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einfache, herzerfri chende Lied im Volkston, ein schlichtes deutsches Gemüth 'o mit heimlichem Zauber erfassend, daß Einem das Gefühl des Ergriffenseins prickelnd den ganzen Körper durchdringt. Dann folgte eine endlose Variation des angeschlagenen Themas, geistlos, ermüdend, und den heimlichen Wunsch weckend: hätten sie sich doch begnügt, anstatt dieser faden Schnörkeleien immer nur dies Lied, dies prächtige Lied zu spielen!
Um die Mittagszeit bestieg ich ein an der Landungsbrücke bereit liegendes Fährboot. Im Handumdrehen war es mit Badegästen besetzt. Die Helgoländer ruderten uns eine Strecke in die See hinaus, dann setzten sie ein Segel.
Eine gar vergnügliche Fahrt folgte. Manche Welle reckte sich, hob sich über den Bug des Bootes empor und sprühte uns salzigen Gischt ins Gesicht, mancher Spritzer kam ganz unvermuthet von der Seite, warf sich durchkältend auf einen vollen Frauenarm oder entführte einem ängstlich um sich besorgten Dandy muthwilligerweise das vorsorglich ins Ohr gestopfte Wattekügelchen,' bald lag die eine bald die andere Bootswandung tief im Wasser. Die Sache sah indessen gefährlicher aus, als sie in Wirklichkeit war. Gegenüber der Ge chicklichkeit und außerordentlichen Kaltblütigkeit der friesischen Mannschaft vermochte ein bei dem einen oder andern der Insassen etwa auftauchendes ängstliches Gefühl nicht lange Stand zu halten.
Nach ungefähr fünfzehn Minuten landete unser Boot am Weststrande der Düne. Das war eine recht schnelle Ueberfahrt. Bet dem Kreuzen unter widrigen Winden dauert eine solche nicht selten eine Stunde und darüber.
Erschwert die starke Brandung an der Ostfeite die Landung zu sehr, so findet solche an der Westseite statt, und umgekehrt. Die primitive Brücke besteht in dem einen wie in dem anderen Falle aus einem auf Rädern ruhenden, verstellbaren Holzstege. Durch die stäubende Brandung hindurch wird der angekommene Segler von im Wasser stehenden Oel- zeugträgern an die Brücke herangezogen uüd im Gänsemarsch spazieren die Ankömmlinge aus dem Boot.
Fröhlich im Gemüth betrat ich als einer der Ersten die sonnenüberglühte Düne, suchte ohne Aufenthalt das Herrenbad auf und löste mir eine Karte. Eine lange Zeile grün angestrichener, nummerirter Karren galt es abzuschreiten, bis ich meine Nummer fand.
Nach wenigen Minuten stand ich inmitten des Getöses der brausend heranstürzenden Wogen und behauptete mühsam meinen Platz auf dem festen Sandboden unter mir, wurde auch manchmal, wenn eine besonders hohe Welle über mich hinwegstürmte, mit unwiderstehlichem Druck zurückgeworfen.
Der starke Wellenschlag auf der Düne erfordert Kraftmenschen mit rothen, fleischigen Hälsen, die auf Helgoland gemästet werden, wie die Hummer in den Kästen des Südhafens. Es standen ihrer genug vor mir und neben mir in der kochenden Brandung. Sie sangen inmitten des Aufruhrs der stürmenden Wogen aus voller Kehle. Eine unbändige Lust, ein Hochgefühl sprach aus jeder ihrer Bewegungen. Ihnen war warm geworden in dem kalten Element, auch mochten sie sich schon im Geiste der vollbesetzten Frühstückstafel bei Ohlsen gegenüber befinden.
So gut hatte ich es nun nicht. Gar bald mußte ich mich, wenngleich unter lebhaftem Bedauern über die Kürze der Badezeit, aus dem Wogengebrause zurückziehen. Ein sich einstellender leichter Schüttelfrost hatte mich belehrt, daß ich es Jenen nicht gleichthun könne, die ohne nachtheilige Folgen eine halbe Stunde und länger in der stärksten Brandung aushalten. Er schwand indessen bald genug wieder. Kaum hatte ich im Bredau'schen Pavillon einen kleinen Imbiß und eine Flasche Porter zu mir genommen, als die beängstigende Mattigkeit dem angenehmen Gefühl körperlichen Wohlbehagens wich.
Ich trat wiederum ins Freie, neugekräftigt, mit unaus
sprechlicher Freude vom Dünenrücken das entzückende Bild ringsumher betrachtend.
Zu beiden Seiten der Düne fluthete das flaschengrüne, brandende und jauchzend aufrauschende Meer, weiße Schaumkämme an die Ufer werfend. Am Weststrande jagte Neptun mit seinem Hofstaate auf weißmähnigen Rossen galoppirend einher, am Oststrande spielten die stürmenden Wogen mit haarigen Männerleibern.
Ich stieg an den Weststrand hinab. Ueber den 1875 Meter breiten Meeresstreifen hinweg richtete ich den betrachtenden Blick auf die Ostküste Helgolands.
Noch im 17. Jahrhundert war das zu ihren Füßen lagernde Vorland mit der Düne durch einen breiten Geröllwall verbunden. Diesen und die Ostküste Helgolands schützte die im Nordwesten der Düne liegende Wittklipp, ein weißer Kreidefelsen von 60 Meter Höhe, lange Zeit gegen den verheerenden Anprall der Wogen.
„Nach uns die Sündfluth", sagten die Vorfahren der jetzt im Ober- und Unterland residtrenden Insulaner, da trugen sie, schnöden Gewinnes halber, das zu mancherlei Zwecken gut verwendbare Material des Kreidefelsens nach und nach ab.
Hernach hätten sie es wohl gern besser gesehen.
Indes, — — — —
„Sie saßen zu tief in der Kreide — —
Da war es natürlich vorbei!" singt Altmeister Scheffel irgendwo.
Eine Sturmfluth machte sich heimtückisch an das Scelett der Wittklipp heran und warf es über den Haufen. Nur zur Zeit tiefster Ebbe ragen noch Ueberbleibsel die'es einstigen Bollwerks gegen Wind und Wogen aus dem Meere hervor. Seiner Schutzwehr beraubt, vermochte der Steinwall einem bald darauf wiederkehrenden Rasen der vom Sturme gepeitschten Wogen rächt zu widerstehen. Er wurde durchbrochen, und seine weggeschwemmten Trümmer dienten zur Verstärkung des Unterlandes einerseits, des westlichen Dünenstrandes andererseits. Nord- und Südhafen waren fortan eine Wasserfläche.
Die langgestreckte schmale Düne, die Einbuße erleidet, wenn Südwestwinde wehen, ist bei Ebbe ungefähr 2200 Meter lang, 320 Meter breit. In dem verderblichen, wüsten Decembersturm des Jahres 1894, der arg an ihrem Leibe nagte, stieg sie, wie die Helgoländer verzagten Herzens von ihrem Felsen aus beobachten konnten, von den Wogen im Süden und Norden überfluthet, an Umfang nur mehr einem großen Schiffe vergleichbar, aus dem tobenden Meere hervor.
(Fortsetzung folgt.)
Hrnnsristisches.
Aus „Lustige Welt", Verlag von Georg E. Nagel, Berlin SW. Vierteljährlich Mk. 1,30, Einzelnummer 10 Pfg. — Ländliches Mißverständniß. Bauer: „Ich glaub', Alte, wir gehen nach Haus." Bäuerin: „Warum denn?" Bauer: „Hier auf dem Theaterzettel steht, daß der nächste Act erst zwei Jahre später spielt, und so lange können wir doch nicht warten." — Gedankensplitter. Wer zu viel über das Leben nachdenkt, vergißt zu leben. Einst schrieb man fürs Herz, heute schreibt man nur für die Nerven. Kopfschmerzen rühren nicht immer von „Kopfarbeit" her. — Poesie und Prosa „Was ist Dir, Männchen, Du bist so nachdenklich geworden?" „Wundert Dich das, wenn der Wind zum ersten Mal wieder über die Stoppeln fegt?" „'s ist wahr, Du hättest Dich schon längst mal wieder rasiren lassen sollen!" — Standesgemäß. „Herr Com- merzienrath, was wird Ihre Tochter heute auf der Soiree singen?" „Nu, was werd se singen? Selbstredend de fainsten Sachen!"
ÄAaction: $. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitätr-Buch« und Steindrucke!« (Pietsch Erben) in Bietzen.


