Ausgabe 
10.2.1898
 
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ei ist doch ganz natürlich, daß ich Dir jetzt, wo ich m der Lage bin, mit Dank daS Vorgestreckte zurückgebe./

Aber der Andere hörte gar nicht auf ihn. Sich mit der nerböfen Empfindlichkeit feines krankhaften Mißtrauens immer mehr in seine falsche Voraussetzung verbeißend, stieß er unter bitterem Auflachen hervor:

Natürlich von so einem, wie ich bin, nimmt man kein Geld. Ich verstehe Dich, wenn Du es auch nicht offen aussprichst. Aber ich brauche Dein Geld nicht, ich will's nicht. Wenn Dir's in der Tasche brennt, dann wirf's doch weg, oder gieb's dem ersten, besten Bettler, der Dir aus der Straße begegnet. Mir aber komm' nicht damit, ich will nichts davon wissen."

Und um sich jeder weiteren Auseinandersetzung zu ent­ziehen, eilte er in das Nebenzimmer und schloß hinter sich ab. Vergebens war es, daß Otto klopfte und beschwichtigende Worte durch die Thür ries, der Erbitterte, der überall Mißtrauen und Geringschätzung um sich sah, öffnete nicht. Und so blieb dem Anderen nichts übrig, als vorläufig un­verrichteter Sache davon zu gehen. Freilich, sein Wunsch, dem Bruder in irgend einer Weise zu helfen, war jetzt nur noch stärker in ihm als zuvor. Da er sich nicht anders zu helfen wußte, rief er die Vermittelung des Vaters an, der, wie er wußte, den größten Einfluß von Allen auf Carl besaß. . r

Der alte Köster war so wie so mit seinem ältesten Sohne unzufrieden. Carls kopfhängerisches, scheues Wesen gefiel ihm ganz und gar nicht. Es war schon länger als einen Monat her, daß Carl sich nicht mehr hatte blicken lassen. Und während er sonst immer, wenn man sich eine Woche lang nicht gesehen hatte, gleich eine Postkarte ge­schrieben hatte, schien er sich jetzt um seine Verwandten gar nicht mehr kümmern zu wollen.

Seid doch froh, wenn ich Euch nicht belästige," gab Carl kurz angebunden zur Antwort, als ihn der Vater nun eines Abends besuchte und ihm Vorwürse machte.

Belästigen?" fuhr der Alte verletzt auf.Haben wir Dir gezeigt, daß uns Dein und Deiner Frau Besuch be­lästigt? Und wenn Du Brummbär Dir nichts aus unserer Gesellschaft machst, Du hast Pflichten gegen Deine Frau, verstehst Du mich! Sieh Dir einmal ihr blasses Gesicht an! Kein Wunder, wenn Du sie wie eine Gefangene hältst. Helene braucht Umgang, Zerstreuung."

Carl ließ sein kurzes, bitteres Auflachen hören, das ihm mehr und mehr zur Gewohnheit wurde.

Auf dem Gesundbrunnen wird sie auch 'ne rechte Zerstreuung finden!"

Auf dem Gesundbrunnen? Ja, warum denn auf dem Gesundbrunnen nicht?"

In Carls Mienen zuckte es seltsam. Es war wie ein Wetterleuchten, das ein anrückendes Gewitter anzeigt. Plötzlich kehrte er sich mit einer trotzigen Geberde ab.

Ach, laß mich doch mit Deinem Gesundbrunnen zu­frieden!" brauste er auf.Mir ist die ganze Gegend zum Ekel. Eine kleinliche, klatschsüchtige, elende Sippschaft, die da wohnt!"

Wäre der alte Köster ein befferer Menschenkenner ge­wesen, hätte er das, was in der Seele seines unglücklichen Sohnes vorging, besser zu würdigen verstanden, er würde mit Milde auf das Gemüth des Aufgeregten zu wirken versucht haben. So aber erzürnte ihn die für ihn unver­ständliche Heftigkeit des Sohnes und sein Zorn entzündete sich an dem des Anderen.

Du bist ein alter Grobian . . . bist Du," rief er ärgerlich.Bei uns sind die Leute nicht schlechter als anderswo. Klatschweiber giebts überall. Wer ein gutes Gewissen hat, der kümmert sich nicht um ihr Geschwätz. Freilich, wenn Du Dich versteckst und verkriechst und gegen die Leute unzugänglich und bei der geringsten Gelegenheit grob bist, dann . >

Dann? Na, was dann? Sprich's doch aus!"

Dann forderst Du ja das Gerede heraus, dann machst Du einen wahrhaftig selbst noch stutzig."

Stutzig?" brach Carl, nicht mehr im Stande, sich zu beherrschen, los,sag's doch lieber gleich, daß Du mich im Grunde Deines Herzens auch für den Spitzbuben hältst, wenn mich auch der Richter freigesprochen hat. Ihr Alle haltet mich ja dafür, Otto und Du und . . ."

Aber," vertheidigte sich der Alte erschrocken,das fällt mir ja gar nicht ein. Hab' ich denn das gesagt? Ich meinte nur . . . überhaupt, warum fängst Du denn davon an?"

In Carl drängte das, was er feit Wochen und Monaten in sich hineingeschluckt hatte, einmal zum offenen Ausbruch.

Denkt Ihr, ich merke es nicht," rief er, unfähig sich zu mäßigen und ohne aus den Einwurf des Vaters zu achten, wenn Jhr's auch nicht offen sagt, in jeder Miene laßt Jhr's mich fühlen. Ich will Ottos Almosen nicht, ich will Euer Mitleid nicht. Ich brauche Euch nicht, ich werde schon allein fertig. Ich verlange ja von Euch nichts, als daß Ihr mich in Ruhe laßt".

Auch der alte Köster war nicht von der sanftesten Gemüthsart, auch in ihm fing der Zorn an überzukochen. Daß Carl so hartnäckig Ottos Geld und seine gutgemeinten Ermahnungen zurückwies, erbitterte ihn über die Maßen. Zornig, mit der Faust auf den Tisch schlagend, schrie er zurück: r L _

Zum Donnerwetter, soll das etwa heißen, daß Du Deinem Vater den Stuhl vor die Thür setzest?^

Das soll heißen, daß ich mich nicht beleidigen lasse. Stutzig? Zum Henker auch, ich lasse mich nicht in meiner Wohnung verdächtigen."

In diesem Augenblick trat Frau Helene ein, die eben von einem Ausgang heimgekehrt war und die schon vor der Thür die streitenden Stimmen gehört hatte. UeberdieS sprach die Situation, in der sie die beiden Männer fand, deutlich genug. Der alte Köster stand mitten im Zimmer, sein Gesicht war dunkelroth, seine Augen blitzten zornig zu dem Sohn hinüber. Carl saß am Tisch, hatte beide Ellen­bogen ausgestemmt und sah finster vor sich hin. Helene trat an dem Trotzigen herang, umschlang seine Schulter mit einem Arm und flüsterte ihm ein paar begütigende Worte ins Ohr. Er aber schob sie unsanft von sich.

Laß' mich!" herrschte er sie an.

Die Frau drehte sich mit einem Seufzer nach ihrem Schwiegervater herum und winkte ihm beschwichtigend zu.

Ich gehe schon," sagte der alte Mann tief gekränkt und schritt zur Thür.Ich gehe schon, mit dem ist ja doch nicht zu reden."

Als er draußen auf der Straße war und noch einmal im Geiste das eben Erlebte durchging, schüttelte er tut Stillen den Kopf über Carls Empfindlichkeit und Heftigkeit und die Frage stieg in ihm auf:Hat er nöthig, sich so ganz kopflos und unvernünftig zu geberden, wenn er sein Gewissen rein weiß?"

Zum ersten Mal keimte der Zweifel in feiner Seele: Hätte er es am Ende doch gethan?"

XIX.

Warum besucht uns der Herr Köster garnicht mehr?" fragte Constanze Göring ihren Vater.

Der Kammergerichtsrath zuckte mit den Achseln.

Ich weiß nicht, Kind " ,

Nach einer kurzen Pause fügte er ledoch hinzu:Fret- lich, denken kann ich mir's ja . . . Es geschieht sicherlich aus Zartgefühl, er befürchtet, daß uns sein Besuch nicht mehr angenehm ist."

Das junge Mädchen heftete ihre Augen in grenzen­losem Staunen auf ihren Vater.

Ich begreife Dich nicht, Papa. Warum sollte Herr- Köster zu einer so unbegründeten Befürchtung kommen?"