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ich sah es gern, wenn sie sich von Ihnen begleiten ließ, ich ; gönne Ihnen! die Zerstreuungen in Theater und Concerten j — ja, Sie wissen nicht, welch ein gutes Herz ich habe. Wenn Sie sich erst näher davon überzeugt haben werden, dann!" Er schlürfte sehr langsam den Rest seines Kaffees und hielt ihr die Tasse hin, damit sie dieselbe noch einmal fülle. Seine kalten Finger streiften die ihrigen, ohne daß sie es hindern konnte. „Nämlich, kürzlich finde ich, daß meine gute Ebba Sie ein wenig vernachlässigt. „Was? Seien Sie doch nicht so eigensinnig, das ableugnen zu wollen — obwohl ich zugeben muß, daß diese Miene Sie vortrefflich kleidet. Nun, ich bin bereit, Sie zu entschädigen! Wie ich das meine, fragen Ihre schönen Augen? Es giebt sehr- nette, vertrauliche, kleine Theaterlogen —"
„Fräulein von Arabin — die Kinder möchten hinaufgehen!" erklang Ebbas Stimme — Jacqueline konnte vortreten, um die beiden Mädchen zu empfangen, die sich mit erleichterten Mienen zu ihr gesellten.
Sie war so einer Antwort an den Hausherrn überhoben, aber auch zugleich der Möglichkeit einer Zurückweisung. Sie sah eben noch, daß Frau Lund durch den Diener eine Karte überreicht wurde und daß dieselbe nickend auf die Thür des Nebenzimmers deutete.
Jacquelinens Hände zitterten, als sie hinausschritt- sie war noch blasser als sonst.
„Du bist kalt," sagte Henny und legte die schlanke Hand gegen ihre dünne Wange, als sollte ihr da Lebenswärme wiederkehren.
„Ein fremder Herr!" flüsterte Lonnh, sich im Hinaufsteigen über das Treppengeländer beugend. „Kein Onkel!''
Line blickte auch hinab. Der, welcher über den seeblauen Teppich der Vorflur schritt, vor dem sich eben die Thür von Frau Ebbas Schreibzimmre öffnete — war Doctor Bruno Hallsberg.
Er sah sie nicht — aber ihr n chm der Anblick den Athem. Der auch — der war auch einer von Denen, die e§ zu ihrem Spott machten, ein alleinstehendes, wehrloses Mädchen zu beleidigen. Und von dem hatte es sie mehr geschmerzt, viel mehr als vorhin — Sie sank auf die oberste Stufe der Treppe, sie konnte nicht weiter, ihre Füße versagten ihr den Dienst — dann schlug sie beide Hände vors Gesicht — ein Gefühl der Scham kam über sie, zugleich mit der Erkenntniß: von dem hatte es sie geschmerzt, weil sie wußte, dem würde sie sehr gut sein können.
„Nicht weinen, bitte nicht," klang ein dünnes Stimmchen an ihr Ohr, „es thut Lonnh so leid — ach, bitte, nicht weinen!"
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Ebba trat zu gleicher Zeit durch die andere Thür mit Doctor Hallsberg in das Schreibzimmer — sie blieb eine Sekunde lang, gerade aufgerichtet stehen. Wie alle kleinen Personen trug sie den Kopf hoch, das gab ihr etwas Stolzes, vereint mit dem kühlen Ausdruck der großen, blauen Augen.
Der Arzt verbeugte sich stumm, dann machte sie ein paar Schritte auf ihn zu und sagte mit ihrer klaren Stimme: „Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind!"
„Bitte, gnädige Fran — ich bin ja Arzt."
„Und weisen mich mit dieser Antwort in das große Publikum zurück, nun, das ist ja ihr Recht." Dann senkte sie die Lider mit den langen Wimpern, — er sah den Reiz, welchen dieser Schatten ihrem kindlichen Gesicht verlieh. „Aber bitte," — sie deutete auf den Sitz gegenüber, indem sie selber sich in einen Polsterstuhl gleiten ließ.
„Ich — war in der Klinik — nach dem Kinde zu fragen, zum ersten Male in meinem Leben in solch' einem Hause, und ich graute mich — der Gedanke an all das Stöhnen und Seufzen, das darin erklungen, dieser furchtbare Carbolgeruch, der mir auf die Nerven fiel, ich mußte an blanke Messer, an zuckende Körper denken — „Ah," sie schüttelte sich, sichtlich noch in Erinnerung an diesen Eindruck. „Und
dann erfuhr ich, baß Sie nicht der behandelnde Arzt dort waren, Sie hatten nur das Kind übergeben."
In die kleine Pause, die sie machte, klang keine Gegenäußerung.
„Und endlich — was ich auch wissen wollte — war Ihr Name, den Sie mir so eigensinnig vorenthielten —"
Bei diesen Worten sah sie ihn voll an, und Alles, was sie unterlassen, auszusprechen, konnte er nun lesen: „Siehst Du, hart warst Du gegen mich und hieltest mich sür die reiche, herzlose Frau — siehst Du, wie sehr Du mir Unrecht thatest?
„Sehr viel Zeitopfer — meine Gnädige, und endlich eine ganz unwichtige Namensfeststellung."
Ein rother Schein huschte über ihr Gesicht. „Nun, wenn Sie absolut ironisch sein wollen, muß ich auch das hinnehmen —"
„Verzeihen Sie," sagte er mit leichtem Schuldbewnßtsein, „ich werde es nicht wieder vergessen, daß ich unter Ihrem Dache bin."
„O nein, ich glaube, ich habe cs verdient, daß Sie mich behandelten, wie es neulich geschah — so einfach: herrisch, grob —"
„Verzeihen Sie nochmals, das war im Drang der Umstände — da ist auch uns die militärische Kürze geboten, das brutal Befehlende nothwendig, von jeder Secunde Verzug kann die Rettung eines Menschenlebens abhängen —" Er sagte es weich und formvoll.
Sie spreizte die fünf Finger der Linken gegen ihn, als wollte sie abwehren.
„Und ich begreife auch, daß Sie mich — nicht ernsthaft nehmen, selbst in diesem Augenblick nicht. Vertheidigen kann ich mich nicht. Ich habe meine Almosen gegeben — reichlich, wie die Anderen auch — um die Empfänger habe ich mich nicht gekümmert — ich lasse meine Kinder umsorgen und denke nicht an die, welche unbeschützt sind."
Sie hatte einen so weißen, biegsamen Hals, die blonden Haare kräuselten sich unter dem Flechtenansatz zu kleinen willkürlichen Löckchen, und ein zarter, blonder Flaum setzte unter diesen an — gewiß bedeckte er kaum sichtbar den Nacken tief hinab — jetzt hing der sonst so stolz getragene kleine Kopf ein wenig gebeugt. Es war reizend, wie sie sich anklagte — wirklich reizend!
„Meine gnädige Frau, ich habe durchaus nicht die Befugnisse eines Richters —"
Die Spitze ihres Fußes kam unter dem Kleidersaum hervor und bohrte sich tief in den weichen Teppich ein.
„Aber — Aerzte sind Beichtväter — so müssen Sie mich hören."
Und freilich, gut zuzuhören war ihr — so gewandt, so zwitschernd mit der süßen Stimme wie ein Vöglein — und nun konnte er für eine kleine Weile den zierlichen Lackschuh sehen — mein Gott, er war doch kein Barbar — grob, einfach grob sollte er gegen sie gewesen sein? Ein ieiser Duft umströmte ihn, wie traulich war es in diesem Raum mit den vielen schimmernden Dingen — zahlreiche nutzlose Sächelchen standen da drüben ans ihrem Schreibtisch, sie behielt eben nur Platz auf demselben, um irgend ein kleines Mllet hinzukritzeln — was hatte sie denn auch jemals mehr zu schreiben? Da war ebenfalls daö Briefchen an ihn entstanden, mit der Bitte zu kommen.
„Sehen Sie, Herr Doctor, als Sie neulich mit dem armen Burschen in'meinen Wagen stiegen, da hielt ich das sür aufdringlich und war sehr zornig aus Sie. Es war das erste Mal, daß ich so mit Armuth und Unglück in enge Berührung kam, ich fürchtete mich vor den in den plumpen Schuhen steckenden Füßen, die meine Kniee berührten, und ich haßte Sie, als Sie mich zwangen, hilfreiche Hand anzulegen und —," sehr leise, als versagte ihr fast der Athem, kam das nach: „ich wagte doch nicht — ungehorsam zu sein. Und darüber habe ich nachdenken müssen, als ich heimfuhr


