Felsgarten.
Roman von Clara Bück er.
(Fortsetzung.)
Ein stiller Winter folgte diesem Herbst, erst das verheißungsvolle Frühlingswetter fand Herrn Wulstens alte Frische und der Mama schönes Gesicht aufgeheitert wieder.
Sophie verließ eben eine der Giebelstuben, die einen weiten Umblick gestattete und von wo sie erspäht hatte, was denn die Jungen wieder trieben, denn es war Sonnabend und Franzing war am Mittag nach Hause gekommen. Insgeheim öffnete sie da oben auch gern die Lade, in der einige Mädchenkleider von Frau Wulffen lagen, deren Zierlichkeit Sophies Sehnsucht und Stolz ausmachten.
Gerade als sie ihre süße Andacht oben beendet hatte und die knarrende Treppe wieder hinunterstieg, hörte sie Herrn und Frau Wulffen kommen. Sie lachten wie die Kinder, daß Sophie eilte, ihnen die Sachen abzunehmen, wobei die Hausfrau sagte: „Ernestine soll Kartoffeln zum Abendbrod kochen, unser Herr will die neuen Heringe probiren, Sophie."
Die lief, hatte jedoch noch nicht das Heringsfäßchen in der Vorralhskammer erreicht, als sie von dem Mädchen angerufen wurde: „Ich glaube, die Frau hat geschrieen."
Mehr neugierig als erschrocken, eilte Sophie in die Zimmer. Dort lag ihr Herr auf dem Fußboden und die Frau kniete neben ihm, hatte seinen Kopf in den Armen und sprach zitternde Worte zu dem Bewußtlosen.
Sie brachte ihn ins Bett, der Arzt wurde geholt, doch diesmal vermochte er ihm nicht zu helfen. Drei Tage durste Frau Luise ihn noch Pflegen- am zweiten schlug er die Augen auf und sah sie so treu und bieder an, wie er sein Lebtag gewesen war. „Lieber Schatz!" murmelte er.
Lächelnd neigte sie sich zu ihm, der mit unbeholfenen Fingern den Trauring abdrehte. „Da — vorbei — so lieb gehabt!"
Nr. 102.
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»frieden sein ist große Kunst,
4 Zufrieden scheinen großer Dunst, Zufrieden'werden großes Glück- Zufrieden bleiben Meisterstück.
„Aber Franz, welche Thorheit! Du wirst ja gesund, der Doctor bat es mir ja bestimmt versprochen, gerade diesmal ist cs nicht so schlimm!" Sie schluckte ihre Thränen herunter. „Uns trennt doch nichts, nie und nimmermehr — Du weißt, „ewig" haben wir gesagt!"
Sie schob den Ring an seine alte Stelle, während er stöhnte und schluchzte vor Glück.
„Du mußt Dich nun ruhig halten, Herzensmann! Ich wache ja, damit Dich nichts stört. Oder willst Du die Jungen einmal sehen?"
„Nein — keine solche Erinnerung für sie, Luise!"
Er schloß die Augen, um sie nicht wieder zu öffnen - die ganze Nacht dauerte sein schwerer Kampf, erst am nächsten Mittag hatte er ausgelitten.
Weinend kniete die verstörte Frau neben ihm, den Arm inbrünstig um ihres Mannes Nacken geschlungen. Da trat Onkel Wulffen mit den beiden Knaben ein.
Heinrich fuhr zusammen. Mit ganzer Seele hatte er sür des Vaters Leben gebetet — dies Gräßliche dort war Gottes Antwort darauf?
Er weinte trostlos wie Franz.
Frau Wulffen schreckte empor.
Die Kinder, richtig, die Kinder! Wie hatte sie denken können, daß ihr eigenes Leben mitgehen könne, nun sie sür seine Kinder erst recht einstehen mußte!
Mühsam erhob sie sich. Wulffen bot ihr die Hand. Sie reichte die ihrige und nickte ihm starren Blickes zu. Dann faßte sie in jeden Arm einen der Söhne.
„Betet! Der Vater ist zu Gott eingegangen."
„Gott?" Heinrich schluchzte laut.
„Still, mein Junge. Gott wird schon wissen, warum er uns das that," murmelte die Mutter, aber ihre Blicke gingen selbst ins Leere mit der ungestillten Frage: Warum?
Onkel Wulffen führte sie ins Nebenzimmer.
„Sei ruhig, Luise, überlaß mir Alles. Hinterher kommt Ihr mit nach Hohenried."
Sie schüttelte müde den Kopf.
„Franz und Heine haben die Schule nöthig."
„Ein paar Wochen Pause werden ihnen nicht schaden, oder denkst Du, ich will sie zu Knechten haben? Deine Jungen sind mir wie eigene, ihre Zukunft soll meine Sorge sein. Recht so?"
Frau Wulffen nickte nur, während der Sprecher fort- suhr: „Das Beste ist, Du ziehst mit den Beiden in die Stadt, bis sie sich durch die Schuljahre gemausert haben. Hierher setzen wir einen Verwalter, Körber zum Beispiel,


