Ausgabe 
10.7.1898
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 105

i Qm!

Mir

Js!/er Acker bringt nicht Frucht allein, pU# Gott muß ihm geben das Gedkih'n.

Sprichwort.

Felsgarten.

Roman von Clara Bücker.

(Fortsetzung)

Lachend lehnte sich Erder zurück:Mit dieser Sehnsucht stehen Sie vollkommen auf dem Standpunkt meiner Tochter erlaube, Ines, Herr Wulsten erst in reiferen Jahren werden Sie meiner Auffassung sich nähern. Nun, nun, zwei Heißsporne gegen einen Sanftmüthigen, da streiche ich die Segel!"

Sie lachten zusammen. Ines klappte den eleganten Jmbißkorb auf und präsentirte nächst dem Vater auch Wulffen ein Besteck. Er erröthete, nahm an und mit ihnen,- Ines hielt eben ein Lachsbrödchen in der Schwebe, als sie bemerkte:Nun haben wir Brod und Salz getheilt, jetzt sind Sie unser."

Und sie biß zu.

Das ist mehr, als ich erwarten kann."

Wer so wie Sie über die Kunst spricht, dem muß sie nahe stehen."

So weit es bei einem Dilettanten möglich ist," gab Heinrich niedergedrückt zu.

Erst hören," versetzte sie.

Aber Sie, gnädiges Fräulein?"

Ich bin Papas Tochter."

Ines hat ihre Studien in Paris abgeschlossen. Sie soll in Berlin vor dem Intendanten singen, das heißt pro forma, gehört hat er sie schon, die königliche Oper ist ihr sicher."

Selbstverständlich," sagte Heinrich aus tiefster Ueber- zeugung, die Blicke voll heiligen Bewunderns auf das Götterkind gerichtet) der reichste Glückwunsch hätte nicht so viel aussprechen köunen wie das eine Wort.

Ines hob die großen Augen fast schüchtern zu dem Manne voll solch starken und unverborgenen Empfindens.

Papa Erder beendigte inzwischen seine Atzung, dann wurde es Zeit, die Siebensachen zusammenzulesen, denn Berlin war bald erreicht."

Schade," sagte Ines, noch einmal Heinrichs Blick suchend.

Dieser Blick verursachte ihr Herzklopfen,- soviel unge­künstelte, vornehme Natur hatte sie noch nicht angetroffen.

Nun, nun," erklärte Erder,man wird doch klüger handeln, als ein ungefährer Zufall, nicht wahr, Herr Wulffen? Glauben Sie, Bewunderer hat man in Unmasse, Verständniß- volle findet man fast nie. In diesem Sinne biete ich Ihnen meinen Verkehr an. Fühlen Sie morgen oder in wenigen Tagen genau wie heute unsere Uebereinstimmung, so suchen Sie uns in unserer Clause auf. Hier ist meine Karte!"

Die uns nach dem Erholungsaufenthalt auf Rügen besonders anheimeln wird," setzte Ines hinzu.

Heinrich dankte warm, begleitete die neuen Freunde zu einer Droschke und suchte dann erst sein Junggesellenheim auf. Noch die nächsten Tage fanden ihn als Berauschten. Der bloße Gedanke an die Kneipe widerte ihn an, seitdem er vor dem begnadeten Weibe kniete.

Ohne Neid sah er im Concert Vater wie Tochter von den Bewunderern umdrängt, die einen Wall gegen einen einzigen Verständnißvollen bildeten.

Ines' Schönheit wirkte an diesem Abend dämonisch. Köstliche schwarze Spitzen über einem goldfarbenen Seiden- ; kleid, Granatblüthen im Haar und an der Brust Heinrich \ mußte sich zwingen, dem fein poinrirten, meisterhaften Cello­spiel ihres Vaters zu folgen. Verstand und Sinne wurden ihm gleichzeitig aufgewühlt, der Schlaf seiner Nächte, die Freudigkeit seines gesunden Daseins waren dahin, die ent­fesselte Leidenschaft hob sich gewaltig, doch auch majestätisch über seinem Leben, er aber jauchzte ihr zu.

In der nächsten Zeit ging er zu Erders.

Ein Kammerkätzchen führte ihn durch ein orientalisch eingerichtetes Wartezimmer in einen Salon von düsterer Pracht,- schwere rothe Seide drapirte Möbel, Fenster und Wände, dazwischen standen weißleuchtende Marmorbildwerke. ' Ein Damenzimmer nebenan konnte man Überblicken, es i schimmerte in weißer, zartgeblümter Seide, die noch von den bemalten Porzellanen am Kamin, an der Standuhr und an den Wänden übertroffen wurde. Durch dieses fürstliche Gemach kam Ines, als Erder ihn begrüßte.

Also Wort gehalten," sagte sie, ihn anlächelnd, wie Frauen lächeln, die bezaubern wollen.

Ein Schauer fuhr durch seinen Körper, stumm hielt er ! ihre Fingerspitzen und ließ sie wieder entgleiten, der strengen Sitte seines Elternhauses gemäß, nach welcher der Handkuß j allein der verheiratheten Frau gegenüber gestattet war.