Ausgabe 
5.2.1898
 
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einmal Halt machen. Er war ganz athemlos, weniger von dem Gange, als von der furchtbaren Aufregung. Ein heftiger, verzweifelter Kampf entspann sich noch einmal in seiner Brust. Nun that er einen tiefen Athemzug und trat ein.

Der enge Zuschauerraum war dicht gefüllt. Otto hatte Mühe, einen Blick nach dem durch eine Barriere abgetrennten Raum zu gewinnen, in dem die Verhandlung stattfand. Eine heftige Erschütterung durchfuhr den Spähenden. Sein Blick hatte den Bruder getroffen, der auf der Anklagebank saß. Wie sehr die kurze Ha4 ihn mitgenommen hatte! Seine Wangen hatten die Rundung verloren und zeigten eine blasse, fahle Färbung. Seine Augen aber sahen mit ihrem alten treuherzigen, offenen, gutmüthigen Ausdruck um sich. Es war das Bewußtsein der Schuldlosigkeit, die feste Zuversicht, daß die Verhandlung nur mit dem Frei­spruch endigen konnte, die aus ihm sprach. Und da auf der Bank der Zeugen saßen neben einigen anderen Personen der Vater und die Mutter. Und da . . . auf einem Stuhl, gerade gegenüber dem Richtertisch, hatte die Frau des An­geklagten ihren Platz.

Nur mit einem kurzen Blick streifte Otto das Antlitz Helenens, in das die tiefsten Seelenleiden ihre sichtbaren Spuren gegraben. Todtenblässe lagerte auf dem Gesicht, das sonst einen ruhigen, gefaßten Ausdruck trug.

Unwillkürlich duckte sich der verstohlen Spähende. Es war ihm, als drückten sich scharfe Stacheln in sein zuckendes Herz. Wie sehr hatte er sich an ihr und an ihm verschuldigt, wie schwer!

Niemand hatte seinen Eintritt bemerkt, die Köpfe der vor ihm Stehenden deckten ihn gegen alle Blicke aus dem Nachbarraum. Es dauerte mehrere Minuten, bis er sich so weit gefaßt hatte, daß er dem Gange der Verhandlungen folgen konnte. Eben wurde eine ärmlich gekleidete Frau als Zeugin aufgerufen. Otto erkannte die Flurnachbarin aus der Rügenerstraße. Kurz und bestimmt waren die Fragen, die der Vorsitzende an sie richtete, aber ebenso weitschweifig und unbestimmt waren die Antworten.

Ob die Zengin an dem fraglichen Tage irgendwelch verdächtiges Geräusch auf dem Treppenflur gehört oder irgend ein verdächtiges Individuum gesehen habe?

Sie erinnerte sich nicht, aber es könnte ja sein, daß sich ein Bettler oder sonst ein Vagabund eingeschiichen habe. Mein Gott, man würde ja von dem Gesindel förmlich überlaufen.

Ob sie bemerkt habe, daß ihre Nachbarin, Frau Köster, zuweilen die Corridorthür hinter sich offen ließ, wenn sie gelegentlich zu einem Einkäufe auf kurze Zeit ihre Wohnung verließ?

Nicht daß sie wüßte, aber ausgeschlossen sei es ja doch nicht. Man achte doch nicht immer auf die Thüren der Nachbarn.

Ob sie den Angeklagten näher kenne?

So ziemlich ja. Man habe ja jahrelang zusammen in einem Stockwerk gewohnt. Näheren Verkehr hätte sie zwar mit der Familie nicht unterhalten.

Welche Ansicht sie über seinen Character habe?

Mein Gott, was sollte sie darauf antworten. Aeußer- lich hätte ja Carl Köster immer einen anständigen Eindruck auf sie gemacht. Freilich, ins Herz könnte man ja Niemand sehen.

Aus der Zeugin war nichts Bestimmtes und Klares herauszubekommen. Ihre Aussagen waren alle so einge­richtet, daß sie immer im Nachsatz den Inhalt des Vorder­satzes zurücknahm. Der Vorsitzende hieß sie bald abtreten und rief Köster, den Vater, auf. Zuvor ließ er jedoch Frau Köster auf den glur hinausgehen.

(Fortsetzung folgt.)

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Der Werth richtiger Athmung für unsere Gesundheit.

Gelehrte und Menschenfreunde haben sich bereits mit mehr oder minder Geschick befleißigt, uns über die unbe­streitbare Thatsache aufzuklären, daß die meisten und gefähr­lichsten Krankheiten durch mangelhafte Athmungsrhätigkeit entstehen

Wir nennen hier Männer vom Rufe eines Dr. Niemeyer, der leider durch frühen Tod aus seiner fruchtbringenden Thätigkeit abberufen ward, eines Gerdts Rikli, Dr. von Hartungen u. A. We igen aber dürfte es gegeben sein, in so überzeugender Weise diese gewaltigen, lebenswahren Lehr­sätze der Natur cimnt breiten Publikum darzulegen, als Director Heinrich Simons, dessen Lehrbuch der Athmungs- kunde einen Glanzpunkt in der Fachliteratur unserer Tage bildet, und einen mächtigen Vorsprung vor ähnlichen Er­scheinungen schon in seiner klaren, allgemein verständlichen Abfassung besitzt.

Director Simons hat nach langjährigen Versuchen am eigenen Körper, sowie bei zahlreichen anderen Leidenden ganz überraschende Erfolge mit seiner Athmungscur erzielt, und in dem oben genannten Lehrbuch seine Methode in solch' kerniger, Jedermann leicht faßlichen Weise dargelegt, daß dieses Buch bei Schwachen und Kranken Muth und geradezu Begeisterung erweckt. Er weist in seinem Buche nach, wie gerade durch mangelhafte Athmungsthätigkeit nicht nur in der Lunge, sondern in allen Theilen des Körpers Schwächen entstehen, sich Krankheitsstoffe ausammeln, und hierdurch Krankheiten auftreten, deren Ursachen den meisten Menschen unerklärlich sind.

So .heißt es denn u A.: Was ist Leben? Leben ist Stoffwechsel, welcher aber erst d.urch die vermittelnde Wirkung der Athmung zustande kommen kann. Durch die Athmung nehmen wir die atmosphärische Luft, bezw. deren Quintessenz, den Sauerstoff in unseren Körper auf. Ohne Aufnahme von Sauerstoff einerseits und Abgabe von Kohlensäure (dem dabei entstehenden Verbrennungsproducte) andererseits, ist das Leben überhaupt nicht möglich. Betrachten wir zunächst die Lunge, dieses Hauptorgan der Athmung und deren Thätigkeit. Das Gerüst der Lunge, welches den größten Theil des Brustraumes aussüllt, ist d e Luftröhre mit ihren zahlreichen Verästelungen, an denen sich die Lungen- oder Lustbläschen befinden, ähnlich den Trauten am Rebstock. Die Zahl dreser Bläschen hat man auf ungefähr 1800 Millionen, die Gesammtfläche des Lungcnblutsees, in dem sich der Stoff­wechsel, der Gasaustausch, die Erneuerung des Blutes voll­zieht, nach Dr. Oidmann auf 14 000 Quadratsuß geschätzt. Jedes Blutkörperchen, welches sich in unserem Körper be­findet, Passirt die Lunge oder den.Lungenblutsee zweimal in der Minute, d h. es kommt als verbrauchtes, also schlechtes, kohlensäurehaltiges an, wird durch den eingeathmetcn Sauer­stoff wieder hergestcllt und zu neuer Lcbensthätigkeit geeignet gemacht.

Hat man nun schlechte Luft oder doch nicht genügend gute eingeathmet, so ist es selbstveistäudlich, daß die Reinigung und Neubelebung^nur <tne ungenügende, die Cncularion nnd Function der Blutkörperchen, sowie die Ausalhmung eine nur mangelhafte sein kann, die Organe alle geschwächt werden. Wenn daher die Schwächung durch mangelhafte Zuführung von Sauerstoff hervorgerufen wurde, so können wir auch nur durch vermehrte und möglichst reichliche Zufuhr von Sauerstoff am sichersten, schnellsten wie leichtesten die Kräftigung dieser Organe wieder erreichen, indem wir durch eine willkürliche kräftige Athmung in reiner, sauerstoffreicher Luft ein größeres Quantum dieser letzteren zu uns nehmen, und wird dadurch eine Stärkung in Folge der vermittelnden Wirksamkeit von Lunge und Herz unfehlbar eintretcn.

Diejenigen Theile und Tbeilchen unseres Körpers, zu welchen gutes, sauerstoffreiches Blut nicht oder in ungenügen-