Ausgabe 
5.2.1898
 
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und beraubte ihn der Herrschaft seiner Glieder. Mit Mühe entkleidete er sich und halb ohnmächtig sank er in sein Bett.

Am anderen Morgen erwachte er in starker Fiebergluth. Er hatte noch so viel Bewußtsein, sich aus dem Bett zu erheben und strauchelnd, sich an den Stühlen forttastend zum Tisch zu begeben, um den daraufliegenden, angefangenen Brief zu vernichten.

Als seine Mutter eine Viertelstunde später in sein Zimmer trat, lag Otto bewußtlos auf dem Fußboden. Eine starke Erkältung in Verbindung mit den körperlichen Strapazen und seelischen Leiden der letzten Wochen brachten ein hitziges Fieber zum Ausbruch. Die aufopfernde Pflege seiner Mutter stellte den Kranken in vierzehn Tagen soweit her, daß er wieder das Bett verlassen konnte. Freilich schwach und elend war er immer noch in solchem Grade, daß er sich nur mit Hülfe Anderer im Zimmer umher­bewegen konnte. Mit völliger körperlicher Ermattung und Abspannung ging Hand in Hand eine starke geistige und seelische Erschlaffung, die jedes auf einen bestimmten Gegen­stand gerichtete Denken und jede lebhaftere Empfindung ausschloß. Der Reconvalescent brachte die nächsten Tage in einem stumpfen, willenlosen Hindämmern zu. Erst mit seiner zunehmenden Kräftigung regte sich die Erinnerung wieder deutlich in ihm und wieder machten sich in seiner Brust die quälenden seelischen Kämpfe geltend, in denen die Krankheit nur eine Pause hatte eintreten lassen. Die Frage nach dem Schicksal Carls, nach dem Resultat der gegen ihn eingeleiteten Untersuchung schwebte ihm unaufhörlich auf den Lippen, ohne daß er es gewagt, sie laut auszusprechen. Er zitterte bei dem Gedanken, daß bereits das Urtheil über Carl gesprochen sein könnte. Doch nein . . . nein, das war ja nicht möglich. Man hätte es ihm sicherlich mitge- theilt. Aber Niemand, weder der Vater noch die Mutter berührten die peinliche Angelegenheit auch nur mit einer Silbe.

Eines Morgens ... es war ungefähr eine Woche vergangen rüstete sich Frau Köster zu einer ganz unge­wöhnlichen Stunde zum Ausgehen.

Es war früh am jVormittag zu einer Zeit, in der sonst ihre Haushaltungsgeschäfte sie ganz in Anspruch nahmen. Daß es sich um keinen kurzen Ausgang zu wirthschaftlichen Zwecken handelte, sah Otto schon aus der Lonntagskleidung, die seine Mutter angelegt hatte. Dazu kam die stille Ernst- heit, die sich doch, so sehr sie sich auch offenbar bestrebte, sie zu unterdrücken, in ihren hastigen, unruhigen Bewegungen und durch die.ungewöhnliche Röthe ihres Gesichtes verrieth.

Wo willst Du denn hin, Mutter?" fragte Otto, aufmerksam werdend.

Eine deutliche Verlegenheit zuckte in den Mienen der alten Frau.

Ich ... o ... ich will nur mal 'n bischen ausgehen, Ottochen", gab sie lächelnd zurück.

So früh gehst Du doch sonst nicht, Mutter?"

Ja, weißt Du, ich habe eben 'n bischen was zu be­sorgen," sagte Frau Köster und drehte dem sie argwöhnisch Beobachtenden den Rücken zu.

Und dazu machst Du Dich so fein . . .?" fragte Otto weiter, und sein Argwohn, daß es sich um irgend etwas handele, das ihm verborgen bleiben sollte, wuchs in Folge ihres sonderbaren Verhaltens von Minute zu Minute.

Die alte Frau lachte, aber es war ein sonderbares, trockenes Lachen und etwas Gezwungenes lag in dem Schcrzton, den sie anschlug.

Fein? Du spaßt wohl blos, Ottochen. Mein altes Caschemirkleid und fein? Ich trage es nun schon ins fünfte Jahr. Vater will mir 'n neues kaufen und da muß ich's nun schon mit Gewalt zerreißen. Ich und fein? Ach du meine Güte! Du mußt wissen, Ottochen, ich will ... ja, nach der Markthalle will ich, nach der Centralmarkthalle am Alexanderplatz. Da kauft man am besten ein in der ganzen Stadt. Ein bischen weit ist es ja und wenn ich nicht Pünktlich zu Mittag zurück bin, auf'm Herd in der

Küche steht ein Töpfchen Caeao und 'n paar Eier liegen auf'm Küchentisch, die kochst Du Dir, Ottochen, ich will mich sputen. Adieu!"

Damit war sie, noch ehe Otto ein Wort der Gegenrede gefunden, in auffallender Hast zur Thür hinaus. Grübelnd blickte ihr der Zurückgebliebene nach. Was hatte das zu bedeuten? Was konnte es nur sein, das man ihm so ge­flissentlich verheimlichte? Eine heftige Unruhe beschlich den Einsamen. Gewiß handelte es sich um Carl! Ja, nur um Carl konnte es sich handeln! Warum hatte man ihm so lange nichs über sein des Bruders Schicksal mitgetheilt? Stand es schlecht um ihn?

Stachelnde Selbstvorwürfe wurden in dem Stöhnenden laut. Warum war er zu feig gewesen, nach Carl zu fragen? .....War es eine neue Vernehmung vor dem Unter­suchungsrichter, derentwegen Mutter zu so ungewöhnlicher Zeit das Haus verließ? Oder stand gar Verhandlungstermin an?

Unruhevoll ging der Einsame im Zimmer hin und her. Er trat an die Commode und kramte in allen Schubfächern herum. Nichts, nichts! Auch im Schlafzimmer der Eltern nichts zu finden, das ihm hätte Ausschluß geben können. Natürlich, wenn es sich um einen Termin handelte, so würden die Eltern die Vorladung nicht offen Herumliegen lassen. Die hatte die Mutter sicherlich vorsorglich eingesteckt oder gar vernichtet. Aber mußte nicht auch für ihn eine Vorladung gekommen sein? Gewiß! doch ebenso gewiß war, daß ihn der Vater in solchem Fall mit Krankheit entschuldigt hätte.

Das Alles fuhr dem ruhelos in der Wohnung Umher­stöbernden im Verlauf weniger Minuten durch den Kopf. Seine Aufregung wuchs von Secunde zu Secunde. Seine erhitzte Phantasie'malte sich die einzelnen Phasen der Gerichts­verhandlung aus- während der schuldlos Angeklagte einem entehrenden Urtheil entgegenging, saß er, der eigentliche Thäter, hier in ruhiger Sicherheit. Nein . . . nein! Hatte er so lange gezaudert, nun durfte er nicht mehr zögern, die Unschuld seines Bruders an den Tag zu bringen.

Ohne weitere Ueberlegung stürzte der Aufgeregte hinaus auf den Flur. Die Nachbarin würde es wissen. Er zog die Klingel einmal, er zog sie zum zweiten und dritten Male. Aber Alles blieb still. Auch hier Niemand zu Hause! Ec lauschte eine ganze Weile auf dem Flur, ob die Nachbarin nicht zurückkommen würde. Vergebens!

Und nun zurück in die Wohnung. Mit zuckenden Händen kleidete er sich an. Gewißheit mußte er haben, Gewißheit!

Unten auf der Straße rief er die erste Droschke an, die ihm begegnete. Er fühlte keine Schwäche, nicht die geringste Spur der kaum überstandenen Krankheit mehr. Der energische Wille, der seine Muskeln straffte und seine Nerven anspannte, hielt ihn aufrecht.

Moabit . . . Criminalgericht!" rief er dem Droschken­kutscher zu, und warf sich in den Wagen, während ihm das Fieber der Erwartung in den Adern glühte.

Draußen wandte er sich an den Pförtner, der sich am Eingänge des Gerichtsgebäudes aufhielt.

In welchem Zimmer wird die Sache Köster verhandelt?" fragte er, als ob er seiner Lache sicher wäre.

Der Beamte trat in seine kleine Loge und blickte in die Liste der für den ganzen Tag angesetzten Termine.

Zimmer dreiundzwanzig, zweiter Stock, zehn Uhr!" beschied er in gleichgiltigem Geschäftston.

Danke!" stieß Otto heiser heraus und wandte sich schnell ab, um nicht die glühende Röthe, die ihm ins Gesicht schoß, sehen zu lassen. Also doch! Seine Ahnung hatte ihn nicht betrogen. Er mußte sich gegen die Mauer lehnen, da ihn ein plötzlicher Schwindel befiel. Sein Herzschlag war so ungestüm, daß er glaubte, ersticken zu müssen. Aber nun raffte er sich doch mit Aufbietung aller Willens­kraft auf. Elf Uhr! Er hatte keine Zeit mehr zu verlieren. Vor der Thür des Verhandlungszimmers mußte er noch