Ausgabe 
10.4.1898
 
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Aufenthalt zu verlängern, doch seine Bitten stießen auf un­erschütterlichen Widerstand.

Während sie im eifrigsten Gespräch waren, erklangen Plötzlich aus dem Nebenzimmer die Töne eines Claviers, und eine frische klangvolle Stimme sang ein entzückendes Lied.

Eine tiefe Erregung malte sich in Herrn von Broladres Zügen- er hielt den Athem an, um auch nicht einen der Töne zu verlieren.

Was haben Sie, verehrter Freund?" fragte Herr von Bange.

Diese Melodie, diese Stimme! ich kann sie nicht hören, ohne bis ins Innerste meiner Seele bewegt zu werden. Sie -rufen eine Fülle schöner und schmerzlicher Erinnerungen in mir wach. Wer ist die Sängerin, der so herrliche Töne ru Gebote stehen?"

Es ist die Erzieherin meiner Kinder," versetzte Herr von Bange,an der sie mit fast abgöttischer Liebe hängen. Sie sollen sie sehen."

Er öffnete die Thür- Frau von Bange saß neben dem Clavier, während die Sängerin sich erhob. Es war ein junges Mädchen von fünfundzwanzig Jahren, deren schöne regelmäßige Züge den Stempel seltener Vornehmheit trugen.

Herr Broladre stand unbeweglich, und auch das junge Mädchen war nicht weniger lebhaft bewegt, in ihrem Gesicht malte sich eine Mischung von Bestürzung, Entrüstung und Zorn.

Sie hier, Herr von Broladre? Sie hier? fragte sie mit einer Stimme, die ihren Seelenzustand deutlich verrieth. Clementine, liebe Schwester, unterbrach sie Frau von Bange, sei nicht so streng gegen ihn. Er will heute Abend abreisen, doch es hängt von Dir ab, ihn zurückzuhalten, lies dieses Papier!"

Sie reichte das von dem Notar aufgesetzte Document.

Herr von Broladre, sagte Clementine in hochmüthigem Tone, wollen Sie mir erklären, was dies zu bedeuten hat?"

Er fühlte sich angesichts der feindlichen Haltung des jungen Mädchens schüchtern und verlegen und entgegnete:

//Mein Gott, ich bin ohne Familie, will wieder fort­reisen und habe gedacht, ich könnte keinen besseren Gebrauch von meinem Vermögen machen, als wenn ich es Ihnen aussetzte."

Sie richtete sich empört auf und rief:

So haben Sie also geglaubt, mich durch ein Almosen demüthigen zu können? Oh, Herr von Broladre, ich dachte. Sie kennen mich besser!"

Mit fiebernder Hand zerriß sie das Document und warf die einzelnen Stücke zur Erde.

Verzeihen Sie mir," erwiderte er in demüthigem, fast traurigem Tone,gern hätte ich mein Vermögen in anderer Weise mit Ihnen getheilt, hätten Sie meine Liebe nicht mit­leidlos zurückgestoßen!"

/,Jch Ihre Liebe zurückgestoßen? was wollen Sie damit sagen?"

Haben Sie mir nicht verboten, Sie zu sehen, und haben -ste sich nicht geweigert, mein Lebewohl entgegenzu- nehmen,^ als ich mich .gebrochenen Herzens entschloß, abzu-

Clementinens Augen drückten nicht mehr Zorn, sondern ern schmerzliches Erstaunen aus.

Nein, das ist nicht wahr, sagte sie, ich wartete auf sw und habe eine grausame Enttäuschung empfunden, als tch Sie nicht erscheinen sah- doch als man mir mittheilte, Sie wären abgereist, um sich zu verheirathen, habe ich mir Vorwürfe gemacht, Ihren Worten geglaubt zu haben."

/Mich verheirathen? oh, ich sehe, man hat uns beide getauscht, Clementine- doch wer hat etwas so Abscheuliches begehen können?"

Das will ich Ihnen erklären, sagte Frau von Bange, so schwer es mir auch ankommt, einen Todten anzuklagen - ich muß unserem Onkel die Schuld zuschieben. Er konnte Sie nicht leiden, Herr von Broladre, und hatte für

Clementine einen anderen Gatten bestimmt. Um Sie auf immer zu trennen, hatte er diese doppelte Lüge erfunden. Als Du in der Folge alle Bewerber ausschlugst, Clementine, und Dich bei uns niederließest, um Dich der Erziehung meiner Kinder zu widmen, habe ich das Geheimniß, das Du so sorgfältig vor mir verbargst, nicht errathen, obwohl eine Fülle kleiner Einzelheiten, die mir jetzt einfallen, mich hätten aufklären müssen- aber in der Verblendung meines Egoismus nahm ich Dein Opfer an, ohne nach der Erklärung desselben zu suchen."

Dann wandte sie sich an Herrn von Broladre.

Ihr Freund Delsarte ist der Verräther- er hat mir die Augen geöffnet und mich auf meine Pflicht aufmerksam gemacht, indem er mir schrieb: Ich schicke ihn Ihnen, lassen Sie ihn nicht wieder fort. Sie haben mich in Ihrem Herzen lesen lassen und ich verrathe diese Kenntniß. Liebe Clementine, er hat nie aufgehört, Dich zu lieben, deshalb bitte ich Dich, hebe die Papierstücke auf, die Du in einer Anwandlung ver­letzten Stolzes zerrissen hast, und lies!" Du wirst darin den Entwurf zu einem Heirathscontract finden, den ich habe aufsetzen lassen."

Clementine strahlte vor Glück- der Ausdruck ihres Ge­sichtes sprach beredter, als es Worte hätten thun können.

Emil, sagte sie, Herrn von Broladre ihre Hand reichend, verzeihe mir!"

O, sprich nicht von Verzeihung, wenn mein Herz von Freude und Dankbarkeit überströmt."

Soll ich jetzt vielleicht Ihr Gepäck nach dem Bahnhof bringen lassen?" fragte Frau von Bange lächelnd.

Nein, nun ist's aus mit dem Reisen, es sei denn, daß Clementine mich begleitet."

Osterblumen.

Erzählung von S. Halm.

------- ^Nachdruck verboten.)

KO. Ein dürftiges Gemach, noch unbearbeiteter Kleider­stoff, Nähutensilien, Zeugabfälle bedecken Tisch und Näh­maschine- auf der wurmstichigen Commode steht im Wasser­glas ein Strauß halberschlossener Anemonen Hell fluthet das Licht der Ostersonne über das Alles hin und läßt die rothblonden Haare des schönen Mädchens, das in sichtlich kampfbereiter Haltung einem alten, sehr vornehm aussehenden Herrn gegenübersteht, wie lauteres Gold blinken und glitzern.

Also Sie weigern sich wirklich Vernunft anzunehmen?" fragt eben der Herr in etwas hochmüthig gereiztem Tone.

In des Mädchens Augen blitzt es auf.Allerdings" sagt sie hart,wenn Ihr Sohn es wirklich über's Herz bringt, mich in Unglück und Schande zu stoßen gut ich kann ihn nicht daran hindern- aber daß Sie mich mit schnödem Gelbe abzufinden gedenken, das ist--das ist . . ."

und sie bricht in Thränen aus.

Der alte Herr zuckt ungeduldig die Schultern.Mein Kind, Sie können wohl nie im Ernst geglaubt haben, mein Sohn würde ein Mädchen aus dem Volk, eine kleine Schneiderin heimführen!"

Noch zuckt des Mädchens Mund.Ich war allerdings so thöricht, seinen Versicherungen zu glauben!" sagt sie bitter, und ihre Hand weist auf den Frühlingsstrauß.Den brachte mir Ihr Sohn noch heute Morgen! Es sollte ein zarter Gruß, eine Anspielung darauf sein, daß sich unsere Herzen vor einem Jahr im Walde fanden. Können Sie cs wirklich übers Herz bringen, uns zu trennen?"

Er macht abermals die Geberde der Ungeduld.DaS Glück meines Sohnes, das Ansehen seines und meines Namens geht mir allerdings über die Rücksicht gegen Sie und Ihre Sentimentalität! Sie hätten sich über die Folgen Ihres Handelns eben von Anfang an klar sein müffen, Fräulein Meta!"

Diese lacht schrill auf.Da haben Sie allerdings