Ausgabe 
5.7.1898
 
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dem ich schon auf die Finger passen will weine doch nicht so, Luise. Ich meine das ja gut, und die Scheven besorgt Dir Alles, damit Du zur Ruhe kommst. Hört, Kinder, was Ihr in dieser Stunde von mir verlangt, soll gelten: Franzing, was willst Du werden?"

Offizier," sagte der schnell, und sein Augen blitzten.

Du wirst Offizier, aber ein ganzer, das rathe ich Dir. Kein Groschendreher, doch auch kein Geldverthuer, sondern eine Ehre für den da drin wie für Deine Mutter. Abgemacht?"

Abgemacht, Onkel."

Und Du, Kleiner, wie wird das mit Dir?" fragte Wulffen seinen zweiten Neffen.

Der dachte an Felsgarten und daß er hier nicht leben könne, wenn er nichts mehr zu suchen hätte.

Landwirth will ich werden wie Papa und Du," sagte er fest und herbe.

Wulffen sah erstaunt auf.

Guck Einer den Bengel an! Gewiß sollst Du das, mein Jung'. Dann weiß ich doch, daß mein Fleck Erde einmal in die richtigen Hände kommt,- Donnerschock Luise, wenn er jetzt nicht drin läge, wäre das heute mein glück­lichster Tag, so lange ich lebe. Komm noch mal zu ihm"

Er bot ihr die Hand und ging mit ihr- recht wie ein Bär tappte er neben der königlichen, stillen Frau. Beide sahen mit wehem Blick in das Todtengesicht, auf dem die letzte Pein einem tiefen Frieden gewichen war.

Beklommen schlichen die beiden Knaben hinaus.

Hast Du gehört, Heine? Wir ziehen in die Stadt," sprach Franz hastig.

Na ja," antwortete Heinrich kurz.

O, für Mama ist es das Beste, Du hast es eben auch vom Onkel gehört. Die Stadtfrauen werden schon vor ihr knixen, paß auf!"

Das wird Dir ja die Hauptsache sein. Schämst Du Dich denn nicht, hier Alles aufzugeben?"

Halt den Mund!" schrie Franz und die Prügelei war im Gange.

Sophie trennte sie. Sie zog den Aeltesten zum Näh­tisch, seinen zerrissenen Kragen anzunähen, während Heinrich in den Garten rannte.

Wie durfte sich Franz auf die Stadt freuen! Und hier hatten sie ihr Stück Erde, das etwas Heiliges war!

Zuversichtlicher übersah er die noch knospenden Bäume, blickte er den eilenden Wolken nach, horchte er auf das Säuseln um sich her, bis die linde Mutter Natur sein weiches Kinderherz so mit Hoffnung gesättigt hatte, daß er ehrfürchtig die Hände faltete und laut vor sich hin betete:

Wie groß ist des Allmächtigen Güte, Ist der ein Mensch, den sie nicht rührt? Der mit verhärtetem Gemüthe Den Dank erstickt, der Ihm gebührt!"

Geradeaus und weiter schritt der jugendliche Beter, sich das Bild seiner Heimath so recht ins Herz zu drücken. Bor der Sphinx hielt er inne.

Ich komme doch immer wieder, das kannst du mir glauben."

Und sein Blick flog über die Baumkronen hinweg, bis das Wehen, Säuseln und Raunen des Windes denn ein anderer Laut war jetzt nicht in der Natur sein Ohr gefangen nahm. Ihm war, als weite der Rasenplatz sich vor seinen Augen, daß alle Linien unsicher wurden,- im Gehör erhob sich ihm dagegen ein machtvolles, weiches Ton­gefüge, ein harmonisches Jauchzen in herrlicher Klangfülle, bis milde, herzrührende Accorde einen ernsten, erhabenen Schluß bildeten.

Nun brach der Träumer in Thränen heißer Sehn­sucht aus.

Wenige Tage später hielt die große Landkutsche Onkel Wulffens vor dem Hause, er selbst führte die Mama am Arm hinaus und sorgte für ihren bequemen Sitz.

Ihr Jungens setzt Euch zu Carl, bei dem oben könnt Ihr mehr umschauen, Mutter, braucht Ruhe und hat an Sophie genug. Erhole Dich in Hohenried, Luise, bis ich hier Alles geordnet habe," schloß er seine Rede zur Schwägerin, die so still dort saß, daß es den Bären packte.

Schnell schob er Sophie in den Wagen und schloff den Schlag.

Fahr, zu, Carl!" Und Carl fuhr zu.

IV.

Das war also die Stadt! So wohl bekannt war sie ihnen geworden all die Jahre hindurch, da sie täglich hierher gekommen waren, und nun, wo sie ständig innerhalb ihrer Mauern sich aufhielten, war sie ihnen so schwer verständlich und erträglich.

Erdrückten denn die tölpelhaften Steinbauten nicht alle Lust und alles Frohsein? Haus an Haus, Fenster an Fenster, Straße auf auf, Straße ab Winkel, Enge und Schwüle. Und die so nahgerücktn Menschen entzündeten nicht etwa einander zu großen Gefühlen, heiligem Thun, gewaltigem Ringen, sondern glichen ihren Steinen auf ein Haar: Sie nahmen sich ebenfalls die Luft und das Frohsein, ihr Beieinander erzeugte Niedrigkeit, die sie unter einem allgemeinen Anstand verbargen, welche wie ihre Gassen und Straßen wirkte.

Heinrich verkroch sich bei diesen Eindrücken in sein innerstes Wesen und war durch keine der liebevollen Alltäglich­keiten seiner Mutter wieder hervorzulocken. Sie, seine Gute, war ja auch freundlich zu all den Heuchlern, freundlicher als zu ihm, der so innig an ihr hing. Ja, sie log, um den Besuchern den kleinen Verdruß der Wahrheit zu er­sparen, denn es konnte doch Niemand verlangen, mit seinem albernen Gewäsch, das er, Heinrich, schon längst auswendig kannte, vor die Mama gelassen zu werden, die vor des Vaters Bild sich eben halb tobt geweint und die Hände gerungen hatte.

Warum sagte man nicht, die Frau trauert drinnen vor des tobten Herrn Bild warum hätten die Besucher dann nicht betroffen oder nachdenklich leise gehen können warum? Mußte die höflliche Sitte sie glauben machen, sie gälten der Mama mehr, als der Vater?

Ach, daß er nichts mehr von dem Wust zu sehen brauchte!

Dann, endlich nach Jahresfrist, hatten sie es durch­gesetzt, daß Frau Luise die Aufmersamkeiten erwiderte, daß sie ebenfalls Besuche machte. Sie that es zwar nur in Familien, deren Söhne den ihrigen eine Anknüpfung er­möglichten, sie ging auch nur in Begleitung ihrer Kinder, doch was Heinrich dabei zu beobachten hatte, verstieß mehr als alles Bisherige gegen seine Anschauungen. Er schützte beim nächsten Mal seine Arbeiten vor, dann sagte er direct, er könne sich nicht zu den Besuchen überwinden, worauf Frau Luise seufzend den ungelenken Jungen zu Hause ließ. Wie schwer war das Leben, seitdem es allein auf ihren Schultern lag!

Höchstens Franz half ihr tragen mit seiner leichtherzigen, sieghaften Art. Die Menschen? Bah, man muß sie nur zu nehmen wissen. Mit diesem Grundsatz waren die Meisten einverstanden, seine Beziehungen wuchsen immer mehr und Sophie strahlte, wenn die Glocke wie die Frage nach Franz immer häufiger ging.

Freilich, die kleinen Gelage, die er hier und da bereits mitmachte, schienen ihm nicht immer gut zu bekommen, weshalb es Sitte wurde, einen Hering oder sonst einen Ermunterungsimbiß in seinem Zimmer bereit zu stellen, sobald er ausgebeten war. Des Morgens hatte dann Sophie nichts Eiligeres zu thun, als mit heißem, starken Kaffee zu ihm zu schleichen, nach welcher Stärkung er sich behaglich in den Kissen dehnte und hinter der Alten im geblümten Wattrock herlachte, wie sie, das faltige Gesicht noch von