Ausgabe 
10.3.1898
 
Einzelbild herunterladen

- 186

Waldhof bereitet und hütete sich wohl, sie über Gebühr ] anzustrengen. Während er scharf die zu beiden L>eiten des Weges liegenden, zum Theil schon frisch bestellten Felder, musterte und keine Nachlässigkeit seinem prüfenden Auge entging, überdachte er noch einmal seine Unterhaltung mit dem Amtsrath und dessen Tochter, und war mit deren Ergebmß itufxicbctte

Der Bursch, der Stephan, hat sich heute einen Korb vom Amtsrath geholt, das hab' ich ihm ja angesehen, als ich ihm begegnete. Machte ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter. Wenzel schickt die Kleine nur fort, um sie auf andere Gedanken zu bringen, ist ein so weichherziger Narr und wirft das Geld zum Fenster hinaus, statt ordent­lich dazwischen zu fahren. Wundert mich übrigens, daß er dem verzogenen Dinge etwas abschlagen kann!" fuhr er fort, und man kann sich bei ihm noch darauf gefaßt machen, daß sie ihn herumkriegt. Wenigstens hab' ich ihm aber ordentlich eingeheizt und dem Stephan einen hübschen Denk- zettel gegeben. Wäre nicht übel, wenn solcher Hungerleider daher kommen und das reichste Mädchen aus der ganzen Gegend wegschnappen sollte." ~

,, Blässe! Ihr schlaft wohl em? Habt in Waldhof gar zu gut gefüttert!" schaltete er, mit der Pntsche knallend, ein und fügte in seinem Selbstgespräch hinzu:

Adolf soll in diesen Tagen hinüber und ordentlich Abschied nehmen. Man weiß nicht, wie noch Alles kommt. Ich hab' zwar die Dummheit mit der Anna zugegeben, aber verlobt ist ja nicht verheirathet, und eigentlich sind sie nicht einmal richtig verlobt. Ich werd's Allen noch einmal ein­schärfen, daß kein Mensch was davon°erfährt. Auch der Doctor darf nichts wissen. War ein Meisterstreich, daß ich ihm das Haus verboten habe."

Ja, mit dem alten Göbener nimmt8 so leicht Keiner auf!" lachte er sehr wohlgefällig vor sich hin.

Nun, Herr Doctor, wie steht es, wie ist die Unter­suchung ausgefallen?" fragte Herr Brenner, der erste Be­amte der in Stettin befindlichen Filiale der Lebensversicherungs­gesellschaftVorsicht", den soeben in das an derGroßen Lastadie" belegene Bureau tretenden Vertrauensarzt Doctor Köppen.

Wenn der jungen Dame nicht ein besonderer Uuglücks- fall zustößt, kann sie hundert Jahre alt werden," erwiderte der Gefragte, ein älterer Herr mit grauem, buschigen Haar, einem rothen, gutmüthigen Gesicht und Hellen, lustig in die Welt schauenden Augen.Habe selten einen so normal ge­bauten Körper gesehen, eine wahre Freude."

Wirklich, wirklich?" versetzte der Beamte kühl,Sie sind ja ganz Feuer und Flamme. Und Sie haben gründlich untersucht?"

Aber, Herr Brenner!" rief der Arzt mit gekrankter Miene,wie können Sie nur einen solchen Zweifel laut werden lassen? Sämmtliche Organe durch und durch gesund."

Ich zweifle keinen Augenblick an Ihren Worten, lieber Doctor," sagte Herr Brenner begütigend,muß aber ge­stehen, daß ich ein solches Ergebniß der Untersuchung kaum erwartet habe."

Aber warum? Ist Ihnen das junge Mädchen wie eine Schwindsuchscandidatin vorgekommen?" scherzte der Doctor.

Das nicht,- es ereignet sich aber doch selten, daß man das Leben eines jungen Mädchens versichert, und überdies mit einer so hohen Summe."

Wie hoch soll sie sich belaufen?"

Hunderttausend Mark!"

Alle Achtung!" lachte Doctor Köppen,da lohnte es sich ja, der Erbe zu sein. Ich würde freilich den Heimfall nicht erleben."

Dürften auch sonst zu spät kommen, die Police bleibt

in festen Händen," sagte hinzutretend ein zweiter Herr, bet bisher schreibend an seinem Pult gestanden, von der Unter­haltung aber kein Wort verloren hatte.Sie haben nun doch keine Bedenken mehr gegen den Abschluß der Ver­sicherung, Herr Brenner?" wandte er sich an den Letzteren, der achselzuckend antwortete:

Ich darf solche nicht mehr haben. Es ist Alles in Ordnung, und dennoch" Der hagere Mann mit dem glatt anliegenden Haar und dem bartlosen, graubleichen Gesichte, ließ hier eine vielsagende Pause eintreten und sah mit den scharfen, dunklen Augen nachdenklich vor sich hin.

Was hat es denn mit dieser Versicherung für eine besondere Bewandtniß, wenn ich es erfahren darf?" fragte der Doctor.

Sie dürfen es erfahren, es ist mir lieb, wenn ich Ihre Ansicht höre," antwortete Brenner und fügte auf ein abmahnendes Zeichen seines College« hinzu:Lassen Sie mich machen, Herr Ringleb, Doctor Köppen ist ein Vertrauens­mann, er hat noch nie aus der Schule geschwatzt."

.Die drei Herren nahmen auf Lehnsesseln, welche um einen im Hintergründe des geräumigen, gut ausgestatteten Bureaus befindlichen runden Tisch aufgestellt waren, Platz, und Brenner berichtete mit gedämpfter Stimme, nachdem er einen vorsichtigen Blick durch die Glasthür nach den im Nebenraum beschäftigten Schreibern geworfen hatte:

Der Gutsbesitzer, Amtmann Daniel Göbener auf Rapshagen bei Greifswald, versichert das Leben seiner künftigen Schwiegertochter, des Fräulein Anna Holten, zu Gunsten seines Sohnes oder vielmehr zu seinen eigenen Gunsten, da er die Polic in Händen behält."

Das ist in der That ein wenig sonderbar," bemerkte der Arzt.

Es sieht nur auf den ersten Blick so aus," nahm Ringleb, ein noch jugendlicher, sehr sorgfältig gekleideter Mann, das Wort,Amtmann Göbener ist ein schwerreicher Mann, wir haben die genauesten Erkundigungen eingezogen. Er genießt allgemeines Ansehen"

Das heißt, man kann ihm nichts Böses nachsagen, schildert ihn aber als geizig und habsüchtig!" fiel Brenner ein.

Und doch will er jedes Jahr eine so ansehnliche Summe ausgeben, um ein kerngesundes junges Mädchen zu versichern. Das will mir nicht recht stimmen!" rief der Doctor.

Ganz meine Ansicht!" nickte Brenner.

Aber, Herr Doctor, Sie müssen doch am besten wissen, daß der Tod oft genug die Jungen und Kerngesunden mit fortnimmt und an den Krüppeln und Siechen vorübergeht'/ wandte Ringleb ein.

Da haben Sie leider Recht!" gab Doctor Köppen seufzend zu.Wir wollen wünschen, daß das liebe, schüchterne Ding ein recht langes Leben habe. Bringt sie ihrem zu­künftigen Gatten denn sonst noch einen Brautschatz zu? Sieht eigentlich nicht danach aus."

Nicht einen rothen Pfennig!" rief Rmgleb eifrig.

Sie ist ganz arm." ,

Dann kann es mit dem Geiz des Alten doch nicht so schlimm sein," meinte der Doctor.Er scheint ja ganz zu­frieden mit der Schwiegertochter."

Er will nur als vorsichtiger Mann ihr Leben ver­sichern, damit seine Enkel doch auch einmal mütterliches Ver­mögen haben," sagte Brenner mit einem gewissen Ingrimm und warf den Bleistift, mit dem er geschrieben hatte, aus den Tisch.

Auch ein Standpunkt," lachte der Doctor.Es laßt sich eigentlich nichts dagegen einwenden."

Sie würden also die Versicherung abschließen?

fragte Brenner. , r

Ich wüßte nicht, warum ich eS nicht thun sollte.

Da hören Sie es, Herr Brenner, wir dürfen nicht Schwierigkeiten erheben, wo keine find!" sagte Ringleb ein­dringlich.Der alte Göbener ist ein seltsamer Kauz.