Ausgabe 
5.6.1898
 
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Mu

Sonnenstrahl in blauer Luft, ' Was schaffest du für Leben? Zur Wiege wandelst du die Gruft In beinern Wunderweben.

Die abgestorb'nen Sträucher blüh'n, Verzagte Knospen springen;

O, könnte mit dem ersten Grün Sich auch das Herz verjüngen!

Martin Greif.

Das Fräulein.

Roman von E. Ve ly.

(Fortsetzung.)

Ebba gab die Adresse eines Blumengeschäftes Unter den Linden an, Walther übermittelte sie pünklich dem Kutscher, schob den Schlag zu und blieb in vorschriftsmäßiger Haltung stehen, bis der Wagen einige Schritte entfernt war. Dann eilte er leichtfüßig zurück, es lag ihm ja ob, die Lichter in den Zimmern den gnädigen Frau zu löschen. Einen mächtigen Strauß der schönsten Rosen hielt Ebba in der Hand, als sie den Laden verließ und die Nummer in der Kleistftraße nannte, wohin der Kutscher jetzt fahren sollte. Der Duft derselben erfüllte den Wagen, zuweilen traf noch ein Hauch davon den Mann auf dem Bock. Sie sah glücklich lächelnd darauf nieder nun fuhr sie in die Freiheit, in das neue Leben.

Sie lachte, wenn sie ein Haus sah, in welchem Be­kannte wohnten. Welche Gesichter sie alle machen würden, wenn die große Mähr über die Stadt hinflog Ebba diese Ebba!

einmal herausgeschreckt sein würden aus ihren alltäglichen Redensarten! Wie sie still stehen würden, kopf­schüttelnd, athemlos das hatte Ebba gethan!

Und auch Conrad Lund würde zum ersten Mal in seinem Leben aus seiner Ruhe gerathen. Sie meinte, sie sähe ihn jetzt schon an ihrem Schreibtisch stehen, auf welchem der knappste Brief lag, der wohl je bei einer solchen Ge­legenheit geschrieben war erst darauf niederstarrend und dann mit fiebernden Händen in den Fächern des Schreib­tisches suchend, wühlend, die blauen und rosa Bändern zer-

! reißend, die Blätter mit den Monogrammen weithin streuend nach Beweisen forschend, nach Liebesbriefen ah sie hatte keine geschrieben! Vergebene Mühe, Herr Conrad Lund! Sie hatte sich nie im Kleinen und Halben compromittirt. Was sie that, that sie ganz und so überraschend schnell, daß man den Athem verlor

Die Lichter flammten auf, überall in den Straßen und hinter den Fenstern. Wie viel Glückliche sie wohl jetzt 6e- euchteten in der Riesenstadt? Ob wohl eine Brust sich so frei fühlte in diesem Augenblick, wie die ihre? Und doch that sie etwas so Außerordentliches!

Nun war das Ziel erreicht - sie gab dem Kutscher ein solch großes Trinkgeld, daß er ihr verblüfft die Hand noch einmal hinhielt, damit sie sich überzeuge.

"Es ist recht," nickte sie freundlich hinauf in das häß­liche Gesicht mit der gerötheten Nase.

i "Ach Jott, wie schön!" sagte ein Zeitungskind, das sich an ihr vorbeidrängte, als sich die Thür öffnete,so 'ne Blumen."

Und, obwohl das mehr Frechheit war als Bewunderung, zog Ebba eine Rose an dem langen Stiel hervor und reichte sie dem Mädchen, das sie ganz verwundert anstarrte.

Sie stieg die Treppe hinauf, nur acht Stufen zu der Parterre-Wohnung so niedrig hauste das Glück, so ohne jede Anstrengung gelangte man hin

Die Vorplatzlhür war offen, ein kleiner Reisekoffer war eben hineingescdoben. Neben demselben stand die Kubaitz und sagte zu dem Portier, welcher ihn gebracht harte:Na, das ist 'ne Ueberraschung!"

Ach Gott, gnädige Frau!" stieß sie dann hervor.

Ich weiß schon!" Und dann machte sie, ohne die rathlose Haushälterin weiter zu beachten, die nächste nur halbangelchnte Thür auf.

Eine stattliche Frauengestalt in dunkler Kleidung stand inmitten des Zimmers, sich in demselben umsehend, das Licht fiel hell auf den grauen, welligen Scheitel und auf ein feines wohlwollendes Gesicht.

Die Blumen ihr entgegenhaltend, sagte die junge Frau kindlich demürhjg:Ich bin Ebba Lund!"

,,O, die schönen Rosen und das liebliche Gesicht!" erwiderte die Matrone, beide Hände ausstreckend.

Langsam führte Ebba sie zu dem tiefen Seffel.Daß Sie gekommen sind, wie gut, wie unendlich gut ist das!"

Kann eine rechtschaffene Mutter wohl den beiden WörternLebens glück und Zukunft" für ihren Sohn widerstehen?"