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Als Walther am Morgen die Thür des Sprechzimmers von Doctor Bruno Hallsberg hinter sich geschlossen hatte er liebte es, von Zeit 'zu Zeit seinereinzigen Schwäche", der Sorge für seine Gesundheit nachzukommen und von den Aerzten seiner Herrschaft bald seine Lunge, bald sein Herz untersuchen zu lassen, um jedesmal die Versicherung mitzu­nehmen, daß er kerngesund sei stieß er auf die Kubaitz, die sich im Corridor aufhielt. Sie Putzte dem Mohren, der dort stand, immer mit besonderer Sorgfalt das Präsentir- brett, welches zur Aufnahme der Visitenkarten bestimmt war.

Wir sollten uns kennen," sagte der Diener, welcher es liebte, in allen Häusern seine Beziehungen zu haben, mir ist nämlich wirklich so."

Die Frau hatte jetzt nur eine Andeutung von einem Knix, indem sie das Staubtuch dabei schwenkte, und sagte: Freilich wie ich doch bei der Frau Consul Lund ge wesen bin! Gott, was für ein schönes Haus und feine Leute! Das muß ja ein unmenschliches Geld gekostet haben."

Wer's hat," machte Walther mit einem Achselzucken.

Und 'ne liebe Dame! Ja, und die Stelle hier bei dem Herrn Doctor habe ich ihr ganz allein zu verdanken."

Sich' mal!" sagte Walther mit gespitzten Lippen und einer Bewegung nach der Thür.

Ne," fiel die Kubaitz ein,da ist jetzt der alte Herr Müller drin, der geht noch nicht, der hat immer so viel zu klagen, das kenne ich nun schon."

Na, überhaupt," lachte der vornehme Diener, bei so einem einzelnen Herrn, da kann man ganz genau auf die Finger sehen was?"

Ach, nein," sagte die Frau unschuldig,ach bewahre."

Nun, was so herumliegt, dafür kann man doch nicht. Und sie lassen Alles herumliegen, selbst die Liebesbriefe! Das kennt man!"

Sie wich einen Schritt wie mit Entrüstung von ihm zurück,Ne, die kriegt unser Herr Doctor gar nicht."

Ach was, das machen Sie einem Andern vor!" sagte Walther überlegen.Wo wäre denn auch das Unrecht? Ist keiner Seele Rechenschaft schuldig, so'n einzelner Mann"

Ich habe mich selber schon gewundert," meinte sie, aber was wahr ist, muß wahr bleiben. Blos heute, vorhin, da habe ich was gefunden. Es lag auf dem Teppich und war ihm aus den anderen Papieren herausgerutscht es riecht nämlich so gut, und dickes Papier und ganz vornehm. Und weil ich die Brille nicht hatte und Schrift schwer lesen kann, da weiß ich noch nicht mal, was drin steht."

Sie holte ein Briefblatt aus der Tasche.

Walther strich über sein glattes Gesicht und sagte galant:Wenn ich Ihnen helfen k mn."

Die Augen der dicken Frau kniffen sich zu schmalen Spalten zusammen

Eh ich es selber nicht weiß"

Wie Sie wollen!" Er ließ seine ausgestreckte Hand sinken.

Ne, ne, so war's nicht gemeint," rief sie, sich ängst­lich erinnernd, welch' eine Machtstellung er im Hause Lund inne hatte.Du lieber Gott, was man findet auf dem Teppich"

Das ist für den Papierkorb oder den Ofen bestimmt."

Sie gab ihm jetzt das Blatt und beugte den Hals, wie eine Schildkröte aus dem Tuche, das ihn umschloß, hervor, während er las!

Es bittet Sie, heute Abend nach neun Uhr das Haus nicht zu verlassen, weil eine wichtige Nachricht Sie finden muß, die, deren Schriftzüge Sie kennen."

EinE" stand unter den kühn gezogenen Buchstaben, auf das setzte Walther seinen breiten Daumen, dann verzog er die Mundwinkel.Meine gute Frau, das ist auch nichts, Sie haben Recht, Ihr Herr Doctor ist ein Tugendspiegel."

Hihihi!" lachte die Alte,wenn doch man nicht aber Sie müssen das wissen, Sie werden sich wohl aus­kennen!"

, Ich kenne mich aus!"

1Das hat weiter nichts zu bedeuten, als daß man ihn j wohl extra rufen wird," sagte Walther mit, überzeugendem Tone, während er das Blatt wieder zusammenfaltete und nach seinem Hut griff.

Ais der letzte Patient gegangen war, rief ein Klingel­zeichen die Haushälterin in das Zimmer. Der Doctor kramte zwischen seinen Papieren.

Haben Sie nicht einen Brief gefunden?"

Ich, nein!" Ihr fiel ein, daß Walther ihr denselben in der Eile gar nicht zurückgegeben hatte.Hat sich aber vielleicht in die Papiere verschoben, soll ich mal"

Nein, nein, schon gut!" und mit ungewohnter Hast 5 suchte er weiter.Sie können gehen!"

Jh sieh mal" sagte die Kubaitz zufrieden vor ; sich hin.

Nur flüchtig hatte Bruno vorhin die paar Zeilen über­flogen' Welch' wunderliche Grille, daß Ebba sich in solch durchsichtiges Geheimniß hüllte.Fastnacht ist vorüber," schrieb er auf ein Blatt und zerriß es wieder. Nein, so durste er nicht entgegnen es hieß also abwarten---

* * *

Nur einer dringenden Nothwendigkeit, hatte Bruno Hallsberg gesagt, würde seine Mutter nachgeben, wenn sie ihr stilles Wittwenheim verließe, um sich in das brausende Lärmen der Großstadt zu begeben.Nun, dieselbe war da, Ebba Lund hatte sie geschaffen ein Depeschenwechsel war zwischen ihr und Frau Anna erfolgt, die WorteLebensglück" undZukunft" hatten ihre Wirkung gethan, in der Thiergarten­straße traf Antwort ein:Ich komme, werde ihn überraschen!" Ebba Lund hatte einen Gewaltstreich vor, wie war der Tag so lang, bis er fallen konnte! Womit sollte sie die Stunden ausfüllen? Reiten? Als man ihr Pferd heran­führte, wandte sie sich auf der Schwelle um. Der Sonnen­schein lachte ihr so blendend ins Gesicht und in den Alleen des Thiergartens würde es leben von Reitern und Reiterinnen, und alle kannte sie und sollte sie grüßen. Nein! Sie be­fahl den Wagen, blieb im Reitkleid und lehnte sich tief in die Kiffen zurück. Es begann grün zu werden, wie hübsch der Schimmer sich über Rasen und Bäume breitete, die Vögel zwitscherten. In der Nähe ihres elterlichen Hauses verlangsamte der Kutscher das Tempo, er wartete wohl auf den Befehl, daß er halten solle, aber sie gab ihn nicht, sie preßte die Lippen zusammen und warf keinen Blick hinüber. Ach, die lächerlichen alten Ahnen da drinnen an den Wänden! Der ganze Groll über ihre freudlose Jugendzeit in der kalten Atmosphäre kam über sie wäre die anders gewesen, so saß sie heute wohl nicht mit den Gedanken da, hatte noch nicht den Fuß gehoben, um ihn in ein anderes Leben zu setzen, in ein ganz anderes!

Nach Hause!" befahl sie. Als sie dort einen Blick auf die Uhr warf, erstaunte sie, daß es noch so früh war. Sie ließ sich umkleiden, und als sie fertig war, musterte sie sich vom Kopf bis zu den Füßen mit einer Sorgfalt, als gälte es einer besonders großen Toilette und verlangte dann das einfachste Kleid, das sie besaß.

Sie ging durch ein paar Räume und blickte sich darin um, als sei sie fremd geworden- in ihrem Schreibzimmer trat sie an den Tisch und zog ein paar Schubladen auf sie hatte so wenig Briefe aufgehoben, so inhaltsleere während ihres ganzen bisherigen Lebens bekommen mit spitzen Fingern tippte sie die mit rosa und blauen Seidenbänderu umwundenen Packetchen von Mimi und Hedwig, Jugend­freundinnen, man schrieb sich schon lange nicht mehr. Ein paar Zusagen dort von berühmten Leuten, welche auf Einladungen gekommen waren man hob ja solche Auto­graphen auf.

Oh, was thatman" nicht Alles in dieser nachäffenden, schablonenhaften Welt: Alles gleich, denselben Schneider, den Modefriseur, den berühmten Juwelier, dasselbe Parfüm, das gleiche Lächeln, die ewigen Fragen:Wie gehts!"