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Der alte Herr blieb die Antwort eine ganze Weile schuldig.
„So ganz unbegründet wäre eine solche Besorgniß nicht," gab er endlich zur Antwort, und als er den Blick von Neuem fragend auf sich gerichtet sah, fügte er, während ein leiser Schatten über sein Gesicht huschte, hinzu: „Es ist eine unangenehme, peinliche Geschichte, die dem jungen Mann Passirt ist."
Constanze Göring ließ die Stickerei, mit der sie sich beschäftigt hatte, in ihren Schooß sinken. Das lebhafte Roth, das ihr plötzlich ins Gesicht stieg, bewies ihr tiefes Interesse.
„Eine peinliche Geschichte, Papa?"
Der Kammergerichtsrath zögerte wieder mit der Antwort^ das Thema schien ihm nichts weniger als angenehm. Endlich begann er: „Ich habe Dir"seinerzeit nichts davon erzählt, denn wozu Dich mit so häßlichen Dingen behelligen. Uebrigens wenn Du die Zeitungsberichte über stattgehabte Gerichtsverhandlungen lesen würdest, so . . ."
" „Die lese ich nie," warf des junge Mädchen mit einer Bewegung des Schauderns ein, „da kommen oft so entsetzliche, schreckliche Dinge vor. Aber wie kommst Du denn darauf, Papa, und was hat das mit Herrn Köster zu thun?"
Sie erwartete in sichtlich ängstlicher Spannung die Antwort.
„Herr Köster," berichtete der Kammergerichtsrath, „mußte in einer häßlichen Diebstahlsgeschichte als Zeuge aussagen. Auf der Anklagebank saß sein Bruder."
Ueber des jungen Mädchens freundliche Zeuge lief ein heftiges Erschrecken. „Herrn Kösters Bruder, Papa? Sein wirklicher Bruder?"
Der Kammergerichtsrath nickte.
„Aber das ist ja furchtbar!" ries Constanze Göring. Ihr Gesicht war ganz blaß geworden. „Und er sitzt . . . sitzt nun im . . .?"
„Nein, er wurde freigesprochen."
„Frei . . .?"
Das junge Mädchen athmete tief auf. Ueber ihr Gesicht glitt ein freudiges Aufleuchten.
„Es wurde freigesprochen," fuhr der Kammergerichtsrath fort, „weil die Sache nicht genug aufgeklärt werden konnte. Der Verdacht aber lastet noch heute auf ihm. Und das wirft natürlich auf das Leben seiner Angehörigen einen tiefen Schatten."
„Armer, armer Herr Köster!"
Es klang wie ein Seufzer, der aus der Tiefe ihrer Brust heraufkam. Aus ihren Mienen war im Nu wieder alle Freude geschwunden. „Und Du glaubst, Papa, daß er deshalb nicht mehr kommt?"
Herr Göring bejahte.
„Du kannst Dir denken, wie dem feinfühligen, ehr- liebenden jungen Manne zu Muthe sein mag. Es hat ja seiner Zeit als ein ^interessanter Fall in allen Blättern gestanden. Und nicht genug damit, es hat ihm ja die ganze Zukunft verpfuscht, denn der junge Mann, dem seine Begabung und sein ernstes Streben eine glänzende Carriöre in Aussicht stellte, hat für immer . . jedenfalls aus Ehrgefühl, aus übertriebenem Ehrgefühl, meine ich . . . auf den Staatsdienst verzichtet. Denn schließlich, was kann er dafür, selbst wenn sein Bruder unschuldig ist!"
„Nicht wahr, Papa?" pflichtete das junge Mädchen mit einem auffallenden Eifer bei, „es ist doch ungerecht, daß er nun darunter zu leiden hat."
Der Kammergerichtsrath erwiderte nichts. Er sah nur aufmerksamer als vorher zu seiner Tochter hinüber. Constanze fühlte es, sie senkte erröthend ihr Gesicht.
„Möchtest Du, daß er wieder einmal einen unserer Gesellschaftsabende besucht?" fragte er mit stillem Lächeln.
Constanze nickte, ohne anfzublicken.
„Nun, dann werde ich ihm einfach schreiben."
(Fortsetzung folgt.)
Diamanten.
Bon Dr. N. Polzin.
------- (Rachdruck vrrLotsn.)
KO. In der Nähe von Prätoria ist ein reiches Diamantenlager entdeckt worden. So lautete vor kurzer Zeit die lakonische, aber inhaltsschwere Meldung der Blätter. Prätoria, die Hauptstadt der südafrikanischen Republik (Transval), zwischen den Magalins- und Wüwatersbergen landschaftlich schön gelegen, nahm schon seit Entdeckung der dortigen Goldfelder einen gewaltigen Aufschwung, der sich durch die neueste werthvoüe Entdeckung nur noch vergrößern kann. Welch' ein Unterschied zwischen dem klimatisch angenehmen Boersfreistaat und dem unwirthlichen amerikanischen Klondhke, wo man bei eisiger Kälte, bei Mangel an jeglicher Verpflegung der Erde das Gold abringen muß. Die Gewinnung des Diamanten ist weniger beschwerlich als die des Goldes. Er befindet sich unter eisenhaltigen Mineralien, meist in einem älteren Alluvium, das sind Ablagerungen aus Waffermassen oder Flüssen, die noch durch keine festere Gesteinbildung überdeckt wurden. Die ersten Diamanten kamen von Ostindien nach Europa, und bis zu Anfang des vorigen Jahrhunderts waren Ostindien und Borneo die einzigen Fundorte des Diamanten. Im Jahre 1727 entdeckte man in Brasilien große Diamantenfelder, bis im Jahre 1869 Afrika den Haupthandel in Diamanten an sich riß. Im genannten Jahre entdeckte man nämlich zwischen dem Orange- Freistaat (Bouren) und West-Griqualand im südöstlichen Afrika Diamantenlager, die an der Reichhaltigkeit alle anderen überflügelten. Griqualand hat daher von 1870 bis 1880 mehr Diamanten geliefert als Brasilien während 150 Jahren.
Seitdem der große französische Chemiker Lavoister, de« die Franzosen im Jahre 1794, kaum fünfzig Jahre alt, guillotinirten, blos weil er einmal Pächter der staatlichen Pulverfabriken gewesen, die sür die damalige Zeit großartige Entdeckung machte, daß der Diamant weiter nichts sei als krystallisirte Kohle, hat man natürlich unzählige Versuche angestellt, den Diamant künstlich darzustellen.
Die Kohle oder genauer der Kohlenstoff kommt in der Natur im freien Zustande vor und zwar als Diamant, Graphit und als amorpher Kohlenstoff. Unsere Kohle ist amorpher Kohlenstoff, verunreinigt durch organische Substanzen. Graphit ist das bleigraue, weiße Metall, welches die Masse zu unseren Bleifedern liefert. Das den Diamanten führende Alluvium ist durch Zertrümmerung älterer Gebirge entstanden. Man nimmt an, daß der Blitz, also die Electricität, bei der Zerstörung der Gebirge und bei der Bildung der Diamanten geholfen habe, weil man an jenen Orten, wo die meisten Diamanten gefunden wurden, die sogenannten Blitzröhren entdeckte, das heißt jene eigenthüm- lichen röhrensörmigen Vertiefungen, welche der einschlagende Blitz zu bilden pflegt. Dieser Umstand veranlaßte manchen Gelehrten mit Hilfe der Electricität den Kohlenstoff zum Schmelzen zu bringen. So ließ auch ein französischer Chemiker wochenlang einen starken clectrischen Strom auf Kohlenstoff einwirken und das Ergebniß war Graphit.
Vor etwa fünf Jahren hat der Pariser Chemiker Moissou versucht. Diamant aus Zucker darznstellen, der ja bekanntlich aus Kohlenstoff und den Elementen des Wassers besteht. Der Tiegel, in welchem sich Zucker und Eisen befanden, wurde in einem clectrischen Flammenosen einer Gluth von ungefähr dreitausend Grad Celsius, die höchste erreichbare Hitze, ausgesetzt und dann plötzlich in kaltes Wasser gesetzt. So erzielte Moissou eine schnelle Abkühlung, daß die äußere Schicht der geschmolzenen Masse erstarrte, während die innere flüssig blieb, die sich langsam abkühlte. Moissou vermuthete, daß so ein ganz gewaltiger Druck erzeugt würde, der unerläßlich zur Diamantenbildung sei. Nach Zertrümmerung der Massen fanden sich in der That Diamanten vor, aber so winzige Crystalle, daß die


