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wobei wir nicht bedenken, daß ihr Leben an unserer Hand doch erst beginnt, während das unsere zum Theil bereits verbraust ist."

Mein Verdienst bleibt allein die Geduld, mit der ich ihr Anderssein ertrug, sonst ist genau so viel Schuld auf meiner Seite, glaube mir. Alle Einsicht dieser bitteren Erkenntniß soll meine Mädchen behüten,- ich will sie bewachen, will sie denken lehren, daß sie dereinst lieber auf eigenen Füßen stehen, ehe sie ungeprüft und blind für einen Anders­gearteten ihr eigenes Selbst aufgeben. Leiten will ich sie und werde ich sie, daß Du dereinst mit dem heutigen Tage zufrieden sein sollst, Du Gute."

Frau Luise schwieg aus Schonung für den Schwer­geprüften,- im Stillen war sie überzeugt, daß die armen Kinder ihre ganze Jugend hindurch sein Unglück mittragen müßten.

III.

Das Gut der Wulstens war ein bescheidenes, aber blühendes Besitzthum, zumal seine Bewirthschaftung den einzigen äußeren Lebenszweck des Ehepaares ausmachte. Weder kostspielige Reisen noch Wintervergnügungen zehrten an ihrem Einkommen, die Nähe der Stadt S. erlaubte so­gar, die beiden Knaben länger, als sonst üblich, im Hause zu behalten, da früh der Milchmagen sie nach dem Gymnasium brachte und Mittags eine Postverbindung, wenigstens bet sehr grundlosen Wegen, die Rückkehr erleichterte. Meist liefen sie die drei Viertelstunden nach dem langen Schulzwang, bis Franzens angestrengteres Arbeiten, vielleicht auch der knaben­hafte Hochmuth, auf dem Milchwagen durch die Stadt fahren zu müssen, eine Pension für ihn bedingten. Heinrich indeß wehrte sich gegen den Stadtaufenthalt, obwohl ihm zur Gesellschaft nun Niemand blieb, aber desto lieber machte er sich davon, um auf eigene Faust umherzustreifen.

Es war so hübsch auf stelsgarten, selbst für Jemand, der nicht mit seinem Stolz daran hing.

Weithin erstreckten sich die Felder, und stattlichJirästntirte der Gutshof sich in seiner geschlossenen Anlage. Das große Wohnhaus lag im blumenbewachsenen Vorgarten- den Wirthschaftshof hatte es nach der Rückseite, von wo es seit­lich durch eine große Gitterthür nach dem großen Obst­garten ging, dessen Rasenplätze Herrn Wulstens Stolz ausmachten.

Niedriges Gehölz führte vom Garten zum Walde, dahin lenkte Heinrich seine Schritte.

Die Peitsche im Genick mit beiden Händen haltend, den Kopf zurückgebogen, träumte er aufwärts in die Wipfel, während er über den Waldboden schritt, dessen trockenes Holz unter seinen Tritten knickte. Das klang ihm gar traulich zum Flüstern und Raunen da oben.

Marschirte er jetzt so weiter, mußte er die Försterei bald erreichen, wo sie sich freuen würden über sein Kommen. Die Försterin hing mit Zärtlichkeit an Heinrich, der jungen- mäßig genug nichts that, solche Empfindungen zu verdienen, trotzdem ihn das Loos der Frau schmerzte. Sie war aus gutem Hause, litt unterdeß unter der Rohheit ihres Mannes, weshalb er freundlich duldete, daß sie ihre thränenden Augen in seine kurzgeschnittenen Haare drückte, wenn es gar zu schlimm gewesen war.

Das nur geweißte einstöckige Gebäude der Försterei lag inmitten einer thalartigen Lichtung zwischen seinen wenigen Feldern und dem Wirthschastshofe. Auf letzterem sah es bunt genug aus. Tümpel, durch welche die Kälber trotteten, während die eingesperrte Schweinemutter sehn­süchtig danach grunzte, waren dort reichlich vorhanden, und von der Verfassung der Rindviehställe hielt Heinrich schon gar nichts.

Zur Seite des Hauses lag der Eingang, eine Ziegelstein­treppe führte zu ihm hinauf. Ihm gegenüber war eine große Laube aus Stangen hergerichtet, denen man freilich keine grüne Ranke zur Bekleidung gegönnt hatte. Die darin aufgestellten Tische und Bänke wurden den jungen Hunden,

den Hühnern und Tauben eher zum Ruheplatz, als den friedlosen Menschen dieses Hauses.

Gerade jetzt, da Heinrich aus dem Walde, aus dem Reiche seiner Gedanken und Vorstellungen kam, schien ihm diese Wohnstätte besonders elend, als jedoch zu gleicher Zeit vom Hofe her der Agent Sabor Güterausschlächter nannten ihn die Leute mit den verschmitzten Augen im fetten, dunklen gemeinen Gesicht, plump auf den Knotenstock gestützt, ihm entgegenstapfte, raunte er spornstreichs ins Haus.

In der großen Küche linker Hand befand sich Niemand, deshalb guckte der Junge in die altväterliche Wohnstube - sie war ebenfalls menschenleer. Nur die Bilder des Herrn Pastors und der Frau Pastorin schauten behaglich, zufrieden und freundlich von der Wand, gar nicht, als ob hier eines ihrer dreizehn Kinder ihr dickes Hannchen sein Leben täglich verwünschte.

Plötzlich drang ein langgezogenes, heiseres Brüllen an Heinrichs Ohr. Das kam aus den Stälen, deshalb war auch Keiner hier- ja, es mußte etwas Verzweifeltes vor­gehen, da der Sabor sich so geflissentlich bei Seite drückte.

Heinrich eilte hinaus und sprang über den Hof, wo er die Mägde und Knechte am Rindviehstate zusammengedrängt sah in Furchtsamkeit, Stumpfsinn und Neugierde. Er drückte sich zwischen ihnen durch bis zur Försterin, die eben aus dem Stalle kam.

Gu'n Tag, Heinrich," sagte sie bekümmert und zeigte auf den jungen, kräftigen Ochsen, von dem der Förster Körber sich ein Heidengeld versprochen hatte, der jetzt aber in einem Colikanfall umhertobte, daß die Strike rissen und Keiner sich mehr zu ihm getraute.

Der Försterin dickes, blasses Gesicht zuckte. In ihrer langsamen, traurigen Sprechweise klagte sie:Wenn das Vieh stirbt, mein Mann bringt uns um. Nun ist er auch gar nicht hier, dazu können wir keinen Thierarzt auftreiben, es ist schrecklich. Alle sind über Land- man ist ganz hilflos- was wir wissen, haben wir schon versucht. Schließlich lief Carl da zum Schlächter, damit man wenigstens das Fleisch retten könnte nicht Einer war zu Hause."

Heinrich guckte in den Stall, gerade während des Thieres Anfall sich verstärkte. Wüthend peitschte es sich die Flanken, stieß den Kopf gegen die Raufen, daß sie splitterten und die Mägde laut schrieen.

Er stirbt!" ichrie Heinrich ebenfalls.

Das Unglück ereignete sich wirklich, verendend brach das Thier zusammen.

Beklommen folgte Heinrich der Försterin ins Haus, doch ihr Kaffee wollte ihm heute nicht schmecken, er athmete ans, als sie ihm sagte, Christian fahre zur Stadt, er könne mit auffteigen.

Heinrich that, wie ihm geheißen, der Knecht knallte mit der Peitsche und fort gings.

Auch die Unterhaltung wußte Christian zu fördern. Daß das Haudpferd, die Liese, doch jetzt viel forscher ins Zeug gehe, daß bei Tönnies Kindtaufe, in Niederhof beim Schulzen große Hochzeit sei, ja, weiter nach Rostock hin liege nun auch wohl Einquartierung.

Doch Heinrich konnte den Nachmittag nicht aus dem Sinn kriegen. Abgehetzt, überschritt er den eigenen, peinlich sauberen Hof, bekümmert, wie schwer cs wäre, Land und Vieh ertragfähig zu erhallen. Gerade deswegen wollte er auch Landwirth werden. Er würde gewaltige Kräfte haben, seinen Leuten beizustehen, und hatte er erst alles Nöthige sludirt, würden sie bei ihm jede menschenmögliche Hilfe finden.

In dieser Nachdenklichkeit betrat er das Eßzimmer - erschrocken blieb er im Halbdunkel der Thür stehen.

Zum ersten Male sah er das blühende Gesicht bet Mama vom Weinen entstellt. Sie saß im Sessel, schluchzte und wischte die Thränen, die ihren guten Augen unablässig entströmten.

Herr Wulsten ging mit dröhnenden Schritten auf und ab. Er war ganz blauroth im Gesicht, stierte vor sich hin oder