Ausgabe 
10.5.1898
 
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Das Fräulein.

Roman von E. Vely.

(Fortsetzung.)

Kind, bedenk' Dich Wohl, alles Geld und alle Vornehm­heit bedeuten nichts, wenn man sich nicht innerlich zufrieden fühlt! Wie im Eltcrnhause kannst Du weiter leben, wenn Du auch einen armen Mann wählst. Ich gebe mein Jawort wenn auch" eine Gebärde nach der Thür, hinter welcher ihre Mutter weilte,hierin soll Niemand etwas zu sprechen haben, als Du und ich."

Und es war wie ein heiliger Ernst auf seinem Gesichte gewesen.

Ich bin zufrieden, Papa um die Partie, welche ich mache, wird man mich beneiden. Sehr viel Geld zu sehr vielem Gelde, Du weißt, ich bin nicht romantisch, das liegt nun einmal nicht in mir/

Und dann hatte das Leben begonnen, wie es jetzt war, mit sehr viel Aeußerlichem und immer nur Aeußerlichem.

Es regnete, schwere Tropfen schlugen an die Fenster, der Gang durch den Thiergarten war für Line und ihre Schutzbefohlenen heute kein angenehmer gewesen.

Brr! welch ein Wetter !" machte Frau Ebbaaber ich habe doch eine Commission für Sie, Fräulein eine, die Tact bedingt."

Ich steht' zur Verfügung, gnädige Frau!"

Ein ganz leises Zucken um die Lippen der Anderen dieser Versicherung hätte es von der Untergebenen nicht bedurft.

Nehmen Sie eine Droschke und fahren Sie nach der Flottwellstraße unser Wagen würde dort unnützes Auf­sehen erregen."

W

fei stark, mein Herz! Ertrage still

Der Seele tiefes Leid.

Denk', daß der Herr es also will, Der fesselt und befreit.

Und traf Dich seine Hand auch schwer, In Demuth nimm es an;

Er legt auf keine Schulter mehr,

Als sie ertragen kann. Halm.

Sie hatte mit einem Papierstreifen gespielt, den legte sie jetzt neben die Bilderbücher, welche die große Tischplatte bedeckten.

Hier ist eine Adresse: In diese Familie ist heute ein Knabe aus dem Krankenhause zurückgebracht. Seh'n Sie sich die Häuslichkeit dort an, finden Sie heraus, welches die nöthigsten Bedürfnisse sind. Um sehs Uhr wird der Arzt kommen, mit dem sprechen Sie das Fernere, um mir seine Wünsche mitzutheilen."

Sie ließ einen prüfenden Blick über die schlanke Gestalt gleiten, neben der Henny stand, das blonde, unschöne Köpfchen an sie geschmiegt. Dieses Mädchen hatte etwas Besonderes, die herbe, kühle Schönheit einer Diana.

Bah nur ein Vergleich freilich, aber Augen, die zu sehen verstanden, die mußten das bemerken.

Line richtete sich auf, mechanisch streichelte sie das Kinderhaupt, eine angstvolle Ahnung befiel sie. Wenn sie durch eine lächerliche Verkettung der Umstände gezwungen war, dem Menschen, der sie so schwer beleidigt hatte, gegenüberzutreten.

Nein, keine falsche Empfindsamkeit. Aber der Gedanke war so lebhaft in ihr, daß sie ihn äußerte.

Heißt dieser Arzt Doctor Hallsberg?"

Ebba Lund sah sie überrascht an, dann zog ein feines Roth über ihre Wangen.

Ja kennen Sie ihn? woher wissen Sie, daß"

Ich sah neulich, daß dieser Herr angemeldet wurde," brachte Line hervor, bemüht, die Erregung zu verbergen.

Ein kurzer, lachender Laut.

Ach, sehen Sie doch! Obwohl Ihre Augen und Ihr Gesicht eine große Gleichgültigkeit gegen das, was um Sie her vorgeht, zur Schau tragen, wissen Sie ganz genau um Alles. Ja, es ist der Doctor Hallsberg Wohlthätigkeits- bestrebungen führen ihn zu uns."

Und plötzlich kam ihr die Schönheit des Mädchens noch leuchtender, aufdringlicher vor sie warf den Kopf zurück.

Aus dem blassen Gesicht mit den dunklen Augen schien ihr Feindseliges zu blicken, etwas Ueberlegenes.

Sie stützte, sich erhebend, die Linke auf die Tischkante und zog Henny mit einer raschen Bewegung an sich.

Und da fällt mir ein," sagte sie langsam, daß ich eigentlich viel mit dem Doctor zu besprechen hätte ich will selber hinfahren Fischern," rief sie nach dem Neben­zimmer hin,sagen Sie doch hinunter, daß man sofort das Coupee anspannen und vorfahren läßt."