Ausgabe 
10.4.1898
 
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Recht! Nun ich halte Felix ja nicht! Mag er gehen und eine Würdigere heirathen; mein und meines Kindes Schande aber komme über ihn!"

Der alte Herr zuckt doch leicht zusammen.Da ist cs allerdings die höchste Zeit zum endgültigen Bruch!" murmelt er in sich hinein- laut sagte er kalt:Nach dieser Ihrer letzten Andeutung halte ich es für meine Pflicht, Ihnen noch­mals eine gütliche Einigung vorzuschlagen. Wir wollen Sie und Ihr--Kind ja nicht nothleiden lassen."

Meta unterbricht ihn herb:Genug Herr Troßet! Sie hören ja, ich will nichts von Ihnen und Ihrem Sohne!" und stumm, fast gebieterisch weist ihre ausgestrcckte Hand auf die Thür.

Langsam entfernt sich der Besucher. In der Thür wendet er sich nochmals zurück.Weiß mein Sohn um--"

Um seine Vaterschaft?" vollendet das Mädchen bitter. O nein und Sie brauchen es ihm auch nicht zu sagen! Ein Opfer will ich von ihm nicht!"

Erleichtert aufathmend schließt der Alte die Thür- hinter sich.Gottlob das wäre überstanden! Es war aber auch die höchste Zeit, daß ich den Jungen zur Raison brachte! Fast könnte sie mir leid thun! Wenn wir nicht Alle so nothwendig auf Felix Heirath mit der reichen Margot angewiesen wären--ja wer weiß, was ich dann gethan

hätte!"

Drinnen aber liegt Meta auf den Knieen- ihre Finger krallen sich ins lockige Haar, ihr ganzer Körper bebt unter convulsivischem Schluchzen- dann aber springt sie plötzlich auf, reißt den Anemonenstrauß aus dem Behälter, wirft ihn zu Boden, und zertritt ihn unbarmherzig.Das sei auch Dein Loos Felix!" und düster starrt sie auf die zertretenen Frühlingskinder zu ihren Füßen.--

Nahezu fünfzehn Jahre sind vergangen. Wieder ist es Ostern. Durch die gartenreichen Straßen des Villenviertels schleicht ein müder, vor der Zeit gealterter Mann. Von Zeit zu Zeit bleibt er stehen und drückt die Hand auf die schmerzende, von vielem Husten mitgenommene Brust. Ein Schwindsüchtiger! Matt, schmerzlich blicken die Augen auf die entstehende Pracht. Der Lenz ist mit Sang und Klang und Blüthenregen ins Land gezogen. Ist es der letzte Frühlings­einzug, den er, der Kranke, Gebrochene miterleben darf? Was hat ihm das Leben, das ihm einst so viel versprochen, gehalten? Sein Vermögen ist durch mißglückte Börsen- speculationen auf ein Minimum zusammengeschmolzen- lein schönes, zwar ungeliebtes Weib hat ihn betrogen und ver­lassen. Wieder erschüttert ein Hustenansall den Körper des Kranken, seine Hand krampst sich um das Brücken­geländer, an dem er jetzt steht.

Er starrt hinab auf d e schmutziggrauen Wellen des Flüßchens. Wenn er jetzt ein Ende machte? Dann wäre er erlöst. Doch er gönnt dem falschen, ungetreuen Weib da draußen in der Welt nicht den Triumph, den Gedanken an die Möglichkeit, er habe um ihretwillen zum Selbstmord ge­griffen. Nein, er will weiter leben, mit dem Fluch des langsam schleichenden Leidens: Vergeltung!

Er denkt an Meta und wie ein Schauer gehts ihm durch die Glieder. Was mag aus ihr geworden sein? daß ihn die Erinnerung an sie auch noch immer verfolgt! Und heute ist es Ostern, da steigen die Schatten der Vergangen­heit doppelt lebhaft vor seinem Geiste auf. Tief sinkt dem Grübelnden das Haupt auf die Brust- da weckt ihn ein dünnes, zitterndes Stimmchen aus seinem Brüten:Herr, kaufen Sie mir doch ein paar Osterblumen ab!" und eine durchsichtige Mädchenhand hält ihm einen kunstlos geordneten Strauß halberschlossener Waldanemonen vor's Gesicht. Der Herr stutzt, blickt auf und gerade in ein blasses, verhungertes Kindergesicht. Zwei blaue, flehende Augen blickten ihm ent­gegen und um den jungen, och frhcn so vergrämten Mund

zuckt es wie verhaltenes Weinen. Rothe, bis zur Schulter reichende Locken umgeben das blasse Gesicht- dürftige Kleider­umhüllen eine schmächtige Gestalt und pressen die doch schon knospenden Formen beängstigend ein.

Der Wanderer starrt wie entgeistert in des Mädchens- Gesicht. Dieses scheint eine Abfertigung zu fürchten.Sitte,, bitte, lieber Herr, kaufen Sie doch ein!" fleht es angstvoll. Da geht ein Zucken über des Mannes Gesicht.

Wie wie heißt Du?" bringt er mühsam heraus. Die Kleine scheint erstaunt.Meta" antwortet sie schüchtern. Doch die Wirknng ist eine noch befremdlichere als der Torr der vorhergehenden Frage.

Der Mann wankt und seine Hand sucht nach einer Stütze, er findet sie in des Mädches Arm.

Willst Du mich nach Hause bringen?" fragt er leise. Es soll Dein Schaden nicht sein!"

Stumm nickt das Mädchen, und auf den Arm des Bettelkindes gestützt schwankt Felix Troßet seiner Wohnung zu. Keines von beiden spricht ein Wort- nur Troßets Augen weichen kaum von den Zügen seiner jugendlichen Führerin und seine Lippen bewegen sich unhörbar.

Als Meta aber vor des Patienten Wohnung stehen bleibt und zur Umkehr entschlossen scheint, nimmt der Mann sie bei der Hand und bittet mit schier brechender Stimme: Komme mit hinauf, mein Kind!" und als sie etwas ängstlich zu ihm aufschaut, meint er mit einem sonderbaren Lächeln: Du brauchst Dich vor mir nicht zu fürchten! Ich thue Dir nichts!"

Droben läßt sich Troßet schwer athmend in einen Sessel fallen- er hat erst soeben wieder einen heftigen Hustenanfall überstanden.

Dann winkt er das Bettelkind an seine Seite.Wie heißt Du?" fragt er nochmals,den vollen Namen bitte-" Meta Friedmann!" gießt die Befragte etwas befremdet Auskunft. Da schüttelt Troßet leise den Kopf und sieht dem Mädchen wieder scharf ins Gesicht. Es ist unmöglich! diese Aehnlichkeit! das kann nur ihr Kind sein!

Leben Deine Eltern?" fragte er. Das Mädchen schüttelte den Kopf.Ich habe nur Pflegeeltern," berichtet sie,die sagen, einen Vater hätte ich nicht und die Mutter sei längst tobt, gleich bei meiner Geburt sei sie gestorben \"

Und Deine Mutter hieß?" examirt er unerbittlich weiter- aber die Stimme klingt ihm rauh.

Ein Stöhnen kommt von des Mannes Lippen- dann fährt er auf und reißt das erschreckte Mädchen in seine Arme.

Meta Du ihr mein Kind!" stammelt er unter Thränen und küßt das blasse Gesichtchen in Jeinen Händen wieder und wieder. Wie betäubt liegt Meta an des fremden Mannes Brust.

Sie begreift nicht- aber Entsetzen weicht langsam einem nie gekannten Gefühl des Glücks- die Thränen, die ihr so brennend heiß auf die Stirn fallen,das sind Thränen der Liebe," das fühlt sie instinctiv und fester schmiegt sie sich in die sie umschlingenden Arme. Und endlich, endlich versteht auch sie. Sie hat den Vater gesunden. Jetzt hat das Bettelleben eine Ende- sie wird nicht mehr geschlagen werden^ sie wird sich satt essen und sich erwärmen können. Und unter bin Thränen ber Rührung und Dankbarkeit erzählt sie dem - neugefundenen Barer von ihrem bisherigen Leben und er, ber gebrochene Mann, beichtet dem Kinde die Sünde seiner Jugend.

Um ben Vater unb sich vor bem Ruin zu retten, har er ein reiches, ungeliebtes, böses Weib gefreit unb bte Ge­liebte, sein Glück, von sich gestoßen. Daß er mit ihm auch sein eigenes Kind in Elend unb Schande gejagt, das hat er erst nach Jahren durch böse Nachrede erfahren. Doch alle Nachforschungen nach der Verstoßenen und seinem Kinde sind fruchtlos geblieben bis heute.

Redaction: I. B.: Herman« Elle. Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfitätS«Buch< und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gieße«.