge- demüthigt zum bloßen Drange, die Geliebte nur sehen, nur hören zu können, doch immer fühlbar in seinem flimmernden Blick, den hämmernden Pulsen, dem verworrenen, betäubten Denken.
„Plagt Sie der Genius?" pflegte Ines ihn zu fragen, wenn er in dieser Verfassung vor ihre Augen kam.
Zuerst scherzte er wohl über sich, bis ihm das Herz immer schwerer ward im Wunsche, von ihr doch verstanden, in seinem harten Ringen gewürdigt zu werden.
Ein weicher Blick, ein ernstes Niederschauen, vielleicht ein zaghaftes Schmiegen der Finger mußten ihm ja Balsam werden.
Doch nein, er that ihr unrecht. Die von Vielen umworbene Künstlerin muß ihren Ernst, ihre Würde als Innerlichkeit für sich behalten — gewiß, er durfte nichts verlangen, bevor er seine ehrenhaften Absichten nicht erklärt hatte. Damit mehrte sich seine Pein. Wie würde ihr Vater, wie gar seine Mutter darüber denken? Keinem würde recht sein, was seine fiebernde Sehnsucht kaum erwarten und nie, niemals aufgeben konnte.
In dieser Stimmung kam er heute zu Erder, dem er jetzt fleißig bei seiner Partitur half. Es wollte nicht so recht gehen, unruhig setzte er ab und begann wieder, bis Erder ihn lächelnd zu Ines nach dem Musikzimmer nebenan schickte.
Sie hatte hier geübt. Sonst ließ sie sich gern von ihm begleiten, diesmal sprang sie nervös auf.
„Mir ist, ich weiß nicht was," spottete sie zornig und unruhig. „Ist denn Weinen so schwer? Thränen würden mir gewiß helfen."
„Thränen? Ines! Glücklich sollst Du sein, die Du Seligkeiten schaffen kannst," stammelte er, nicht fähig, nun sie ebenfalls litt, an sich zu halten; er nahm sie in den Arm und küßte sie mit sich steigernder Gluth. — —
„Sie bleiben zum Abend hier, lieber Wulffen! Wir erwarten nur zwei Gäste; ein dünner Mosel liegt auf Eis. Hoffentlich ist Ines in besserer Laune, als Vormittags!"
Nun erst fiel ihm ein, daß Ines ihm kein Recht ge-


