Ausgabe 
5.5.1898
 
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qiebtS kein Halten mehr, der Blumenstock muß mein lern, mein um jeden Preis. Mir dieser Nelken-Leidenschaft kann man was erleben. Mit Kind und Kegel, Frau, Dienstboten und meinen Hunden sommerfrischelte ich, vor einigen Jahren in der weinberühmten Klause bei Kufstein. Eines Tages ward der Tatzelwurm, jenes Bergwirthshaus am südlichen Ausläufer des Wendelstein, wo Ludwig Steub, Völk und Scheffel einsam fröhlich zu poculiren pflegten, besuch! und mancher Schoppen zum Gedächtniß dieses unsterblichen Trium­virats geleert. Auf dem Heimwege entdeckte ich an einem abseits gelegenen Bauernhause bei Oberaudorf einen Stock herrlich blühender gelber Hängenelken, und Weib und Kinder waren vergessen: ein Feilschen begann, wie es auf dem Münchener Victualienmarkt nicht intensiver inscenirt werden kann. Sechs Reichsmark bot ich, die pfiffige Bäuerin forderte das Doppelte und log, daß ihr ohnehin fünfzehn Mark von einer Sommerfrischpartie geboten worden sei. Verzweiflung packt mich, die gelben Nelken sind zu schön, aber fünf­zehn Mark ist zu viel. Als Cavallerist weiß ich, daß beim Pferdehandel alles erlaubt ist, so lange der Käufer nichts merkt,- die Nutzanwendung auf einen Nelkenhandel liegt nahe. Blitzähnlich fiel mir das Viehgewährleistungsgesetz und bie Reblaus ein, und nun ward der Nelkenbäuerin zugesetzt, daß ihr Hören und Sehen verging. Der Nelkenstock wurde untersucht und das Ergebniß lautete zur völligen Verblüffung der Bäuerin: 1. hat der Stock Würmer, 2. ist er von der Reblaus behaftet und 3. muß die Verkäuferin nach § 120 des Viehgewährleistungsgesetzes für jeden Schaden aufkommen, was annähernd zwanzig Mark Rückvergütung betragen kann, falls die Würmer und Reblaus Unheil stiften.

DieReblaus" wirkte Wunder: ich erhielt den Nelken­stock für acht Mark, und im Trab sprang ich über Kiefers­felden zur Grenze. Am österreichischen Zollamt gebot mir der Finanzwachaufseher so wildfremd und rauhHalt!", als hätte ich den Grünen noch niemals mit Cigarren regalirt. Meine Frau war einer Ohnmacht nahe, schreckensbleich standen meine beiden Kinder, unheildrohend stellte sich mein Bernhardinerhund vor dem Zöllner auf und der Dackel machte Anstalten, des Aufsehers ärarische Beinkleider des Näheren auf ihre Haltbarkeit zu untersuchen. Da ich den Blumentopf halten mußte, konnte ich den Fanghund nicht -urückreißen eine heillose Situation. Gottlob gehorchte °Leo" auf den Pfiff, doch blieb der Hund angriffsbereit. "Was wollen S' denn um Himmelswillen? Wir haben nichts Steuerbares! Kennen S' mich denn nimmer? Ich wohne in der Klause rc.!"

Alles recht! Aber mit dem Blumentopf dürfen S nicht über die Grenze!"

Wegen derReblaus!" schnarrte der Oesterreicher. Waaas?!"

->ch war fassungslos. Daß die Nemesis mich so schnell ereilen sollte, daraus war ich nicht vorbereitet. Alles Reden war vergeblich. Die gelben Hängenelken bayerischer Abkunft mußten zurückbleiben. Der Oesterreicher belehrte mich in meiner zollgesetzlichen Unerfahrenheit, daß das k. oster rcichische Nebenzollamt nicht competent sei, die Einfuhr von Pflanzen mit Wurzeln im Landwege zu gestatten.Aber, so erklärte der freundliche Zöllner,wenn Sie mit der Bahn nach Kufstein fahren und von dort zu Fuß in die Klause gehen, können Sie die Nelken anstandslos mitnehmen!"

Ich brüllte vor Vergnügen und glaube, es haben selbst meine Hunde mitgelacht. Doch der Oesterreicher ließ sich nicht irre machen, und der bayerische Zollverwalter bestätigte dessen Behauptung mit dem Hinweise, daß eben blos die Hauptzollämter die Pflanzeneinfuhr gestatten können. Kufstein sei Hauptzollstation, und da Ziernelken kaum von Rebläusen inficirt sind, dürste mir gestattet werden, meinen Nelkenstock über die Grenze zu bringen.

Sofort fragte ich, ob ich denn auf der bevorstehenden Heimreise den gleichen, aus Bayern stammenden Blumenstock nach München mitnehmen dürfe?

Wenn Sie in Kufstein die Bahn benutzen, ja! Hier dürfen Sie nicht über die bayerische Grenze, denn wir sind nicht competent dazu!"

Wir unterdrückten einen weiteren Lachanfall, um uns keine Beamtenbeleidigung zuzuziehcn. Meine Familie über­schritt die Grenze und war in fünf Minuten in der Klause­ich aber trollte, den Blumentopf sorgsam tragend, zum Bahnhof in Kiefersfeldern, wartete dort zwei Stunden und fuhr mit meinem Pflanzenkleinod die vier Kilometer lange Strecke nach Kufstein.

Kein Mensch kümmerte sich an der Douane um mich und meine Nelken, anstandslos konnte ich passiren, unv im Triumph schleppte ich den Blumentopf die Halbstunde Weges hinaus zur Klause an der Grenze.

Mit Burgunder feierten wir Abends das Ereigniß, und alles lachte vergnügt, selbst die zum Dämmerschoppen er­schienenen Zöllner schmunzelten mit Auf das Wohl der Reblaus wurde getrunken, ja ein ahnungsvoller Bahnbeamter wollte ein Prosit auf die mit der Reblaus verwandte Perron­sperre ausbringen, was aber damals als unmöglich abgelehnt wurde. Heute wissen wir, daß eine solche Verwandtschaft thatsächlich existirt . . .

Wenige Tage darauf erfolgte die Abreise nach München recte zuerst gesetzmäßig nach Kufstein. 10 Kolli Gepäcks fünf Personen, zwei Hunde, drei Hutschachteln und vier Töpfe Hängenelkcn, ein hübscher Auszug, der allenthalben Aufsehen erregte. Ich und das Dienstmädchen schleppten die Nelken­stöcke und schwitzten pro patria.

Dank der liebenswürdigen Hilfe bayerischer Zoll- und Bahnbeamter ward die ganze Familie, die Hunde und die Nelken in einem Coupee untergebracht. Nach der Ver­sicherung meiner Frau soll ich mich als veritabler Raben­vater gezeigt haben, indem ich mich um gar nichts, als um meine Nelken, die die besten Plätze erhielten, gekümmert hätte. Das ist möglich- gewiß ist, daß ich in Rosenheim weder Bier noch Würstel holle, um nur ja meine Nelken beaugapfeln zu können.

Meine Ausregung wuchs, je mehr sich der Zug dem Münchener Centralbahnhof näherte. Wie wird die Aus- waggonirung vor sich gehen? Der ungeberdige große Bernhardiner muß an der Leine geführt werden, sonst setzt es was ab, dito der lebhafte Dackel. Hunde führen und Nelken tragen kann der Mensch aber nicht gleicher Zeit, da der homo sapiens nur zwei Hände hat. Drei, vier Gepäckträger stürmten heran: unser Coupe schien Lohn zu ver­heißen.Leo" faßte den eisten königlich bayerischen Focchini, nun war die Frage, wer die Hunde führt, entschieden: ich packte die rabiaten Thiere an den Leinen, band die Nelken den Trägern auf die Seele, und halbgezogen von den sreiheitsdurstigen Hunden verschwand ich im Menschengedränge. E n Wagen brachte meine Familie wieder nach Hause, ein kleiner Möbelwagen folgte mit den Nelken und dem Gepäck nach.

Die Hunde wurden sofort in ihrer Kammer im ver­staubten Heim versorgt, dann stürmte ich die Treppe hinab, die Nelken zu empfangen.

Allmächtiger! Nicht ein Zweig war ganz abgebrochen, geknickt jedes Zweiglein, die Blüthen welk, Alles coput!

Der Kehrichtwagcn führte am nächsten Morgen meine Nelken davon ...

Wenn mich meine Frau ärgern will, dann fragt sie heute, ob ich nicht Hängenelken Heimbringen wolle.

H r» m o r i st i s ch e s.

Galgenhumor.Sag', Männchen, ist die Schrift- stellerei eigentl'ch ein dankbares Geschäft?"£) ja, ich kriege wenigstens alles, was ich schreibe, mit Dank zurück."

Rtdaction: I. B.: Hermann <tle. »nid und Strtag ter Brühl'schen UniverfitStS-Buch. und Steirtbruderei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.