Ausgabe 
5.2.1898
 
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Muttersohn.

Hernan von Arthur Zapp.

(Fortsetzung.)

XVI.

Die nächsten Tage waren für Otto ein unablässiges Ringen und Kämpfen mit sich. Er war fast den ganzen Tag unterwegs. Es litt ihn nicht zu Hause.

Die Reden des Vaters und der Mutter brachten ihn dem Wahnsinn nahe. Es verging kein Tag, an dem er nicht den Weg nach Moabit zurückgelegt hätte. Stundenlang schritt er vor dem Justizpalast auf und ab. Hundertmal rief er sich zu:Erbärmlicher Feigling! Warum zögerst Du, Deine selbstverständliche Pflicht zu thun, das, was doch kein Mensch, kein Gott von Dir nehmen kann?!"

Aber immer wieder verschob er es auf den nächsten Tag. Konnte sich nicht irgend etwas Unvorhergesehenes ereignen? Mußte sich nicht dem Untersuchungsrichter im Verlaufe der weiteren Vernehmungen die Ueberzeugung aufzwingen, daß Carl unschuldig war? Ja, gewiß, nur ein paar Tage noch und Carl würde seine Freiheit wiedererlangen. Er aber, Otto, würde es sich sein ganzes Leben angelegen sein lassen, den Bruder zu entschädigen für das, was er um seinetwillen gelitten. Für ihn selbst handelte es sich ja um nichts weniger als um Tod und Leben.

Wieder und wieder malte er sich die Scene aus, wie sie sich gestalten müßte, wenn er sich abermals beim Unter­suchungsrichter melden ließ, um sich selbst zu denunciren. Wie ihn der Richter für ungläubig anhören und ihn wo­möglich für nicht recht bei Sinnen halten würde und wie er dann, sobald er sich überzeugt haben würde, daß nicht Wahnsinn, sondern Reue aus ihm spreche, den Befehl zu seiner Jnhafrirung geben würde. Dann schloß man ihn in

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ieles kaufen, was entbehrlich, Ist bedenklich, ja gefährlich, Früher schrankenlos im Kaufen, Wirst Du, wenn die Fonds verlaufen,

Unentbehrliches vermiffen

Und wohl gar verkaufen müssen. K. Gpeckbacher.

die Zelle und die schimpfliche Anklage gegen ihn wurde er­hoben. Die Gerichtsreporter würden den interessanten Fall in den Zeitungen breittreten mit offener, voller Namens­nennung. Und alle College» lasen es. Markwald und Wattenfeld und der Kammergerichtsrath Göring las es und theilte es voll Abscheu und Grauen seiner Tochter mit.

Und dann fand die öffentliche Gerichtsverhandlnng statt und er saß auf der Anklagebank, den neugierigen, höhnischen verachtungsvollen Blicken seiner ehemaligen Berufsgenoffen preisgegeben. Nein, nein! Viel lieber sterben!

Am vierten Tage regnete es in Strömen vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Wie all' die Tage vorher irrte Otto auch heute trotz des Unwetters stundenlang auf der Siraße umher. Mehr als einmal kam ihm der Ge­danke, Carl in seiner Zelle aufzusuchen. Aber er wagte doch nicht, den Gedanken auszuführen, denn er hatte das bestimmte Gefühl, daß er sich Auge in Auge mit dem unschuldig Ein­gekerkerten verrathen würde. Ebensowenig brachte er es über sich, Helenen entgegenzutreten. Jedes ihrer Worte, jeder ihrer Blicke bei ihrem letzten Zusammüisein war ihm ein Stich in's Herz gewesen. Zähneklappernd, fröstelnd, ganz und gar durchnäßt, schritt er in der Dämmerung vor dem Justizpalaft auf und ab.

Vergeblich hatte er wieder ein Dutzend Mal angesetzt, den entscheidenden Schritt in das Bureau des Untersuchungs­richters zu thun. Nun war's zu spät für heute. Das Bureau war geschloffen. Wieder lag eine schlaflose Nacht vor ihm voll folternder Selbstvorwürfe, voll unerträglicher seelischer Marter und Qualen. Wie erbärmlich, wie verab- scheuungswerth, verächtlich er sich selbst vorkam! Das Beste war, er machte ein Ende und warf ein Leben von sich, das ihm nur noch zur Qual war. Tief und tiefer nistete sich der Gedanke in ihm ein, und als er am Abend zu Hause a"-langte, hatte er seinen Entschluß gefaßt. Ja, tobten wollte er sich, nachdem er zuvor ein offenes Geständniß niedergeschrieben hatte. Neben seinem gewaltsamen Tode würden die Wechsel über viertausend Mark, die er eingelöst hatte und die er in seiner Commode verwahrte, ein voll- giltiger Beweis für seine Schuld und Carls Schuldlosigkeit sein.

Aber er hatte erst die Anfangszeilen geschrieben, als ihn eine so große körperliche Schwäche befiel, daß er nicht fähig war, seine Arbeit fortzusetzen. Die Feder entfiel seinen zitternden Händen und seufzend sagte er sich, daß er heute nicht im Stande sein würde, den Brief an den Untersuchungsrichter zu vollenden. Von Minute zu Minute wurde ihm elender zu Muthe, ein Schüttelfrost stellte sich ein