2ine dieselbe Art des faden Hofmachens, die gleiche Weise der unoarmherzigeu Verurtheilung. Emmal eine frische, fröhliche, selbständige Ansicht? Unmöglich! Einmal eine befreiende That? Undenkbar! Sie lachte laut und wunderte sich über die eigene Stimme, als sei es ein fremder, nie gehörter Ton, Sie dehnte ihre zierlichen Glieder, als fielen Fesseln davon. —
Das Fräulein trat ein, welches sie in allen Zimmern gesucht hatte, ein blondes, blasses, schüchternes Geschöpf.
„Befiehlt die gnädige Frau, daß die kleinen Fräulein erst nach Hause kommen, ehe sie zum Großpapa geben?"
„Ihre Kinder — ja so!
„Nein —sie dürfen gleich nach dort, von der Schule aus." „Sehr wohl, gnädige Frau!"
Zu dem alten, derben, formlosen Johann Conrad Lund, dahm gehörten sie, der hatte Freude an ihnen - sie waren sein Blut. Sie hatte ihnen gar nichts mitgegeben, sie liebte sie auch nicht - was sollte fie sich belügen. „An diesem Tage keine Luge!"
Als sie in den Speisesaal trat, kam ihr Walther entgegen: „Der Herr Consul hat Nachricht geschickt, daß er einen auswärtigen Freund getroffen hat, mit dem er draußen speisen muß. Er bittet um Entschuldigung bei der gnädigen Frau!"
Er bat noch um Entschuldigung, daß er sie dieses tete a tete da überhob.
„Es ist gut."
„Champagner!" befahl sie und suchte vergebens nach einer Miene des Erstaunens auf dem glatten Gesicht des Dieners, über dieses nie dagewesene Verlangen an einer einsamen Mittagstafel. Sie trank nur das erste Glas, es ein wenig hoch haltend, als bringe sie dasselbe mit einem Trinkspruch einem unsichtbaren Gaste.
Sie warf sich, wie gewöhnlich, auf die Couchette, die Füße in dem weichen Pelz vergrabend.
Nein, das war zu warm! Sie riß das Fenster auf und sah wieder nach der Uhr — oh, das träge Ticktack —
Den Blick ins Leere richtend, stand sie eine Weile, als zähle sie die Schläge oder die ihres Herzens.
Eine Droschke fuhr in vorgerückter Nachmittagsstunde an, das war Conrad Lund, der heimkehrte. — Um diese Zeit störte er sie nie, auch heute nicht; auch er würde sich nun mit einem Buche in der Hand niederlegen.
Und endlich 'kam der Abend, leuchtendes Roth zitterte drüben über den Bäumen des Thiergartens.
Sie glitt geräu chlos nach ihrem Schreibtisch; als gälte e«, leine Zeit zu verlieren, schrieb sie stehend: „Ich geh, weil ich nicht bleiben kann, nicht will! Ebba."
Nun die Adresse an ihren Mann, den kleinen goldenen Schreibtischschlüssel hineingeschoben — das war wie eine gute Hausfrau gehandelt, eorreet bis zum letzten Augenblicke.
Und nun wieder dies Gliederschütteln, als seien Ketten von den zarten Armen gefallen. Sie befahl Hut und Mantel herabzubringen, gab Walther den Auftrag, eine Droschke zu rufen und verließ, ohne umzuschauen, das Haus. Der Kies des Gartens knirschte unter den Rädern - das war ihr immer ein verhaßtes Geräusch gewesen. Sie würde es nicht wieder hören —
(Fortsetzung folgt.)
Luncheon.
Plauderei von Sylvia.
------- (Nachdruck verboten.)
„Bekommen wir denn heute keine Suppe?" fragt der Hausherr unzufrieden, indem sein Blick den zierlich gedeckten überfliegt. Dabei bemerkt er die Tassen, die vor den Platzen stehen, und seine Stirn entwölkt sich. „Aber — zu JKittag pflegt man die Fleischbrühe doch sonst aus Tellern zu essen, kann er sich irotzdem nicht enthalten zu äußern.
Seitdem er vor wenigen Minuten ans seinem Bureau heimgekehrt, hat er bereits zum zweiten Mal Gelegenheit, sich über Etwas zu wundern. Das erste Mal geschab es, als man ihn zu Tisch rief — sonst mußte er eine Viertel-, ja oft sogar eine halbe Stunde auf das Essen warten, heute dagegen hatte er gerade Hut und Paletot abgelegt, als das sechsjährige Töchterchen auch schon mit der Meldung eintrat- „Papa, die Mama läßt Dich zu Tisch bitten." Es war rhm das durchaus nicht unangenehm, denn er hatte sich einen tüchtigen Hunger von der Arbeit mitgebracht, außerdem eröffnete das frühzeitige Mittagsmahl auch die erfreuliche Perspective auf ein verlängertes Mittagsschläfchen, aber immerhin seltsam blieb die Sache doch. Wie oft hatte er feine Frau schon freundlich gebeten und streng ermahnt, das Essen recht pünktlich zu ferbiren, worauf sie ihm stets pikirt erwidert, in ihrem Haushalt ginge Alles Pünktlich zu, aber die Hauptmahlzeit des ganzen Tages früher als etwa zwanzig Minuten nach seiner Rückkehr zu geben, wäre unmöglich — v°ll'g unmöglich. Die meisten Speisen ließen sich erst anrichten unmittelbar, bevor sie gegessen würden — wenn man zum Beispiel einen Braten zu früh aus der Pfanne nehme, so betrockene er, eine Sauce hinwieder, die zu lange in an- gerührtem Zustande im Ofen bleibe, laufe zusammen u. s. w. Sofern er sich erlaubte, solchen Behauptungen gegenüber ein paar Worte laut werden zu lassen, bedeutete man ihn mit dem Bemerken, daß er als Mann nichts von wirthschaftlichen Dingen verstünde. Darauf schwieg er denn und ergab sich mit Würde in das Unvermeidliche. Was sollte er auch anders thun? Die theure Galtin mochte am Ende wirklich Recht haben.
Aber heute? Wie kam es, daß sie das Unmögliche möglich gemacht? Sollte vielleicht die Zusammensetzung der Mahlzeit so rührend einfach sein, daß — — — Böser Ahnungen voll will er die Tasse zum Munde führen, als seine bessere Hälfte ihm mit liebenswürdigem Lächeln einen Teller mit belegten Brötchen hinreicht.
„Toasts?" fragt er lakonisch.
Sie schüttelt sanft verneinend das Haupt. „Nein doch — Appetitbrötchcn" "
Natürlich! Daß er das auch nicht gleich erkannte i Die niedlichen Broischnitte sind ja mit allem Erdenklichen garmrt! Braten und Schinkelistreifeii, Eierscheiben, saure Gurken, Pilze, Kapern unb Sardellen bilden kunstvolle Sterne auf der butterbestrichenen Oberfläche. „Ah so, die Ueberbleibfel der letzten Mahlzeiten, sozusagen eine gedrängte Wochenübersicht'" denkt das durch vieljährige hausväterliche Praxis gewitzigte Familienoberhaupt restgnirt. Dessenungeachtet munden die Brötchen vortrefflich.
Als zweiter Gang folgt eine Schüssel voll Fischsalat mit Mayonnaisensauee. Er ist delicat, aber — kalt, selbstverständlich, Salate sind das ja stets.
Mit wachsender Spannung wartet der Pater familias, was dies wunderbare Mittagsmahl ihm wohl weiter bringen wird. Nun, es giebt ja noch Manches — eine Art ungefüllter heißer Pfannkuchen, im Osten „Stapfen" genannt, mit Himbeermarmelade, Brot und Semmel mit Butter, Radieschen und Schweizerküse aber etwas, das den Namen eines richtigen warmen Gerichts verdient, befindet sich nicht darunter.
„Ja, sag' in aller Welt, was war das nur für ein sonderbares Menu für ein Mittagessen?" fragt der Hausherr, nachdem er gesättigt aufgestanden ist, die Gattin.
„Mittagessen?" wiederholt diese. „Nicht doch, Du irrst, mein Lieber, das war — ein Luncheon."
Er blickt sie sprachlos an, unschlüssig, ob er lachen oder schelten soll. „Ja, aber —" beginnt er endlich,- doch sie laßt ihn nicht weiterreden. „Sieh mal —" meint sie schmeichelnd „Du hast doch immer schon darüber geklagt daß Du das Miitagsmahl so rasch herunterschlingen müßtest^ um noch ein Stündchen zum Ruhen zu erübrigen. Da überlegte ich mir denn, daß wir um diese Zeit nach englischer Manier ein Lunchcoli, und Abends, wenn Du nach Hause


