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abgeschafft!" bemerkte der Amtsrichter mit einem gewissen Galgenhumor. t
„Ach, ich fürchte, der hielt etliche Grade aus/ entgegnete Ehrenberg, während er sein Pult schloß und sich zum Fortgehen rüstete, wie dies auch seitens des Amtsrichters geschah. — .
Die in Rapshagen so schnell auf einander folgenden traurigen Ereigniffe bestimmten Amtsrichter Kroh indeß, von dem gefaßten Vorsatz abzugehen und Göbener schon am anderen Tage wieder vorführen zu taffen.
„Haben Sie mir noch keine anderen Mittheilungen zu machen als in den vorhergehenden Verhören?" fragte er den Angeschuldigten, der womöglich noch trotziger als die früheren Male vor ihm stand.
„Wie sollte ich denn dazu kommen?" entgegnete Göbener gleichmüthig, ja, beinahe mit einem Anfluge von guter Laune. „Geben Sie sich keine Mühe, Herr Amtsrichter, ich kann Ihnen nichts weiter sagen und will es auch nicht," er sprach die letzten Worte mit verbissener Miene und in einem sehr bestimmten Ton.
„Nun, so ist es an mir, Ihnen die Mittheilungen zu machen, um derentwillen ich Sie herrufen ließ. Sie mögen sich setzen," nahm der Amtsrichter das Wort und deutete aus einen in der Nähe stehenden Stuhl.
Göbener lachte kurz aus.
„Oho, Herr Amtsrichter, fürchten Sie, mir könne schwach werden? Ich dächte, Sie hätten schon gemerkt, daß das Holz, aus dem ich geschnitzr bin, nicht allzu weich ist."
Er machte von der ihm ertheilten Erlaubniß keinen Gebrauch, sondern blieb stehen und richtete sich geflissentlich recht straff auf.
„In Folge des Schrecks über Ihre Verhaftung und des Kummers über das Ihnen zur Last gelegte Verbrechen ist Ihre Frau in Krämpfe verfallen und gestern Vormittag gestorben," sagte der Amtsrichter langsam und jedes Wort betonend, ohne das Auge von Göbeners Gesicht zu wenden. Es ging darauf auch eine Veränderung vor, zuerst malte sich Schreck, dann Betrübniß darauf.
„Meine arme Frau! Kein Wunder, daß ihr das den Rest gegeben hat!" murmelte er und wischte sich mit dem Rücken der Hand Thränen aus den Augen, deren Vorhandensein der Amtsrichter bezweifelte. „Die Stärkste war sie ja schon lange nicht mehr. Das ist auch die Schuld Derer, die mich so niederträchtig verleumdet haben."
„Sagen Sie lieber, es ist die Schulo dessen, welcher die grausige That begangen hat," entgegnete der Amtsrichter sehr ernst. „Amtmann Göbener, gehen Sie noch nicht in sich? Ihre Frau ist gestorben, weil sie der Anklage Glauben schenkte. Auch Ihre Kinder halten Sie für schuldig."
„Schlimm genug, wenn sie so entartet sind," entgegnete Göbener,- „ich glaube es aber nicht, bis sie es mir ins Gesicht sagen."
„Leider liegen die Beweise schriftlich vor. Ihr Sohn Adolf hat einen Brief hinterlassen."
(Fortsetzung folgt.)
Getrennt und vereint.
Novellette von Louis Callas.
(Schluß.)
Allmählich hatten sie sich wieder dem Hause genähert, als Frau von Bange plötzlich fragte: „Sie erkundigen sich ja gar nicht nach meiner Schwester Clementine?"
Sie schien die Bewegung, welche er bei Nennung dieses Namens machte, nicht zu bemerken. Nur mit Mühe gelang es ihm, seine Kaltblütigkeit zu bewahren, und er versetzte mit vibrirender Stimme:
„Ihre Schwester hat sich jedenfalls verheirathet."
„Nein." 4
„Was ist denn aus ihr geworden?"
„Sie ist Erzieherin!"
„Erzieherin ist sie geworden?" wiederholte er, „wie ist sie denn dazu gekommen?"
„O, sie ist es ganz freiwillig geworden. Sie erinnern sich wohl, daß wir bei einem Onkel lebten, der nach dem Tode der Eltern unsere Vormundschaft übernommen hatte? Mehrfach hatte er versucht, sie zu verheirathen, doch sie hatte alle Parthien ausgeschlagen- schließlich hat sie sich der Erziehung von Kindern gewidmet."
„Sie hatte Vermögen?"
„Sie hat darüber verfügt und nichts für sich behalten."
„Daran erkenne ich die Großmuth ihres Herzens. Sie, die durch ihre Schönheit, und Vornehmheit dem ersten Salon zur Zierde gereichen würde, ist zur Armuth herabgedrückt! Sagen Sie mir, bitte, wo sie sich aufhält!"
„Das kann ich nicht, denn sie hat es mir nicht gestattet."
Herr von Broladre schwieg einen Augenblick, dann fuhr er fort:
„Hören Sie mich an, Madame. Als ich meine Reisen antrat, verfügte ich bereits über ein ziemlich großes Vermögen, das sich im Laufe der Jahre infolge Betheiligung an mehreren lucrativen Unternehmungen verzehnfacht hat,- ich bin heute reich- ein an Entbehrungen gewöhnter Mensch braucht jedoch wenig. Ich werde einen Th eil für mich zurückbehalten, um meine Zukunft sicher zu stellen, das Ucbrige bestimme ich für Ihre Schwester. Ich werde zufriedener abreisen, wenn ich ihr das Vermögen wiedergegeben habe, das sie nicht mehr besitzt, und rechne auf Sie, die Vermittelung bei ihr zu übernehmen."
„Unmöglich, mein Freund, wie soll ich ihr die Sache erklären?"
„Sie haben recht- wir müssen ordnungsgemäß zu Werke gehen, aber die Zeit drängt, da ich noch heute Abend wieder abreise."
Frau von Bange überlegte einige Augenblicke und erwiderte dann:
„Es giebt nur ein Mittel - mein Notar in Moret gehört zu meinen Freunden- kommen Sie mit, er wird uns aus aller Verlegenheit helfen."
„Schön, Madame, ich stehe zu ihren Diensten."
„Gut denn, ich werde anspannen lassen."
* * *
Sie bestiegen den Wagen "und hatten Moret bald erreicht. Der Notar empfing seine Gäste in der liebenswürdigsten Weise, und der Fremde setzte den Zweck seines Besuches auseinander.
Nach einem kleinen Frühstück zog der Notar sich in seine Canzlei zurück, wo er ein Schriftstück aufsetzte, das er Frau von Bange überbrachte.
„Werther Freund", sagte diese zu ihm, „Sie haben die Absichten des Herrn von Broladre also verstanden?"
„Gewiß."
„So bleibt uns nichts weiter übrig, als Ihnen zu danken und so schnell wie möglich nach Hause zurückzukehren. Beeilen wir uns, denn wir haben uns bereits verspätet . . . Uebrigens, Herr von Broladre, Sie haben vergeffen zu unterzeichnen."
Ohne sich Zeit zu lassen, das Document zu lesen, setzte er seinen Namen darunter, worauf die junge Frau das Papier an sich nahm. Dann bestiegen beide wieder den Wagen. Während der ganzen Fahrt zeigte sich Frau von Bange sehr heiter. —
Der Schloßherr, ein Mann von einfachem, herzlichem Wesen, war inzwischen auch zurückgekehrt- er empfing Herrn von Broladre bereits wie einen Freund.
Plaudernd saßen die beiden Herren im Salon, und die Unterhaltung nahm bald eine vertrauliche Wendung. Herr von Bange fragte seinen Gast nach seinen Reisen, seinen Plänen und schien an allem, was sein Leben betraf, lebhaftes Jntereffe zu nehmen. Er bat ihn sogar, seinen


