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Sie nahm die Adresse wieder an sich, bot den Kindern flüchtig die Wange, nickte Line zu und verließ das Zimmer.
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Die nervöse kleine Frau zuckte zusammen unter dem grellen Pfeifen der nahen Eisenbahn — hu! wer hier wohnen müßte, um das immer zu hören! Und diese lärmenden Kinder, die der fein herabsprühende Regen gar nicht in ihren geräuschvollen Spielen störte.
Der Diener stand mit einem fragenden Gesicht neben ihr, als meine er, er könne sie nicht allein in das wüst aussehende Haus treten lassen, an dem sie vorgefahren waren. Auf der einen Seite eine Art von Putzgeschäft mit allerhand buntem, billigem Kram, aus der anderen eine Destillation — „Kaffee und guter bürgerlicher Mittagstisch," sagte ein schmutziges Placat. „Hier kann gerollt werden" las man an einem Kellerfenster, an dem anderen „Rosa Vollgold, Damen - Friseurin. Handschuhwäsche." Neben der offenen Hausthür waren Zettel sichtbar, die Schlafstellen anboten.
Ebba Lund, den Gesichtsausdruck Walters verstehend, machte eine Handbewegung — nein, hier mußte sie allein gehen, hier konnte das Auftreten eines Dieners in der distinguirten Livree nur beleidigen.
Den Saum ihres Kleides ein wenig hochnehmend, trippelte sie über die Steine des Hausflurs hin — Kohlenreste und kleine Wasserlachen hatte sie zu überwinden, auf dem gepflasterten Hof standen Pfützen. Drei Knaben benützten das, um Papierschiffe darauf schwimmen zu lassen.
„Hof links, parterre", stand auf ihrem Zettel.
Die Jungen sahen sie gar nicht, so sehr beschäftigt waren sie mit ihrem Spiel, aber drüben ans dem nur halb über dem Pflaster emporsteigenden Kellerfenster streckte sich ein Frauenkopf.
„Na nu!" schrie eine grelle Stimme dann in die Tiefe zurück, „wer kriegt denn so feinen Besuch?" Und als Ebba Lund eben den Fuß auf die ausgetretene Steintreppe gesetzt, die links in das Hinterhaus führte, gellte es ihr nach: „Werden wohl Henzens sind, bei die is ja's Glück einge- kchrt, seit der Bengel die kleene Schramme gekriegt hat. Na, kiek doch man blos mal Jette, 'nen atlassenen Unterrock hat sie."
Erschreckt ließ die Eintretende das Kleid fallen — dicht vor ihr, auf einem oval geschnittenem Stück Pappe stand mit kalligraphischer Schnörkelei geschrieben: „Ludwig Henzen, Dienstmann." Die Fliegen hatten wenig Achtung vor der Kunstschrift gehabt. Frau Ebba klopfte an die Thür, hinter der mit Geschirr geklappert wurde.
„Gleich!" rief es zurück, zum Zeichen, das sie gehört worden war.
Die Oeffnende stand eine Secunde die Besucherin anblickend,- sie kaute langsam an einem Bissen, welchen sie im Munde gehabt und schüttelte dann den Kopf. „Na, gnädige Frau, hier sind Sie gewiß nicht recht," und dann „wohin soll's denn sein?"
„Zu Henzens."
„Mit dem Namen stimmt es schon — soll's dem Dienstmann, was mein Maun is, gelten?"
„Ihnen auch —"
Nun erst schien sich die hagere Frau in das Unerwartete zu finden, sie gab den Weg durch den ersten Raum, die Küche, frei, und deutete auf den nächsten, aus dem Stimmen klangen und woher ein heißer Dunst, ein Gemisch von Kaffeedust und Tabaksrauch drang.
„Nämlich, wenn es was Eiliges is heute für den Mann, oder 'ne Arbeit, zu der Sie mich als Arbeitsfrau suchen, denn is es nichts, meine liebe Dame, heute kriegen uns keine zehn Pferde von Hause weg, denn wir feiern 'ne Art von Familienfest!"
„En richtiges sag' ich," rief ein untersetzter Mann, der vor dem Kaffeetisch saß und beide Ellbogen auf denselben gestemmi hatte, und drehte sein rothes, rundes
Gesicht halb über die Schulter nach der Eintretenden hin. „Denn wenn das kein richtiges is, wenn ich heute hier meinen Jüngsten sitzen habe und er konnte tobt sein, wie 'ne Maus. Und hat uns nich mal Kosten gemacht, für Doctors und Apothekers und noch was Anderes obendrein ins Haus gebracht" — er machte die Bewegung des Geldzählens, „en richtiges Familienfest is es, so gewiß wie ich Ludwig Henzen heiße. Und thut mir sehr leid, aber um diesen Umstand laß ich mich nicht bringen, der is maßgebend, wie die Herren Richter sagen. Denn warum? Die reichen Leute fahren uns unsere Kinder über — ja, dazu sind so arme Würmer da! Todt wie ne Maus, gnädige Frau, konnte dieser Herzensjunge sein!"
„Ludwig, steh' doch mal von Deinem Lehnstuhl auf, Henzen komm' doch zu Dir, die Dame is gewiß — ach, gnädige Frau, nehmen Sie's man nich übel, schlichte Leute — ich bin man bloß die Schwester, Kubaitzen heiße ich — aber das seh' ich doch, Sie sind die gute, gnädige Frau selber? — Na, seh'n Sie wohl, Menschenkenntniß is 'ne Sache! Lieber Gott, so'n kleiner Unglücksfall, is ja nun wieder gut — und j-die gnädige Frau wird es ja auch noch immer besser machen — Schwager, steh' doch mal aus Deinem Lehnstuhl auf!"
Aber Ebba wehrte ab, als der Dicke mit ungelenken Verbeugungen auf den verlassenen Sitz wies, während die Henzen mit Redegewandtheit die große Ehre pries; sie ging auf den blaffen Jungen zu, der vor einem hochgehäuften Kuchenteller saß.
Er hatte auffallend starke, krause, braune Haare. Ueber der rechten Schläfe war eine dünne, helle Stelle und eine rothe Narbe schimmerte — wäre das uicht gewesen, so hätte sie ihm wohl einmal durch die Locke führen mögen. Aber so mußte sie an das warme, rothe Blut denken, welches an jenem Tage herabgeflossen war.
Sie beugte sich zu ihm und fragte freundlich: „Nun, bist Du gerne nach Hause gekommen?"
„Wenn es immer Kuchen gäbe!" sagte er.
Er war ein hübscher, kleiner Bursche mit munteren Augen und der frühreifen Keckheit eines Berliner Kindes, aber blaß und schmächtig.
„Ne, Willemchen, ne, seh Einer mal," lachte der Vater, „den giebt es nu doch man bei Familienfesten."
„Na, alle Tage kann Einer doch nicht überfahren werden" rief der Knirps.
(Fortsetzung folgt.)
Tie Lösung des Fluggeheimnisses.*)
Während dem 19. Jahrhunderte Errungenschaften gelungen sind, von denen das vorhergegangene 18. nicht die leiseste Ahnung hatte, Errungenschaften, mit denen man rund um den Erdball herum mit einer märchenhaften Ueberwindung von Zeit und Raum, sowohl zu Wasser, als auch zu Land hingelangen kann, wohin man will, während man mittelst Telegraph oder Telephon sich überallhin verständigen kann, scheint das 20. Jahrhundert, in edlem Wetteifer, sich die Aufgabe stellen zu wollen, das Problem der Luftschiffahrt in einer Weise zu lösen, das jeder normale Mensch mit eigenen Kräften im Stande ist, in einem mechanischen Flugapparate — fliegen zu können. Nicht mehr fern dürfte die Zeit sein, wo das mechanisch schwebende Luftschiff kein Lustschloß ist, sondern wo es, als ein Verkehrsmittel souveränster Art, Lasten und Personen mit großer Schnelle durch die Lust tragen wird.
Um nun aber diese Aufgabe zu Wege zu bringen, wird nun doch einmal, nach so vielen vergeblichen Versuchen, welche
* Aus dem „Praciischen Wegweiser", Würzburg, einer vielseitigen Familienzeitschrift, die Jedermann zu einem Probe-Abonnement (30 Pfg. vierteljährlich) empfohlen werden kann.


